Zahlreiche Fahrgäste steigen am Bahnhof Zoologischer Garten aus einer U-Bahn | picture alliance/dpa
FAQ

Nahverkehr So soll das "Deutschlandticket" funktionieren

Stand: 03.11.2022 16:05 Uhr

Statt neun Euro wie im Sommer künftig 49 Euro im Monat: Das "Deutschlandticket" kommt. Worauf können sich Fahrgäste einstellen? Was ist noch offen? Und was wird kritisiert? Antworten auf wichtige Fragen.

Nach dem 9-Euro-Ticket ist vor dem 49-Euro-Ticket: Mit einer Einigung über Finanzfragen haben Bund und Länder den Weg für ein neues Ticketmodell frei gemacht. Das "Deutschlandticket" für Busse und Bahnen im Nah- und Regionalverkehr soll möglichst früh im kommenden Jahr kommen. Wie soll es aussehen?

Die Ausgangslage

Im Juni, Juli und August ermöglichte das 9-Euro-Ticket jeweils für einen Monat bundesweit Fahrten in Bussen und Bahnen. Nach Branchenangaben wurden rund 52 Millionen verkauft. Politiker und die Verkehrsbranche werteten das als großen Erfolg - auch weil das Ticket bundesweit gültig war. Bisher gibt es viele Tarifzonen und unterschiedliche Angebote. Auf Dauer sei ein solch "extrem günstiger Tarif" aber nicht zu finanzieren, hatte Bundesverkehrsminister Volker Wissing deutlich gemacht. In der Diskussion waren daraufhin verschiedene Preismodelle. Mitte Oktober einigten sich die Verkehrsminister von Bund und Ländern grundsätzlich auf ein 49-Euro-Ticket als Nachfolgemodell für das 9-Euro-Ticket.

Nun gibt es auch zu den Finanzfragen eine Einigung. Der Bund erhöht dauerhaft Regionalisierungsmittel, mit denen die Länder Bahn- und Busverbindungen bei den Verkehrsunternehmen bestellen. Die Länder hatten dies zur Bedingung gemacht. Das neue Ticket kostet drei Milliarden Euro. Bund und Länder finanzieren das jeweils zur Hälfte. Über die weitere Entwicklung der Regionalisierungsmittel und des "Deutschlandtickets" für die Zeit ab 2025 wollen Bund und Länder Ende 2024 sprechen.

Was ist nun geplant?

Das digitale, bundesweit gültige Deutschlandticket ist für einen Einführungspreis von 49 Euro im Monat in einem monatlich kündbaren Abonnement vorgesehen. Ob es auch im Papierformat an Automaten zu kaufen sein wird, ist offen. Die Entscheidung treffen die Länder und Verkehrsverbünde.

Mit dem Ticket soll der öffentliche Personennahverkehr attraktiver werden. Sprich: Vor allem Pendler sollen vom Auto auf Busse und Bahnen umsteigen. Das soll auch helfen, Klimaziele zu erreichen. "Noch nie war es für die Menschen in unserem Land so einfach, Bus und Bahn zu nutzen", sagte Wissing.

Wann wird das Ticket eingeführt?

"Schnellstmöglich" steht dazu im Beschlusspapier von Bund und Ländern. Das Ziel ist ein Start zum Jahreswechsel. Wissing sagte, es seien Vorarbeiten geleistet worden, aber noch Fragen zu beantworten. Ob eine Einführung zum Januar klappt, ist offen. Vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hieß es, ein Start zum 1. Januar wäre wünschenswert: "Wir setzen alles daran." Dies sei aber zunehmend unrealistisch. Wahrscheinlicher sei eine Einführung zum Ende des ersten Quartals 2023.

Auch die Länder müssten in den Parlamenten die Beschlüsse herbeiführen. Darauf verwiesen auch Landesminister. Darüber hinaus seien viele weitere Fragen offen, argumentiert der VDV. Es sei kein monatliches 9-Euro-Ticket, sondern ein Abonnement. Dies sei aufwendiger.

Bleibt es bei 49 Euro?

Nach den Plänen der Verkehrsminister ist ab dem zweiten Jahr eine "Dynamisierung" in Form eines automatischen Inflationsausgleichs geplant. Das Ticket könnte also teurer werden. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst ist sich schon jetzt sicher: "Der Preis wird steigen." Es solle vermieden werden, dass wegen steigender Kosten Bestandsverkehre abbestellt und Linien ausgedünnt werden müssten. "Das beste Ticket hilft am Ende nicht, wenn der Bus nicht mehr kommt."

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer verwies auf die enormen Kostensteigerungen etwa bei der Energie. Strecken würden sonst ausgedünnt oder stillgelegt.

Sind soziale Staffelungen geplant?

Die Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland, Michaela Engelmeier, lobte zwar die Einigung. "Trotzdem bleiben wir dabei, dass sich 49 Euro nicht alle Menschen leisten können. Deshalb fordern wir weiterhin ein 365 Euro-Ticket." In Ländern könnte es gestaffelte Preise geben.

Berlin hatte nach dem 9-Euro-Ticket ein 29-Euro-Monatsticket beschlossen, das seit Oktober im Abo erhältlich ist und nur in Berlin gilt. Der rot-grün-rote Senat hatte sich darauf verständigt, es zunächst um drei Monate bis Ende März zu verlängern. Zum 49-Euro-Ticket sind andere Fragen ebenfalls offen. So fordert der Fahrradclub ADFC, dass Räder in Nahverkehrszügen grundsätzlich kostenlos mitgenommen werden dürfen.

Was sagen Bahn und Verkehrsverbände?

Die Deutsche Bahn hat das "Deutschlandticket" als wegweisend bewertet. "Das neue 'Deutschlandticket' ist eine Flatrate für den Regionalverkehr", sagte Vorstandsmitglied Evelyn Palla der Nachrichtenagentur dpa. "Damit revolutionieren wir die Art, wie sich die Menschen in Deutschland im Alltag fortbewegen."

Kritische Töne kommen vom Bundesverband Schienennahverkehr. Verbandspräsident Thomas Prechtl hält den Bund-Länder-Kompromiss zum 49-Euro-Ticket für unzureichend: "Mit diesem Kompromiss wird nur kurzfristig der Druck aus dem Kessel genommen." In dem Verband sind vor allem die Verkehrsverbünde in Deutschland organisiert; sie bestellen den Nahverkehr bei den Verkehrsunternehmen. "Der Bund erhält das 'Deutschlandticket', mit dem er politisch punkten kann und die Länder werden in die Lage versetzt, aktuell zumindest die Bestandsverkehre zu erbringen", betonte Prechtl. Die für den ÖPNV insgesamt nun zugesagte eine Milliarde Euro zusätzlicher Regionalisierungsmittel sei bei weitem nicht ausreichend.

Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sieht die Einigung zum neuen Ticket kritisch. Die Herausforderungen Angebotsausbau, mehr Personal und mehr Fahrzeuge ließen sich mit der zugesagten Erhöhung der sogenannten Regionalisierungsmittel von rund einer Milliarde Euro nur teilweise lösen, teilte Gewerkschaftschef Martin Burkert mit.

(Quelle: dpa)