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Verschwörungsmythen Klaus Schwab, das WEF und der "Great Reset"

Stand: 16.01.2023 06:46 Uhr

Klaus Schwab ist der Gründer des Weltwirtschaftsforums (WEF), das jedes Jahr ranghohe Politiker und Wirtschaftsvertreter zu einem Treffen in Davos einlädt. Für Verschwörungsideologen ist er eine Hassfigur - vor allem wegen eines Buches.

Von Pascal Siggelkow, Redaktion ARD-faktenfinder

"Laut WEF dürfen wir demnächst nur noch zu Fuß laufen oder ein Auto maximal teilen, während die Eliten weiterhin in ihren Privatjets herumfliegen und weiter dunkle Pläne schmieden" - heißt es in einer Telegram-Gruppe. Die Rede ist vom World Economic Forum (WEF), dem Weltwirtschaftsforum, das jährlich zu einer mehrtägigen Konferenz in der kleinen Schweizer Gemeinde Davos einlädt.

Pascal Siggelkow

Unter den mehr als 2500 Teilnehmern sind sowohl führende Politiker, Wirtschaftsvertreter und Nichtregierungsorganisationen. Für dieses Jahr haben unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg ihr Kommen angekündigt.

Doch wo so viele einflussreiche Menschen zusammen kommen, sind auch Verschwörungsmythen nicht weit. Im Internet finden sich zahlreiche Artikel und Videos darüber, wie das WEF im Hintergrund die Strippen zieht - immer wieder ist dabei die Rede von "The Great Reset" (auf deutsch: "Der große Neustart"). Was hat es damit auf sich?

Nährboden für Verschwörungsideologien

Das Weltwirtschaftsforum wurde 1971 vom deutschen Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab gegründet - damals noch unter dem Namen European Management Conference. Es finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und öffentliche Zuschüsse. Ziel des Weltwirtschaftsforums ist es nach eigenen Angaben, "den Zustand der Welt zu verbessern".

Verschwörungsideologen sehen das komplett anders. Ihnen zufolge will Schwab mit dem WEF eine "neue Weltordnung" installieren - zugunsten der "Elite" und auf Kosten der "einfachen" Bevölkerung. "Das Motiv, dass es in irgendeiner Form eine im Verborgenen agierende Elite gibt, ist ein grundlegendes Motiv fast aller Verschwörungserzählungen", sagt Katharina Kleinen-von Königslöw, Professorin am Fachgebiet Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg. "Wer diese Elite ist, das wandelt sich dann. Das sind manchmal die Juden, mal die katholische Kirche, dann ist es George Soros oder jetzt eben Klaus Schwab."

Dass das Weltwirtschaftsforum für Verschwörungsideologen einen guten Nährboden gibt, wundert Jan Rathje, Senior Researcher beim CeMAS (Center für Monitoring, Analyse und Strategie), nicht. "Große Treffen von Menschen, die über Machtressourcen verfügen, eignen sich besonders gut als Zielscheibe für Verschwörungserzählungen, weil dort durchaus wichtige politische Prozesse verhandelt werden." Jedoch seien die Inhalte solcher Treffen deutlich weniger brisant. "Es ist nicht so, dass sich dort Menschen treffen, um eine globale Verschwörung auszuhecken, sondern um miteinander zu diskutieren, wie die Zukunft gestaltet werden könnte."

Die Vorstellung, die verschiedenen Teilnehmer auf diesen Treffen hätten das gemeinsame Interesse einer globalen Verschwörung, sei zu einfach gedacht. Hinzu komme, dass viel zu viele Menschen involviert wären, um so eine große Verschwörung geheim halten zu können, sagt Kleinen-von Königslöw. "Wenn so viele Menschen darüber Bescheid wissen würden, müsste es irgendwann öffentlich werden." Zudem ist die Liste der teilnehmenden staatlichen Vertreter öffentlich einsehbar, ganz so geheim, wie von Verschwörungsideologen oftmals behauptet, ist das Treffen nicht.

Die Idee des "Great Reset"

Während Treffen wie das Weltwirtschaftsforum schon sehr lange im Fokus von Verschwörungserzählungen stehen, ist Klaus Schwab erst seit einiger Zeit zur Zielscheibe geworden - genauer gesagt seit Juni 2020. Denn dann machte er die WEF-Initiative "The Great Reset" öffentlich. Kurze Zeit später erschien zudem sein fast gleichnamiges Buch, das er zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Thierry Malleret geschrieben hat.

Die Idee hinter dem "Großen Umbruch", wie das Buch auf dem deutschen Markt heißt: Die Corona-Pandemie soll als Chance genutzt werden, um Gesellschaften und die globale Wirtschaft gerechter, sozialer und ökologisch nachhaltiger zu gestalten. "Schwabs Befund ist: Sowohl auf der Wirtschafts- als auch auf der Gesellschaftsebene gibt es große Veränderungen, beispielsweise wegen der Klimakrise oder den digitalen Überwachungsmöglichkeiten durch Regierungen", sagt Matthias Diermeier, Leiter des Kooperationsclusters Demokratie, Gesellschaft und Marktwirtschaft am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Daraus leite Schwab eine aus seiner Sicht notwendige Zuwendung zum sogenannten Stakeholder-Kapitalismus ab. "Im Grunde genommen ist es eine Abkehr der reinen Gewinnmaximierung von Unternehmen und auch eine Abkehr von einer rein wirtschaftspolitischen Maximierung des Bruttoinlandsprodukts hin zu einem weiteren Blick beim Wirtschaften", sagt Diermeier. "Dann geht es nicht mehr nur darum, dass ich als Mensch, als Unternehmen oder als Staat möglichst viel verdiene, sondern dass ich möglichst diesen unterschiedlichen Anspruchsgruppen gerecht werde."

"Keine innovative Idee"

Die Theorie des Stakeholder-Kapitalismus ist in der Betriebswirtschaftslehre nichts Neues. Der Ansatz, zum Beispiel Umweltschäden zu vermeiden oder die Mitarbeiter fair zu entlohnen, um den unregulierten Kapitalismus etwas zu zähmen, ähnelt dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, sagt der politische Ökonom Diermeier.

Die Initiative von Klaus Schwab und dem WEF sei daher für Deutschland deutlich weniger progressiv als für Länder mit schwächer ausgeprägtem Sozialstaat wie den USA. Dort bestehe nach Ansicht von Schwab die Gefahr, dass die durch die Globalisierung beschleunigte Deindustrialisierung ganzer Regionen zu Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit führen könne. "Und das kann dann laut Schwab letzten Endes auch die Demokratie gefährden, wenn antidemokratische Kräfte versuchen, diese Unzufriedenheit auszunutzen", sagt Diermeier.

Indem jedoch soziale Sicherungssysteme installiert und gleichzeitig auch potentielle Risiken wie die Klimakrise bekämpft würden, könnte nach Ansicht von Schwab der Gefahr jedoch vorgebeugt werden. "Im Kern ist das keine innovative Idee, was Schwab fordert", sagt Diermeier. Dass nicht nur die Gewinnmaximierung beim Wirtschaften im Vordergrund stehen sollte, werde schon lange an den Universitäten und Hochschulen gelehrt. In der Fachwelt sei das Buch daher auch weniger stark rezipiert worden.

Sätze werden aus Zusammenhang gerissen

Dass die Initiative des WEF und das Buch dennoch eine so hohe Aufmerksamkeit vor allem in den verschwörungsideologischen Kreisen erfahren haben, liegt nach Ansicht von Kommunikationswissenschaftlerin Kleinen-von Königslöw auch an dem Zeitpunkt der Veröffentlichung. "Es gibt in den Kreisen schon lange die Vorstellung, dass die 'Elite' daran arbeitet, eine 'neue Weltordnung' einzuführen. Die Corona-Pandemie und der 'Great Reset' lassen sich in diese Verschwörungserzählung sehr gut integrieren." So wird dem WEF und Schwab beispielsweise unterstellt, die Pandemie lediglich erfunden zu haben, um die "neue Weltordnung" zu etablieren.

Dadurch, dass das Buch insgesamt nur recht vage Ideen enthalte, gebe es viele Interpretationsspielräume für Verschwörungsideologen, sagt Kleinen-von Königslöw. "Dann werden einzelne Sätze aus dem Kontext gerissen und dienen als vermeintliche Beweise für die eigene Erzählung." So wird Schwab unter anderem vorgeworfen, das Autofahren verbieten zu wollen. Dabei geht es ihm in Wahrheit darum, Carsharing zu fördern, um Ressourcen zu sparen. Zudem kann das WEF gar nichts verbieten, schließlich ist es lediglich eine Organisation. Das WEF wurde auch schon fälschlicherweise mit der Forderung in Verbindung gebracht, Haustiere für den Klimaschutz töten zu wollen.

"In gewisser Weise zeigt sich an diesen Erzählungen auch, dass der Gesamtprozess von hinten betrachtet wird", sagt Politikwissenschaftler Rathje. "Weil die Verschwörungsideologen ohnehin glauben, dass es eine einzige Konfliktlinie zwischen dem 'Volk' und der 'Elite' gibt, interpretieren sie alles genau in diesem Maßstab. Dass Politik jedoch wesentlich komplexer ist, als dass man einfach nur eine Gruppe von mächtigen Menschen zusammenbringt, die dann alle das Gleiche wollen, wird dabei völlig außer Acht gelassen." Genau das sei typisch für Verschwörungsideologen, dass sie die Komplexität von politischen, sozialen und historischen Prozessen stark reduzierten und vereinfachten.

Mythen unterscheiden sich je nach Land

Die Verschwörungsmythen rund um Klaus Schwab und das WEF werden von verschiedenen Milieus verbreitet, sagt Rathje - von verschwörungsideologischen Globalisierungsgegnern bis zu Rechtsextremisten. Auch weltweit bekannte Akteure der Neuen Rechten oder der "Querdenker"-Bewegung wie die Österreicher Martin Sellner von der "Identitären Bewegung" und AUF1-Chef Stephan Magnet gehören dazu, ebenso wie der russische Ideologe Alexander Dugin und der einstige Chefstratege von Ex-US-Präsident Donald Trump, Steve Bannon.

Die Mythen zum "Great Reset" unterschieden sich dabei je nachdem, in welchem Land sie verbreitet werden, sagt Diermeier vom IW. "In Deutschland und Europa ist der Vorwurf an Schwab, dass wir jetzt in ein Zeitalter eintreten, wo der Neoliberalismus die Macht an sich reißt. Wo wir am Ende von Konzernen kontrolliert werden und unsere Freiheit aufgeben müssen." In den USA hingegen würde Schwab vorgeworfen, den Sozialismus einzuleiten, indem er die Enteignung der Konzerne fordert.

"Verschwörungenserzählungen knüpfen meistens an Narrativen an, die es sowieso schon gibt - Unzufriedenheiten, die man aktivieren und emotionalisieren kann", sagt Diermeier. "Und das ist bei uns in Europa relativ stark diese Erzählung von der Verschwörung der Eliten in Form eines neoliberalen Kapitalismus. In den USA ist es hingegen die Angst davor, dass der Sozialismus überhand gewinnen könnte."

Fast ein Viertel glaubt an Einfluss geheimer Organisationen

Wie anschlussfähig Verschwörungserzählungen über angeblich geheime Intrigen der "Elite" sind, zeigt auch eine Umfrage des IW Köln aus dem Jahr 2021. Demnach stimmten 23 Prozent der Befragten der Aussage voll oder eher zu, dass es geheime Organisationen gibt, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Dass die Medien und die Politik unter einer Decke stecken, stieß sogar bei 26 Prozent auf Zustimmung.

Man könne durchaus Globalisierungsprozesse kritisieren und die Probleme, die dadurch entstünden, sagt Rathje vom CeMAS. Herrschaft müsse sogar kritisiert werden dürfen in einer offenen, liberalen und demokratischen Gesellschaft. "Das Problem ist nur, wenn das Ganze auf einer ideologischen Grundlage passiert." Bei Verschwörungserzählungen werde alles Übel der Welt auf einzelne Menschen wie Klaus Schwab projiziert. Zudem würden alle Verschwörungsideologien ein apokalyptisches Weltbild zeichnen.

Gefährlich könne es dann werden, wenn wie beim "Great Reset" den "Eliten" vorgeworfen werde, Gewalt gegen das "Volk" ausüben zu wollen. "Solche extremen Opfer-Erzählungen können bei Menschen dazu führen, dass sie sich dazu veranlasst sehen, auch zu Mitteln der Gewalt zu greifen, um das Böse aus der Welt zu schaffen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Januar 2023 um 08:21 Uhr.