Ein Abstrichstäbchen wird in einer ambulanten Corona-Test- Einrichtung gehalten | Bildquelle: dpa

Coronavirus in Deutschland Bislang keine zweite Welle

Stand: 27.07.2020 16:39 Uhr

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer sagte, die zweite Corona-Welle sei bereits da. Experten widersprechen: Bislang handele es sich zumeist um lokale Ausbrüche. Zudem sei die Gesellschaft mittlerweile viel besser vorbereitet.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Aus Sicht des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer hat die allseits befürchtete zweite Infektionswelle in Deutschland bereits begonnen und finde "jeden Tag statt". Der "Rheinischen Post" sagte der CDU-Politiker: "Wir haben jeden Tag neue Infektionsherde, aus denen sehr hohe Zahlen werden könnten." Die Aufgabe bestehe darin, mit den Gesundheitsämtern diese Welle jeden Tag neu zu brechen. "Das klappt erstaunlich gut", sagte er.

"Vor allem lokale Ausbrüche"

Experten widersprechen jedoch der Einschätzung Kretschmers. "Deutschlandweit sind die Zahlen zuletzt gestiegen", sagt der Statistiker Thomas Hotz im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder. Hotz forscht an der TU Ilmenau und veröffentlicht mit einem Team Berechnungen zum R-Wert. Er betont, die steigenden Zahlen scheinen zumeist auf lokale Ausbrüche zurückzugehen, die beherrschbar seien. "Die Gesundheitsämter haben die Situation gut im Griff", meint er; eine sogenannte zweite Welle gebe es derzeit nicht.

Auch der Epidemiologie-Professor Rafael Mikolajczyk von der Uni Halle sieht bislang keinen Grund zur Panik, da es sich offenkundig vor allem um lokale Geschehnisse handele.

Ende der vergangenen Woche war die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland an zwei Tagen in Folge auf jeweils rund 800 Fälle gestiegen. Allerdings liegt die Zahl der aktiven und schweren Covid-19-Fälle sowie der Todesopfer weiterhin relativ niedrig. Die Gründe sind vielfältig, unter anderem ist mittlerweile mehr über die Krankheiten bekannt.

Fortschritte bei der Behandlung

Selbst wenn die Infektionszahlen wieder stark steigen sollten, muss es nicht zwingend zu Horrorszenarien auf den Intensivstationen kommen. Stefan Kluge, der die Abteilung für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg leitet, verwies in der "Zeit" bereits Ende Juni darauf, dass die Behandlung von Patienten große Fortschritte gemacht habe. Die Behandlung sei mittlerweile Routine, deswegen sehe man einer möglichen zweiten Welle entspannt entgegen.

Auch die hohe Anzahl der Tests helfe in Deutschland, das Geschehen genau zu beobachten, sagt Wissenschaftler Hotz. "Allerdings testet nicht jedes Land so viel. Das könnte insbesondere im Bezug auf die Urlauber, die nach Deutschland zurückkehren, kritisch sein."

Was passiert im Herbst?

Wie sich die Lage im Herbst entwickelt, wagen die Experten nicht zu bewerten: Die sei "zumindest eine Herausforderung". Die WHO warnt bereits, das Risiko neuer Infektionen werde steigen, wenn die Urlaubszeit zu Ende geht und es kühler wird. Ob und wann es aber in welchen Ländern zu einem neuen Anstieg von Infektionen oder einer zweiten Welle komme, sei nicht vorherzusagen. "Wir wissen, dass das Virus sich draußen weniger effektiv verbreitet als in geschlossenen Räumen, dass gut gelüftete Räume weniger Risiko bergen als schlecht gelüftete und dass das Abstand Halten ebenfalls eine Rolle spielt", sagte eine WHO-Sprecherin.

Die tatsächlichen Übertragungsraten hingen aber vom Verhalten der Menschen und den geltenden Schutzmaßnahmen ab. Das Risiko eines Wiederaufflammens der Krankheit bestehe in jedem Land. Mit der Pandemie umzugehen sei "ein Marathon, kein Sprint".

Marylyn Addo.
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Appell zur Grippe-Impfung: Infektiologin Addo.

Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am UKE, rechnet ebenfalls durchaus mit einem größeren Infektionsgeschehen im Herbst. Empfehlenswert sei es daher, die Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen weiterhin einzuhalten, sagte sie dem ARD-faktenfinder. Dies gelte "besonders in Hinblick auf die bevorstehende Grippe-Saison". Daher sollten sich möglichst viele Menschen rechtzeitig gegen Grippe impfen lassen, um die Anzahl dieser Erkrankungen möglichst niedrig zu halten.

"Den Deckel drauf"

Wissenschaftler Hotz betont, die Epidemie verlaufe ohnehin "nicht in Wellen, sondern die Fallzahlen erhöhen sich, wenn wir die Dinge laufen lassen". Dann können wieder strengere Maßnahmen ergriffen werden. "Wir halten sozusagen den Deckel drauf; wenn wir diesen Deckel herunternehmen, steigt das Geschehen wieder. So war es auch beispielsweise in Israel und dem Iran."

Gegenüber dem ARD-faktenfinder ergänzte Wissenschaftler Mikolajczyk zudem: "Wenn die Ergebnissen der Umfragen stimmen, dann beachtet ein großer Teil der Bevölkerung weiterhin die Empfehlungen zum Tragen der Maske und Abstandseinhaltung. Eine zweite Welle kann es erst geben, wenn Gesellschaft und Politik nicht mehr bereit sind, Kontakte einzuschränken, beziehungsweise auf einen Anstieg von Fällen mit stärkeren Kontaktbeschränkungen zu reagieren."

"Haben es selbst in der Hand"

So sieht es auch der Epidemiologie-Professor Mikolajczyk. Anfang März habe das Virus in Deutschland "eine zwar vorgewarnte, aber weitgehend nicht vorbereitete Gesellschaft" getroffen. Die Reproduktionszahl sei hoch gewesen, zwischen 2,5 und 3. Dass ein solcher Wert wieder erreicht würde, sei unwahrscheinlich, meint der Forscher, so lange die Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln eingehalten würden.

Solange das Verhalten in der Bevölkerung zu einer Reproduktionszahl von unter 1 führe, "werden auch viele eingeschleppte Fälle oder einzelne Superspreader-Events nur zu einem Ausbruch führen", der innerhalb von zwei bis drei Wochen wieder zum Erliegen komme, sagt Mikolajczyk. "Ob es eine zweite Welle geben wird, haben wir - die Gesellschaft und Politik - in der Hand."

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