Anthropomorphe künstliche Hand | picture alliance / BSIP
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Transhumanismus Das nächste Ende der Menschheit

Stand: 24.11.2022 06:40 Uhr

In der Verschwörungsszene erfährt der Begriff des Transhumanismus momentan Aufschwung - nicht zuletzt deshalb, weil er bestehende Narrative in einer Art Dachmarke integriert. Experten halten die Zugkraft jedoch für begrenzt.

 Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-Faktenfinder

Ideologen aus Wladimir Putins Umfeld benutzen den Begriff genauso wie Impfgegner, LGBTIQ-Feinde, Technologieskeptiker, Esoteriker, religiöse Extremisten, Klimawandelleugner oder Kapitalismuskritiker. Insbesondere in der Coronaleugner-Szene erfährt der Mythos vom Transhumanismus als weltumspannende Verschwörung momentan wachsende Verbreitung, passt er sich doch nahtlos an die Narrative vom "Great Reset" und dem "großen Austausch" an.

Wulf Rohwedder

Bevölkerungsreduktion und Gedankenkontrolle, Genmanipulation, Genderpolitik, technische Implantate, das Diktat einer von einer Elite kontrollierten künstlichen Intelligenz, einhergehend mit der Auflösung menschlicher Werte und Normen - das ist die Dystopie, die die Anhänger dieses Mythos heraufbeschwören. Der Chefredakteur des rechtspopulistischen Onlinesenders AUF1 spricht sogar vom "Ende der Menschheit", ausgelöst von "Globalisten". Namentlich nennt er den israelischen Autor und Historiker Yuval Noah Harari als "Vordenker".

Yuval Noah Harari | IMAGO/Belga

Der israelische Autor Harari ist eines der Hauptziele der Transhumanisten-Mythiker. Bild: IMAGO/Belga

Begriff nur schwer zu fassen

Den Begriff Transhumanismus gibt es bereits seit Jahrzehnten und er hat in seiner Geschichte immer wieder Bedeutungswandlungen erfahren. Prinzipiell beschreibt er Bemühungen, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren zu erweitern, also den Versuch, die Evolution in die eigene Hand zu nehmen und zu steuern. Dazu zählen etablierte Techniken wie Herzschrittmacher, aber auch Künstliche Intelligenz oder Genmanipulationen - bis hin zu Anwendungen, die der Eugenik zuzurechnen sind.

Der Psychologe Sebastian Bartoschek beschäftigt sich schon lange mit Verschwörungsmythen, ebenso mit dem Thema Transhumanismus. Dieser denke das Menschsein weiter, sagt er dem ARD-Faktenfinder. "Diese Gedanken sind vielgestaltig und breit gefächert. Allerdings bleibt im öffentlichen Diskurs, zumal in den sozialen Medien, meist nur übrig, dass Transhumanisten gewissermaßen den 'jetzigen Menschen' überwinden wollen."

Das sei mit Blick auf die Mehrheit der Transhumanisten aber nicht der Fall, "aber es macht Angst, und zwar Angst davor, dass man selbst gewissermaßen als 'unwert' aussortiert oder von einem 'neuen Menschen' dominiert werden könnte". Es gehe also zum einen um ein Thema, das grundsätzlich alle Menschen betrifft, dann um ein solches, das meist nicht verstanden wird und darüber hinaus Angst schürt. "Dazu kommen dann noch vereinzelte laute Transhumanisten, die tatsächlich Klischees bedienen."

Klassische Verschwörungsstrukturen

Politikwissenschaftler Jan Rathje vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) sieht bei der Instrumentalisierung des Begriffs den klassischen Dualismus, der Grundlage aller Verschwörungsideologien ist: "Es geht um künstlich gegen natürlich, was für gut gegen böse steht", sagt er dem ARD-Faktenfinder. Sie baue dabei auf alten Feindbildern auf und modernisiere sie. Hierfür würden tatsächlich bestehende Konflikte ideologisch ausgedeutet und instrumentalisiert.

Das Bildschirmfoto zeigt Stefan Magnet und diversen Symbolen in Regenbogenfarben. | AUF1

Google, das Weltwirtschaftsforum, die LGBTQI+-Bewegung und Gentechniker - laut Magnet arbeiten sie alle daran, die Menschheit zu vernichten. Bild: AUF1

Vielfach anschlussfähig

Entsprechend würden andere gesellschaftliche Konflikte diesem Narrativ untergeordnet. So fänden auch sozialdarwinistische, LGBTIQ-feindliche oder rassistische Ideologien darin Platz: die moderne, "unnatürliche" Medizin gegen die "natürliche" Selektion, der "natürliche" Geschlechterdualismus" gegen eine "unnatürliche Vielfalt, die "natürliche" ethnische Abgrenzung gegen die "unnatürliche" Integration und Vermischung.

"Unter Impfgegnern finden solche Erzählungen Anschluss", sagt Rathje. Hier könne man an die Mythen der Genmanipulation und Bevölkerungsreduzierung durch Impfung sowie die Behauptung, Impfstoffe enthalten Mikrochips, anknüpfen. Auch für orthodoxe religiöse Strömungen sei das Narrativ anschlussfähig: "Für manche Menschen gilt bereits Abtreibung als Transhumanismus", so der Politikwissenschaftler.

Skepsis durchaus berechtigt

Mit der eigentlichen Idee des Transhumanismus beschäftigen sich die Protagonisten dabei kaum - oder bestenfalls mit besonders extremen Vertretern. Dabei gäbe es durchaus Anlass, die dahinterstehende Ideologie kritisch zu hinterfragen: "Die Überwindung menschlicher Grenzen kann dazu beitragen, Ungleichheit aufzuheben oder auszuweiten", erklärt Rathje.

Werbebild | "Compact"-Magazin

Das rechtsextreme Magazin "Compact" bedient ebenfalls das Narrativ des Transhumanismus als globaler Verschwörung. Bild: "Compact"-Magazin

Bisher noch wenig Zuspruch

Eine Prognose, ob der Transhumanismus-Mythos im Verschwörungsmilieu reüssieren wird, will Rathje nicht wagen. Zwar würden einige Protagonisten diesen in der Szene massiv bewerben - "momentan ist das aber eher ein Diskurs der internen Eliten". Die klassischen Themen wie vermeintliche Impfgefahren würden bisher noch besser funktionieren.

Der Psychologe Bartoschek hält eine Prognose ebenfalls für schwierig: "Verschwörungserzählungen gehen oft ineinander über, verschmelzen, und werden weiterentwickelt. Oft werden sie dann noch um klassische Motive angereichert."

Bartoschek hält es für denkbar, dass eine Verschmelzung mit Kindesentführungserzählungen, wie sie von der QAnon-Bewegung verbreitet werden, stattfindet, "nach dem Motto: Die machen Experimente mit denen. Außerdem könnten antikapitalistische und auch antisemitische Motive eingebunden werden, wenn es eben um die Betrachtung der vermeintlichen 'kleinen Elite' geht." Denkbar sei auch die Wiederaufnahme der UFO-Thematik - da es ja um besondere Technologie geht.

Diskussion notwendig

Bartoschek mahnt, den Diskurs über Transhumanismus ernst zu nehmen - einerseits, weil die Technologie in diesem Bereich zunimmt. "Auf der anderen Seite wird aber zu wenig gut darüber von Seiten der Wissenschaft kommuniziert - auch dies begünstigt dann das Verschwörungsdenken. Das Thema Transhumanismus wird nämlich in jedem Fall in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gesamtgesellschaftlich hohe Relevanz erhalten."