Jodtabletten liegen in einer Apotheke auf dem Tisch. | Bildquelle: dpa

Schutz vor Super-GAU in Aachen Run auf Jodtabletten bleibt aus

Stand: 01.09.2017 16:06 Uhr

Zu Tausenden haben sich die Menschen in der Region Aachen mit Bezugsscheinen für Jodtabletten eingedeckt. Doch in die Apotheken gehen sie noch nicht. Die Tabletten sollen im Falles eines Super-GAUs helfen.

Von Philipp Wundersee und Dorothee Sauerland, WDR

Im deutsch-belgischen Grenzland übt man sich heute in Gelassenheit. Es ist ein traumhafter Spätsommertag, die Cafés vor dem Rathaus in Aachen sind voll. Eine junge Mutter, ihr Baby schläft im Tragetuch, ist gut informiert. Sie wisse, wie sie an den Bezugsschein für die Jodtabletten komme, aber sie habe es nicht eilig.

Jodtablettenausgabe in Aachen: Rebecca Dawel | Bildquelle: Dorothee Sauerland/WDR
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Karls-Apotheke Aachen: Rebecca Dawel gibt erste Jodtabletten aus

Dabei sitzt sie im Café gleich neben der Karls-Apotheke, der ältesten in Aachen. Seit der Öffnung um 8.30 Uhr habe sie hier nur wenige Bezugsscheine entgegengenommen, sagt Rebecca Dawel. Die pharmazeutisch-technische Assistentin musste bei der Ausgabe kaum Fragen beantworten. "Die Menschen wissen gut Bescheid, ich erkläre natürlich alles. Aber es ist nichts Neues für die Kunden, die Jodtabletten wollen."

Wie Jodtabletten helfen

Stadt verteilt Jodtabletten | Bildquelle: dpa
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Jodtabletten: Etwas Schutz im Ernstfall

Professor Lutz Freudenberg ist Nuklearmediziner aus Grevenbroich und hat viel zur Schilddrüse und zur nuklearen Strahlung geforscht. Jodtabletten hält er generell für eine gute Maßnahme, da radioaktives Jod in die Schilddrüse geht und gerade Kinder und junge Erwachsene stark gefährdet: "In den Tabletten steckt das Fünfhundertfache des Tagesbedarfs. Die Schilddrüse wird mit Jod überflutet und die Schilddrüse praktisch blockiert."

Dadurch werde das radioaktive Jod wieder ausgeschieden. Wichtig sei der richtige Zeitpunkt der Einnahme der Tabletten, sagt Freudenberg: "Es ist sinnvoll, bei einem Fallout 48 Stunden vorher bis 8 Stunden nachher eine Jod-Blockade durchzuführen. Das hat sich in der Vergangenheit gezeigt.“

Polens Erfolg nach Tschernobyl

So habe es Polen 1986 nach dem Unglück von Tschernobyl geschafft, eine Jodlösung an Kinder und Jugendliche im Land zu verteilen. Da habe es keine Zunahme an Schilddrüsenkrebs gegeben. In Weißrussland, wo diese Jodlösung nicht verteilt wurde, seien die Zahlen stark gestiegen.

Man könne mit den Tabletten aber auch mehr Schaden anrichten als Nutzen: "Je jünger der Mensch desto sinnvoller ist die Einnahme. Ist man über 45 Jahre alt, hat man ein hohes Risiko, dass die Schilddrüse nicht mehr gut funktioniert. Knotenbildungen, Entzündungen, Fehlfunktionen - bei vielen dieser Erkrankungen könnte nach einer Einnahme von Tabletten eine Überfunktion der Schilddrüse ausgelöst werden. Das führt im Alter zu einer Herzrhythmusstörung."

Jodtabletten schützen nur teilweise

Für Lutz Freudenberg sind die Tabletten zwar generell eine sinnvolle Maßnahme, absolute Sicherheit bedeuteten sie aber nicht. "Das radioaktive Jod stellt nur ein Bruchteil des Problems dar. Aber was sonst freigesetzt wird an Radioaktivität, was zu einer Kontamination von Menschen selbst und der Nahrung führt, da haben sie keine Chance, sich zu schützen."

Jodtablettenausgabe in Aachen | Bildquelle: Dorothee Sauerland/WDR
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Jodtabletten: Beipackzettel und Informationsbroschüre

Henning Meier kauft in der Aachener Apotheke Pflaster. Mit 39 Jahren hätte er Anspruch auf die kostenlosen Tabletten. "Vielleicht komme ich am Wochenende dazu, den Bezugsschein für mich und meine Familie runterzuladen", sagt er. Ja, wichtig und sinnvoll sei das allemal. Aber: "Wissen Sie, wenn das Ding in Tihange uns wirklich um die Ohren fliegt, dann ist doch sowieso mit einem Schlag alles anders."

Ein Schutz, den offensichtlich doch viele haben wollen: Die Städte in der Region melden, dass am Vormittag mehrere Tausend Bezugsscheine runtergeladen wurden. "Und irgendwann werden die dann auch bei uns ankommen", sagt Rebecca Dawel von der Karls-Apotheke.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. September 2017 um 14:00 und 17:00 Uhr.

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