Die britische Flagge weht vor dem "Big Ben"-Glockenturm. | Bildquelle: dpa

Großbritannien Falschmeldungen kurz vor der Wahl

Stand: 12.12.2019 09:25 Uhr

Das Bild eines Jungen, der in einem britischen Krankenhaus auf dem Boden liegen musste, sorgte für Aufregung im britischen Wahlkampf. Eine Fake-Kampagne stellte das Foto als Fälschung dar.

Von Konstantin Kumpfmüller, tagesschau.de

Stundenlang lag der vierjährige Jack auf dem Fußboden eines Krankenhauses im britischen Leeds - obwohl der Verdacht auf eine Lungenentzündung bestand. Der Vorfall befeuert die Diskussion um den britischen Gesundheitsdienst NHS kurz vor der Parlamentswahl und brachte Premier Boris Johnson kurzzeitig in Erklärungsnot.

Als ein Reporter des Fernsehsenders ITV Johnson das Bild des Jungen zeigte und um Stellungnahme bat, nahm Johnson kurzerhand das Handy an sich. Erst auf Protest des Journalisten gab er es wieder zurück und sprach von einem "schrecklichen, schrecklichen Bild".

Die oppositionelle Labour-Partei nutzte die Chance, um erneut den Zustand des britischen Gesundheitsdienstes anzuprangern. Dieses leide an dem jahrelangen Sparkurs der konservativen Regierung. Der NHS zählt - neben dem Brexit - zu den Topthemen des Wahlkampfes.

Koordinierte Gegenstrategie?

Eine Wendung bekam die Debatte jedoch, als bei Facebook ein Post auftauchte, in dem behauptet wurde, das Bild sei gestellt. Die Mutter habe den Jungen nur auf den Boden gelegt, um dieses Foto machen zu können. Die Urheberin des Beitrags schreibt, sie sei selbst Krankenpflegerin. Die Information habe sie von einer Freundin, die in dem Krankenhaus arbeite. Die Geschichte des Jungen sei "Fake News" und Propaganda von "Momentum", einer politischen Organisation, die Jeremy Corbyn und Labour unterstützt.

Zahlreiche Accounts bei Facebook und Twitter teilten den Text innerhalb kurzer Zeit. Dabei seien gezielt reichweitenstarke Accounts auf den Text aufmerksam gemacht worden, wie die britische Rechercheseite "First Draft News" schreibt.

Mit Erfolg: Der ehemalige Kapitän der englischen Cricket-Mannschaft, Kevin Pietersen, teilte einen Screenshot des Posts mit mehr als drei Millionen Followern. Dem "Guardian" zufolge teilten auch zahlreiche Journalisten und mindestens fünf Kandidaten der Tories entsprechende Posts.

Account gehackt?

Die Aussage, dass das Foto gestellt sei, ist jedoch falsch. Das Krankenhaus hatte bereits am Freitag den Vorfall in einer Stellungnahme bestätigt und sich bei der Mutter des Jungen entschuldigt. Ungeachtet dessen verbreitete sich die Falschmeldung in den sozialen Medien jedoch weiter.

Die Frau, über deren Facebookaccount der ursprüngliche Beitrag veröffentlicht wurde, sagte dem "Guardian", dass sie gehackt worden sei. Weder sei sie Krankenpflegerin, noch kenne sie jemanden in Leeds. Die Zeitung verzichtete darauf, den Namen der Frau zu nennen. Sie habe bereits Todesdrohungen erhalten. Ob ihr Account wirklich gehackt wurde, blieb unklar.

Mehr zum Thema

Bereits seit einigen Wochen gibt es Kampagnen in den sozialen Medien, die mit teilweise falschen Behauptungen Wahlkampf betreiben. Auch dabei stand das britische Gesundheitssystem im Mittelpunkt.

Über dieses Thema berichteten am 12. Dezember 2019 NDR Info um 07:08 Uhr und tagesschau24 um 11:30 Uhr.

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