Teilnehmer der Ride of Silence fahren mit ihren Rädern schweigend durch die Stadt. Mit dieser Aktion gedenken sie der im Straßenverkehr tödlich verunglückten Fahrradfahrer und - fahrerinnen.  | Bildquelle: dpa

Unfallstatistik Warum mehr Radfahrer im Verkehr sterben

Stand: 31.05.2019 13:31 Uhr

Berlin, Hamburg oder Leipzig - immer wieder sorgen tödliche Unfälle mit Radfahrern für Schlagzeilen. Seit Jahren sinkt die Zahl der Verkehrstoten insgesamt, bei Radfahrern ist sie zuletzt gestiegen. Woran liegt das?

Von Melanie Katharina Marks für tagesschau.de

Berlin streitet über seine Sicherheit. Oder genauer: Berliner Fahrradfahrer streiten für mehr Sicherheit auf den Straßen der Stadt. 2015 starteten Denis Petri, Heinrich Strößenreuther und weitere Mitstreiter ein Volksbegehren. Es sollte Berlin ein neues Radgesetz bringen: eines, das dem Radverkehr höhere Prioritäten einräumt und so Unfälle verringert. Mehr als 100.000 Bürger unterzeichneten die Petition. Das Gesetz kam im Sommer 2018. Aber der Kampf für mehr Sicherheit ist geblieben, denn die Zahl der getöteten Radfahrer im Straßenverkehr ist nicht gesunken. Im Gegenteil.

Seit mehr als 20 Jahren hat die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland stetig abgenommen. Von 8549 Getöteten im Jahr 1997 sank sie auf 3180 im Jahr 2017. Erst im vergangenen Jahr nahm die Zahl wieder zu. Knapp 100 Menschen mehr starben im Straßenverkehr. Der Grund: Die Zahl der Radunfälle ist gestiegen. Während insgesamt weniger Autofahrer und Fußgänger getötet wurden, stieg die Zahl der toten Radler: 50 Fahrradfahrer wurden im Jahr 2018 mehr getötet, insgesamt waren es 432. Vor allem Jugendliche sind betroffen. Obwohl sie nur knapp acht Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind mehr als zwölf Prozent der Getöteten zwischen 18 und 24 Jahre alt.

Woran liegt es, dass die Zahl der getöteten Radfahrer - entgegen des jahrelangen, bundesweiten Trends - gestiegen ist?

Grund 1: Es ist mehr los auf den Straßen

Der erste Grund scheint offensichtlich: Wo mehr Verkehrsteilnehmer sind, passieren auch mehr Unfälle. Und das Verkehrsaufkommen nehme stetig zu, sagt Julia Fohmann Sprecherin des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, "bei den Fahrradfahrern wie auch bei allen anderen Verkehrsteilnehmern".

Daten des Umweltbundesamtes zufolge stieg der Personenverkehr zwischen 1991 und 2017 um 37 Prozent. Alleine der Radverkehr nahm zwischen 2007 und 2016 um etwa sechs Milliarden Personenkilometer zu.

Besonders Städte stellt diese Entwicklung vor ein Problem: Mit 68 Prozent geschehen die meisten Unfälle innerorts. Hier konkurrieren immer mehr Fußgänger, Radfahrer, Autos oder Busse um den Platz auf der Straße. Doch der reiche nicht mehr aus, so Fohmann.

Grund 2: Die Infrastruktur ist schlecht ausgebaut

Die wenigsten Städte sind für diese Entwicklung gut vorbereitet. Die Infrastruktur sei nicht gut ausgebaut, kritisiert Fohmann. Und das treffe insbesondere die Radfahrer. Während Fußgänger noch eigens für sie abgegrenzte Gehwege hätten, "gibt es nicht überall Radwege. Sie sind außerdem häufig nicht örtlich abgetrennt zur Straße und oftmals stehen Falschparker darauf", sagt Fohmann. Das führe dazu, dass Radfahrer ausweichen müssten und somit ihr Unfallrisiko erhöhten.

Vor allem an Kreuzungen müsse nachgebessert werden, sagt auch Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer. Tödliche Fahrradunfälle würden zum größten Teil durch Autos verursacht, weil Rad- und Autofahrer sich nicht gegenseitig sähen. An Kreuzungen könne das etwa durch getrennte Ampelphasen gelöst werden, die nacheinander Autofahrer und Radfahrer durchlassen.

Allerdings: Die Infrastruktur in Städten auszubauen, ist ein langwieriger Prozess. Das Beispiel Berlin zeigt das eindrücklich: Das Volksbegehren Rad wurde 2015 initiiert, 2018 ein entsprechendes Gesetzt verabschiedet und 2019 streiten die Beteiligten noch immer über die konkreten Maßnahmen. "Umbauten müssen lange geplant werden und sind teuer", erklärt Brockmann. "Und wenn es um die Frage geht, wie Raum geschaffen werden kann, wird es auch politisch, denn man müsste den Autos Platz wegnehmen."

Dennoch gäbe es auch einfache Maßnahmen, die die Unfallzahlen reduzieren könnten, sagt Fohmann. "Man kann zum Beispiel die Straßenverkehrsordnung verändern und den Mindestabstand beim Überholen gesetzlich regeln." Das Tempo könne innerorts reduziert werden, von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde. Mehr Straßen könnten als Fahrradstraßen ausgewiesen werden.

Eine Ampel für Fahrradfahrer leuchtet in Köln.
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Berlin hat als erste Stadt ein Mobilitätsgesetz verabschiedet, das Radfahrer besser stellen soll.

Auch Assistenzsysteme könnten helfen, sagt Fohmann. Sie erkennen, wenn sich im toten Winkel ein Fußgänger oder Radfahrer aufhält und geben einen Warnton. Im März haben Europäisches Parlament und Europäischer Rat solche Hilfssysteme zur Pflicht gemacht. Bis 2024 sollen alle Neuwagen entsprechend ausgerüstet sein. Doch die Nachrüstung alter Fahrzeuge ist keine Pflicht. Seit Januar dieses Jahres fördert die Bundesregierung die Ausstattung alter Fahrzeuge. Bereits nach einer Woche waren die Mittel für das gesamte Jahr ausgeschöpft. Brockmann fordert deswegen, die Mittel aufzustocken.

Grund 3: Die Zahl der Pedelec-Fahrer hat zugenommen

Doch nicht alle Unfälle sind durch verbesserte Infrastruktur und Technik zu verhindern. Bei 99 der 432 tödlichen Radunfälle gab es gar keinen weiteren Beteiligten. "Auch wenn dann einmal ein Pfosten irgendwo steht, muss man eigentlich voraussetzen, dass der Fahrer vorausschauend fährt", sagt Brockmann.

Dass die Unfälle hier gestiegen sind, liege vor allem an den Pedelec-Rädern (Akronym für Pedal Electric Cycle). "Dabei geht es nicht so sehr darum, wie viel mehr Pedelecs unterwegs sind, sondern wer darauf fährt." Die Statistiken zeigten, dass die meisten verunglückten Fahrer die Kontrolle über das Pedelec verloren hätten. "Die elektrischen Räder machen viele Senioren wieder mobil", so Brockmann, "aber das führt auch dazu, dass sie mit Geschwindigkeiten unterwegs sind, die sie ansonsten nicht mehr erreichen würden."

Politik will Radfahrer besser schützen

Dass Handlungsbedarf besteht, hat die Politik bereits erkannt. Erst im vergangenen Monat haben die Verkehrsminister der Länder einen 15-Punkte-Plan erarbeitet, um Radfahren sicherer zu machen. Enthalten sind darin etwa der Vorschlag, den Mindestabstand beim Überholen in die Straßenverkehrsordnung aufzunehmen. LKW sollten demnach nur noch in Schrittgeschwindigkeit rechts abbiegen dürfen. Dennoch: Wo der größte Handlungsbedarf besteht - nämlich in der Planung von Verkehr und Infrastruktur -, ist nicht die Politik zuständig, sondern die Städte müssen aktiv werden.

Debatte über Helmpflicht

Ein weiterer Punkt in der Frage von mehr Sicherheit für Radfahrer ist umstritten: eine mögliche Helmpflicht. 2018 trugen nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen 18 Prozent aller Radfahrer einen Schutzhelm. Während von Kindern zwischen sechs und zehn Jahren 82 Prozent mit Helm unterwegs waren und von den 11- bis 16-Jährigen noch 38 Prozent, waren es bei den Erwachsenen je nach Altersgruppe nur zwischen sieben und 23 Prozent.

Eine Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie ergab 2017, dass es bei rund 25 Prozent aller Fahrradunfälle Kopfverletzungen gibt. Fahrradfahrer, die nach einem Unfall in Lebensgefahr schweben, sind aber in mehr als 70 Prozent aller Fälle schwer am Kopf verletzt. Das Tragen eines Helmes wird Fahrradfahrern unter anderem von Ärzten daher empfohlen. Eine Helmpflicht gibt es aber nicht. Das Bundesverkehrsministerium lehnt sie ausdrücklich ab, wirbt aber für das Tragen von Helmen.

Der Bundesgerichtshof lehnte in einem Urteil aus dem Jahr 2014 zudem die Einführung einer Helmpflicht durch die Hintertür ab. Die Richter entschieden, dass Radfahrern nicht allein deswegen eine Mitschuld an einem Unfall und dessen Folgen angelastet werden kann, weil sie keinen Helm getragen haben. Dies wurde damit begründet, dass weder eine Helmpflicht bestehe noch das Tragen eines Helmes bisher dem "allgemeinen Verkehrsbewusstsein zum eigenen Schutz" entspreche.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. April 2019 um 20:00 Uhr.

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