Flüchtlingslager Kara Tepe | REUTERS

Flüchtlingslager Kara Tepe Kälte, Krankheiten - und erhöhte Bleiwerte

Stand: 20.02.2021 13:39 Uhr

Das Flüchtlingslager Kara Tepe auf der Insel Lesbos befindet sich auf einem ehemaligen Militärgelände. Nun wurden dort teilweise erhöhte Bleiwerte festgestellt. Human Rights Watch befürchtet Bleivergiftungen bei den Menschen.

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen

Es ist immer noch kalt, aber immerhin: Es hat endlich aufgehört zu regnen. Die Tage zuvor war es stürmisch, manchmal schneite es sogar - ganz normales Winterwetter auf der griechischen Insel Lesbos. Doch für etwa 7000 Menschen wird genau das jeden Tag zur Herausforderung. Denn sie leben im Flüchtlingscamp Kara Tepe.

Verena Schälter

Bis vor zwei Tagen sei es richtig kalt gewesen, erzählt Mohamad Hamid. Es habe nicht genügend Strom gegeben, um das Zelt zu heizen. "Ein Stromgenerator muss mehr als 200 Zelte versorgen. Und das reicht einfach nicht für die mehr als 400 Familien, die darin leben. Das ist sehr schwierig."

Seit 13 Monaten lebt Mohamad mit seiner Familie auf der Insel. Seine kleine Tochter kam in Moria zur Welt. 15 Tage später brannte das Lager komplett ab. Das war im September. Die griechische Regierung hat daraufhin provisorisch ein neues Lager auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz direkt am Meer errichtet.

Berichterstattung wird durch Behörden verhindert

Seitdem klagen Campbewohner und Nichtregierungsorganisationen über die katastrophalen Zustände dort: überflutete Zelte, kein Strom, kaum sanitäre Anlagen. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht, denn die griechischen Behörden verweigern Journalisten seit Monaten den Zutritt.

Zu den ohnehin äußerst schwierigen Bedingungen kommt für die Menschen im Camp nun noch ein weiteres gravierendes Problem hinzu, sagt Katharina Rall von Human Rights Watch: "Truppenübungsplätze, insbesondere Schießstände, sind bekanntermaßen einer der Gründe für Bleivergiftung des Bodens."

Sie befürchtet, der Boden unter dem Flüchtlingslager könnte verseucht sein. Auch auf Drängen von Human Rights Watch hat die griechische Behörde für Geologie und Bergbauforschung das Areal untersucht und auf dem Gelände des 21.000 Quadratmeter großen ehemaligen Schießstands zwölf Bodenproben entnommen. Das Ergebnis: Die Bleiwerte sind teilweise erhöht.

Einer der bedenklichen Werte sei viermal so hoch wie der Wert, den die griechische Regierung für Wohngebiete in Griechenland als zulässig erachte, sagt Rall.

Griechische Regierung sieht keine Gefahr

Die griechische Regierung argumentiert, dass die bedenkliche Probe aus einem Bereich des Lagers stamme, auf dem keine Wohnzelte errichtet seien. Dementsprechend bestehe keine Gefahr für die Bewohner. Ein Interview dazu lehnte das griechische Migrationsministerium ab.. 

Die Regierung habe mehrfach davon gesprochen, dass diese Werte für Industriegebiete zulässig seien, sagt Rall. Doch die Situation im Flüchtlingslager sei eine völlig andere: "Die Leute halten sich sehr viel draußen auf, die kleinen Kinder spielen draußen und sind dabei dem Boden auf eine Art und Weise ausgesetzt, wie das selbst in normalen Wohngebieten niemals der Fall wäre". Dies sei natürlich nicht zu vergleichen mit einem Industriegebiet.

Laut WHO gibt es bei Blei keinen Grenzwert, ab dem eine Belastung nicht gesundheitsschädlich wäre. In den menschlichen Körper kann es über Bodenpartikel, Nahrung, Trinkwasser oder Luft gelangen. Für Kinder ist es besonders schädlich - etwa 2500 leben in Kara Tepe.

 

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 20. Februar 2021 um 13:09 Uhr.

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