Jan Marsalek | Bildquelle: Wirecard

Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek Manager mit Hang zum Geheimen

Stand: 21.07.2020 08:41 Uhr

Er soll eine Schlüsselrolle im Bilanzskandal um Wirecard spielen - der 40-jährige Österreicher Marsalek. Wer ist der Mann, der in Russland untergetaucht sein soll?

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Der finanzielle und politische Schaden ist schon jetzt gewaltig: Der DAX-Konzern Wirecard ist insolvent, deutsche Behörden und Wirtschaftsprüfer stehen in der Kritik, da sie die Bilanzfälschung bei dem Zahlungsabwicklungsunternehmen lange nicht entdeckt hätten. Die Bundesregierung gerät unter Druck, weil sie die Firma beim Markteintritt in China noch unterstützt haben soll, als die Finanzaufsicht BaFin bereits wegen Marktmanipulation bei Wirecard ermittelte.

Während sich Ex-Vorstandsvorsitzender Markus Braun den Behörden stellte, verschwand derjenige, dem in dem Bilanzskandal eine Schlüsselrolle zugeschrieben wird: das langjährige Vorstandsmitglied Jan Marsalek. Nach seiner Suspendierung am 18. Juni legte der 40-jährige Österreicher offenbar eine falsche Spur auf die Philippinen und nach China. Seinen Kollegen hatte er mitgeteilt, er werde auf die Philippinen reisen, um die in der Firmenbilanz vermissten 1,9 Milliarden Euro zu finden und damit seine Unschuld zu beweisen. Philippinische Behörden fanden heraus, dass seine Reisedaten gefälscht worden waren. Deutsche und österreichische Ermittler fahnden nach ihm wegen Betrugs und Veruntreuung.

Da Marsalek im Kreis seiner Kollegen und Geschäftsfreunde aber recht mitteilungsbedürftig zu sein scheint, konnten die "Financial Times" und das "Handelsblatt" einiges über ihn zusammentragen. Außerdem besitzt der russische Inlandsgeheimdienst ein umfangreiches Dossier zu seinen Reisen, wie die Rechercheorganisation Bellingcat berichtet. Sie nahm auch Einblick in zwei russische Behördendatenbanken zu Ein- und Ausreisedaten.

Söldnertruppe für Libyen

Demnach verfolgte Marsalek weitere Projekte neben seiner Karriere bei Wirecard, wo er 2000 eingestiegen und seit 2010 als Vorstandsmitglied für das Asien-Geschäft zuständig war. Dazu zählen eine Reihe fragwürdiger Unternehmungen und bizarrer Geschichten, die er offenbar selbst verbreitete.

Seit 2015 soll sich Marsalek in Libyen engagiert haben, wo er der "Financial Times" zufolge ein Wiederaufbau-Projekt organisieren wollte. Dieses habe jedoch offenbar als Tarnung zum geplanten Aufbau einer Söldnertruppe zum Schutz von Fabriken oder für den Einsatz an der südlichen Grenze Libyens dienen sollen, um Migration einzudämmen.

Unterstützer und Geldgeber suchte er demnach im Umfeld der österreichisch-russischen Freundschaftsgesellschaft in Wien. Der russische Nahost-Experte und Universitätsdozent Andrej Schuprygin bestätigte dem Blatt, dass er Marsalek beraten habe, bestritt allerdings aktuelle Verbindungen zu russischen Geheimdiensten, nachdem er nach Einschätzung von Beobachtern früher Offizier des Militärgeheimdienst GRU war. Russland wiederum bestreitet militärische Aktivitäten in dem nordafrikanischen Land. In einem UN-Bericht ist jedoch die Rede von 800 bis 1200 Söldnern des privaten russischen Militärunternehmens "Wagner Gruppe" in Libyen seit 2018.

Marsalek selbst soll Kollegen von Verbindungen zum russischen Militär berichtet haben: Er habe sich damit gebrüstet, die syrische Stadt Palmyra kurz nach deren Einnahme als Gast der russischen Truppen besucht zu haben. 2018 zeigte er Geschäftspartnern in London vier hochsensible und geheime Berichte der "Organisation für das Verbot chemischer Waffen" (OPCW) im Zusammenhang mit der Vergiftung des früheren russischen Geheimdienstagenten Skripal in Salisbury. Auch soll er behauptet haben, die detaillierte Formel des verwendeten Giftes Nowitschok zu besitzen.

Dutzende Kurzbesuche in Russland

Migrationsdaten der russischen Behörden zeigen laut Bellingcat, dass Marsalek in den vergangenen zehn Jahren mehr als 60 Mal in Russland war, wobei er meist kürzer als einen Tag blieb. Im September 2017 hielten ihn die Grenzbeamten des Geheimdienstes FSB für einige Stunden an einem der Moskauer Flughäfen fest, bevor er in einem Privatjet ausreisen durfte.

Nach diesem Vorfall reiste er zumindest nicht mehr mit seinem österreichischen Pass ein, wobei er nach eigenen Aussagen Reisedokumente mehrerer Staaten besitzt. Bellingcat zufolge sammelte der FSB seit 2015 internationale Reisedaten von Marsalek - womöglich um ihn zu rekrutieren oder ihm Rahmen eines - in welcher Form auch immer bestehenden - Arbeitsverhältnisses.

Unter Obhut des GRU?

All die Geschichten um den Österreicher legten schließlich nahe, dass auch bei seinem Verschwinden am 18. Juni Russland eine Rolle gespielt haben könnte. Den entscheidenden Hinweis gab Marsalek selbst: Laut "Handelsblatt" schrieb er einem Kollegen auf die Frage, ob er sich in einer "politisch stabilen Umgebung" befinde, an seinem Aufenthaltsort seien seit 25 Jahren die gleichen Leute an der Macht. Dies trifft zwar nicht auf Russland, aber auf Belarus zu, wo Aleksander Lukaschenko seit 26 Jahren regiert und das mit Russland einen gemeinsamen Grenzraum bildet.

Tatsächlich fand Bellingcat einen Einreisevermerk nach Belarus für Marsalek nur einige Stunden, nachdem Wirecard ihn am 18. Juni freigestellt hatte. Unter Berufung auf Informationen aus Unternehmer-, Justiz- und Diplomatenkreise berichtete das "Handelsblatt", Marsalek sei später auf einem Grundstück bei Moskau untergebracht worden, wo er unter Obhut des Militärgeheimdienstes GRU stehe. Vorher soll Marsalek noch mittels Bitcoins enorme Geldsummen nach Russland transferiert haben.

Diese Umstände führen zu zahlreichen Fragen über das Verhältnis des Managers zu den russischen Geheimdiensten. Gesprächspartner der "Financial Times" zeigten sich unsicher darüber, wie sehr Marsalek von Abenteurertum getrieben und wie weit er bewusst mit russischen Geheimdiensten gearbeitet hat. Nicht auszuschließen ist, dass seine russischen Kontakte auch im Bilanzskandal um Wirecard eine Rolle spielen. Die Agentur Interfax schrieb, die russischen Behörden würden Marsalek nicht verfolgen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow behauptete, er wisse nichts von dem Fall.

Bellingcat wollte jedoch angesichts der Tatsache, dass Marsaleks Daten einer angeblichen Philippinen-Reise gefälscht wurden, nicht ausschließen, dass auch am Einreisevermerk nach Belarus etwas nicht stimmen könnte. Die Fälschung dieser Daten allerdings wäre eine noch größere Story, als Marsaleks Aufenthaltsort herausgefunden zu haben. Denn wer könnte Marsalek auf diese Weise schützen und warum würde er es tun?

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Juli 2020 um 08:45 Uhr.

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