Ein Fahrgast hält in einem Kölner U-Bahnhof ein 9-Euro-Ticket in die Kamera | dpa

Günstiger Nahverkehr Was folgt auf das 9-Euro-Ticket?

Stand: 29.06.2022 09:16 Uhr

Sozialverbände und Verkehrsexperten fordern, nach dem Ende des 9-Euro-Tickets weiter günstige Nahverkehrsangebote zu machen. Doch die FDP lehnt eine Verlängerung ab. Wie könnte eine Lösung aussehen?

Der Sozialverband Deutschland fordert günstige Angebote für den Nah- und Regionalverkehr auch für die Zeit nach dem Auslaufen des 9-Euro-Tickets. "Die Politik muss jetzt die Chance nutzen und langfristige Weichen für nachhaltige und bezahlbare Mobilität stellen, indem ÖPNV und Nahverkehr verbessert und für jeden bezahlbar werden", sagte Verbandspräsident Adolf Bauer den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Als Beispiel nannte er ein 365-Euro-Jahresticket.

Bauer betonte, die Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket habe gezeigt, wie groß das Nutzungspotenzial im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sei. "Diese Dynamik muss unbedingt genutzt werden, um ein dauerhaft vergünstigtes Angebot für ÖPNV-Tickets zu entwickeln", sagte der Sozialverbandschef. Zur Finanzierung schlug er vor, Geld "umzuschichten" und verstärkt in den ÖPNV und die Umgestaltung des bestehenden Straßenraums zu investieren. Dazu müssten große Erbschaften, Vermögen und Kapitalerträge stärker besteuert werden.

"Instrument gegen Inflation und für Klimaschutz"

Der Linken-Fraktionschef im Bundestag, Dietmar Bartsch, hält ein Auslaufen des stark vergünstigten Nahverkehrstickets ohne Anschlussmodell für fatal. "Wir sollten das 9-Euro-Ticket dauerhaft durch ein 1-Euro-Ticket ersetzen", schlug er in den Funke-Blättern vor: "Ein Euro pro Tag oder 365 Euro im Jahr - mehr sollte der Nahverkehr für Bürgerinnen und Bürger nicht kosten." Das wäre nach Ansicht Bartschs "ein vernünftiges Instrument gegen die Auswirkungen der Inflation, für sozialen Zusammenhalt und Klimaschutz".

Wien macht's vor

Nach Ansicht von Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender von Pro Bahn, sollten zunächst das Schienennetz und der Bahnverkehr für eine stärkere Nachfrage ausgebaut und vorbereitet werden, bevor günstiger Nahverkehr angeboten wird. Zugleich müsse der Autoverkehr zum Beispiel über höhere Parkgebühren deutlich verteuert werden. "Nur über diesen Weg kann eine Verkehrswende und die Verlagerung von der Straße auf die Schiene gelingen", sagte Naumann den Funke-Zeitungen. Diesen Weg sei die Stadt Wien gegangen und haben erst zuletzt ein 365-Euro-Jahresticket eingeführt.

Auch die Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, Maike Schaefer, argumentierte, neben einem bestmöglich bundesweit gültigen Ticket bräuchten die Bundesländer dennoch höhere Regionalisierungsmittel für bessere Fahrttakte, mehr Fahrzeuge und mehr Infrastruktur. "Das alles sollte zu einem großen Paket für die Verkehrswende geschnürt werden, um im Verkehrssektor nachhaltig CO2 einzusparen", sagte die Bremer Senatorin für Klimaschutz und Umwelt dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland".

FDP-Minister gegen Verlängerung

Mit dem 9-Euro-Ticket können Bürgerinnen und Bürger noch bis Ende August für neun Euro monatlich deutschlandweit den Nahverkehr nutzen. Das Ticket ist ebenso wie die befristete Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel Teil des Entlastungspakets, das die Bundesregierung angesichts stark steigender Energie- und Lebensmittelpreise beschlossen hatte. Mit dem Ticket ist auch die Hoffnung verbunden, dass mehr Menschen vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing und Bundesfinanzminister Christian Lindner sprachen sich jedoch gegen eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets aus. Sie verwiesen auf die Kosten von monatlich über einer Milliarde Euro. "Schritte in Richtung des kostenfreien ÖPNV sind kritisch, weil Knappheiten dann nicht über den Preis gesteuert werden können", sagte der FDP-Chef. Es bestehe auch die Gefahr, dass Kapazitäten unnötig und übermäßig genutzt würden.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 29. Juni 2022 um 09:07 Uhr.