Menschen in einer Fußgängerzone in Stuttgart | Bildquelle: dpa

Entwicklung der Bevölkerung Die Legende vom "Austausch"

Stand: 03.03.2020 12:00 Uhr

"Die Pläne für einen Massenaustausch sind längst geschrieben" - das hat AfD-Politikerin von Storch behauptet. Doch bei dem angeblichen Plan zum "Bevölkerungsaustausch" handelt es sich lediglich um eine Studie.

Von Carla Reveland, NDR und Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Die rechtsradikalen "Identitären" sprechen vom "Großen Austausch", das Magazin "Compact" schrieb von einem "7-Punkte-Plan zum Volksaustausch" und auch rechtsextreme Terroristen beziehen sich auf einen angeblichen Plan, die Bevölkerung durch Flüchtlinge zu ersetzen. Warum dies geschehen soll, bleibt zumeist unklar, dennoch hat sich die Legende von der "Umvolkung" oder dem "Bevölkerungsaustausch" zu einem zentralen Narrativ in rechtsradikalen Kreisen etabliert. Auch die AfD nutzt diese Begriffe mittlerweile regelmäßig gezielt und schürt dadurch Ängste vor verstärkter Zuwanderung.

Ein angeblicher Beweis für diese vermeintliche Geheimoperation soll ein Plan sein, den die UN veröffentlicht habe. So schrieb die AfD-Politikerin Beatrix von Storch in einem Tweet, die "Pläne für einen Massenaustausch sind längst geschrieben". Dazu verlinkte sie ein Dokument der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2000.

Bei dem Dokument handelt es sich aber um keinen Plan, sondern um eine Studie. Sie beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit in Anbetracht einer alternden Bevölkerung und einer relativ niedrigen Geburtenrate ein Rückgang der Einwohnerzahl durch Migration ausgeglichen werden könnte.

Weder ist von einem Plan die Rede, noch geht es darum, ein Volk auszutauschen oder zu ersetzen. Vielmehr beobachten die UN im Rahmen ihrer regulären Arbeit die Entwicklung der Bevölkerung und Migration, um so für alle Länder der Welt eine Basis zur offiziellen Bevölkerungsschätzung und für Prognosen zu liefern. Die Behauptung, es gebe Pläne der Vereinten Nationen, die Bevölkerung auszutauschen, ist also grob irreführend.

"Einzigartiges Experiment"

Eine weitere vermeintliche Bestätigung, dass die Politik in Deutschland an einem Bevölkerungsaustausch arbeite, soll der Harvard-Politikwissenschaftler Yascha Mounk in den tagesthemen geliefert haben. Mounk hatte sich in dem Interview über den Zustand der Demokratie geäußert und gesagt, es gebe "ein historisch einzigartiges Experiment". Und zwar würde eine "monoethnische" und "monokulturelle" Demokratie in eine "multiethnische" verwandelt. Diese Äußerung wurde als Beleg interpretiert, dass ein geheimes Experiment mit der Bevölkerung laufe.

Im Interview mit dem NDR sagte Mounk, bei solchen Interviews sei man ein bisschen aufgeregt und achte nicht auf jede Formulierung. Er habe gar nicht das Gefühl gehabt, etwas Kontroverses geäußert zu haben. Doch nach und nach wurde dieser Abschnitt aus dem Interview im Netz immer weiter verbreitet. "Es fing an mit bestimmten rechtspopulistischen Blogs, dann bestimmte Facebook-Gruppen der AfD, und dann ging das sehr schnell in das wirklich sehr offene rechtsradikale Milieu - bis zu einer amerikanischen Neonazi Website", so Mounk.

Antisemitische Mythen

Er sei dann beschimpft worden, als "einer der Eliten oder der Kosmopoliten, die hier die deutsche Bevölkerung ausradieren" wollen, berichtet Mounk. Dies wurde teilweise verknüpft mit Hinweisen auf seine jüdische Familie. Wie so oft funktionieren solche Verschwörungstheorien also auch nach einem antisemitischen Muster. Sogar Morddrohungen erhält der Politikwissenschaftler noch heute.

Mounk betont, der Begriff Experiment sei absichtlich falsch interpretiert worden. Es gebe zum einen die Bedeutung im Sinne eines Experiments wie im Chemieunterricht, bei dem man genau wisse, was man tue und was das Resultat sein wird. Und dann gebe es die zweite Bedeutung: "Es ist eine Situation, die neu ist. Es ist eine Situation, die wir nicht absichtlich machen. Und wir wissen den Ausgang davon noch nicht." Heute würde er das wohl anders ausdrücken, sagt Mounk rückblickend. Aber inhaltlich stehe er zu allem, was er gesagt habe.

"Migration ist nicht steuerbar"

Der Migrationsforscher Jochen Oltmer hält die Vorstellung, es könnte einen Plan oder ein Experiment von Mächtigen geben, ohnehin für abwegig. Im NDR-Interview betont er, die Vorstellung vom "Bevölkerungsaustausch" impliziere, Regierungen und Verwaltung seien in der Lage, "Migration hochgradig zu steuern, Menschen wie Spielfiguren hin und her zu schieben". Doch das, so Oltmer, sei "überhaupt nicht der Fall".

Vielmehr hätten politische Entscheidungen überhaupt nicht die beabsichtigten Effekte erbracht, erklärt der Forscher. Im Jahr 1973 sei beispielsweise entschieden worden, die Anwerbeprogramme zu beenden, um Zuwanderung zu stoppen. Doch genau das Gegenteil sei eingetreten.

Migration sei historisch der Normalfall, erklärt Oltmer. Für einen tatsächlichen "Bevölkerungsaustausch" bräuchte man als wesentliche Voraussetzung, dass Staaten in massiver Weise Gewalt gegen Menschen ausüben, "sie verschieben, in Lastwagen stecken, in Züge stecken und tatsächlich ganze Bevölkerungsgruppen von A nach B bringen."

Zu- und Abwanderung

Wissenschaftler Oltmer betont zudem, es sei eine falsche Vorstellung, dass Menschen irgendwo hingingen und dort blieben. "Wenn man über so etwas wie Migration spricht, dann spricht man über Fluktuation, über Hin und Her. Ein großer Teil der Menschen, die in die Bundesrepublik kommen, kommen für einige wenige Monate, für einige wenige Jahre und kehren zurück oder wandern weiter." Die Vorstellung, man sei ein reines Einwanderungsland, in dem überhaupt keine Abwanderung stattfinde, sei "Unsinn".

Über dieses Thema berichtete der NDR in der Sendung "Panorama - Die Reporter" am 3. März um 21.15 Uhr.

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