Eine Schülerin liest sich Abituraufgaben durch. | dpa

Schüler beschweren sich "Dein Artikel hat mein Abi versaut"

Stand: 25.04.2021 20:16 Uhr

Er erhalte viele Nachrichten von Schülern, deren Leben er offenbar ruiniert habe, schreibt Farhad Manjoo auf Twitter. Schüler in NRW mussten in der Abiprüfung einen Text des New-York-Times-Autoren analysieren und hatten Probleme.

Farhad Manjoo ist ein US-amerikanischer Journalist, der 2020 in einer Kolumne für die "The New York Times" die kalifornische Gesetzgebung für Einfamilienhäuser kritisiert. Er hält diese Wohnweise für rückständig, da sie zuviel Platz verbrauche.

Symbolbild: Ein nachdenklicher Schüler im Klassenraum  | imago images / Westend61

Symbolbild: Ein nachdenklicher Schüler im Klassenraum Bild: imago images / Westend61

In dem Artikel macht sich Manjoo viele Gedanken. Über das richtige Wohnen, darüber in welchen Wohnverhältnissen er und seine Kinder aufwachsen - aber er hat mit Sicherheit nicht darüber nachgedacht, dass er wegen dieses Artikels ein Jahr später zur Zielscheibe für Abiturienten in NRW werden könnte.

Feedback aus NRW: "Junge, benutz doch Wörter die es im Wörterbuch gibt"

Farhad Manjoo, Kolumnist der New York Times | New York Times

Farhad Manjoo, Kolumnist der New York Times. Bild: New York Times

Seit diesem Wochenende hat der Lebenslauf von Farhad Manjoo einen neuen Eintrag in der englischen Wikipedia: Seine Kolumne über die Kritik an Einfamilienhäusern sei für das Abitur in Nordrhein-Westfalen benutzt worden. Einige Prüflinge im Fach Englisch scheinen darüber nicht besonders glücklich zu sein.

Offenbar war die Wortauswahl von Manjoo für einige zu speziell, oder wie es ein User aus Bochum auf Instagram ausdrückte: "Junge, benutz doch Wörter die es im Wörterbuch gibt du hOnd".

Oder auch ... "dein Artikel hat mein Abi versaut - danke für Nichts".

Manjoo sagte am Sonntag in der Aktuellen Stunde des WDR, dass er gar nicht wusste, dass sein Text als Aufgabe im Abitur genutzt wurde. Der Journalist zeigte aber Verständnis für die emotionalen Redaktionen: Der Artikel enthält "viele Wörter, die für Nicht-Muttersprachler schwerer zu verstehen sind". Auch amerikanische Redewendungen seien enthalten gewesen. Majoo entschuldigte sich dafür, falls er den Abiturienten Ärger bereitet habe - das habe er nicht gewollt.

90.000 Abi-Prüfung im Fach Englisch

Am Freitag haben in NRW unter strengen Schutzauflagen und nach einem Schuljahr unter Pandemie-Bedingungen die Prüfungen für das "Abi 2021" begonnen. Für die ersten der insgesamt rund 90.000 Abiturienten standen am Tag eins Klausuren im Fach Englisch an. Die Abiturprüfungen seien "reibungslos" gestartet, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer noch am Prüfungstag.

Für die Prüfung gab es drei Texte zur Auswahl, unter anderem auch die Kolumne von Farhad Manjoo. Über den zunächst ahnungslosen Autoren entlud sich dann im Netz ordentlich Reibungsenergie.

User nehmen Farhad Manjoo in Schutz

Nun kann Manjoo aber wirklich nichts dafür, dass eine seiner Kolumnen für eine Prüfung im fernen NRW ausgewählt wurde. Man kann sich vorstellen, wie er sich über die eintrudelnden Beschimpfungen gewundert hat. So sehen es auch viele andere, die dem Autor auf Twitter zur Seite springen.

Abiturienten bekommen Nachhilfe direkt vom Autoren

Farhad Manjoo, Kolumnist der New York Times | New York Times

Der US-amerikanische Journalist Manjoo antwortet auf Twitter sogar auf Übersetzungsfragen der Schüler. Bild: New York Times

Manjoo scheint den kleinen Shit-Storm aus NRW mit Humor zu nehmen und er geht noch weiter und hilft sogar bei der Analyse seines Textes. So kam die Twitter-Userin "@Monovitaminsaft" offenbar nicht mit dem raren Adjektiv "ritziest" zurecht, da das Slang-Wort nicht in ihrem Wörterbuch stand. Der Journalist antwortet ihrer Bitte um Übersetzung auf Twitter - so ein schnelles Feedback des Autoren einer Prüfungsarbeit wäre bei einem Shakespeare-Text ja eher nicht möglich.

Und der US-Kolumnist bestätigt die Vermutung, die Schüler schon seit Generationen haben, nämlich dass Texte im Unterricht überinterpretiert werden und nicht hinter jeder Wortwahl ein tiefschürfendes Bildnis versteckt ist.

Droht bereits die nächste Kommentarflut?

Mit seinem vorbildlichen Umgang mit den Reaktionen aus NRW stolpert Manjoo aber vermutlich direkt in die nächste Kommentarflut. Denn eine Lehrerin aus Berlin lobt den Prüfungstext-Autoren für seine geduldige Art, wie er in dem Twitter-Thread auf die Schüler eingeht und droht damit - beziehungsweise kündigt an - die Online-Diskussion in ihrer Klasse zu verwenden und Manjoo damit von Tag zu Tag berühmter zu machen.