Greta Thunberg | Bildquelle: AP

Greta Thunberg Die Odyssee

Stand: 16.12.2019 16:54 Uhr

Ob E-Auto, Segeltörn oder Bahnfahrt - noch nie hat das Transportmittel einer 16-Jährigen für so viel Diskussionen gesorgt wie bei Greta Thunberg. Begleitet werden ihre Reisen von Schlagzeilen und Falschmeldungen.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Es ist der 14. August, als Greta Thunberg vom britischen Plymouth aus in See sticht, um am UN-Sondergipfel in New York teilzunehmen. Da sie Flugreisen nach eigenen Angaben ablehnt, entscheidet sie sich für einen Törn auf einer Segelyacht, begleitet von professionellen Skippern.

Das Auslaufen des Bootes wird zum internationalen Medienereignis; auch die tagesschau berichtet. Begleitet wird Thunberg zudem von einer vielstimmigen Diskussion, ob ihr Törn denn nun klimafreundlicher sei als ein Flug über den Atlantik. Denn genau dies stellen viele Kritiker in Abrede. Im Netz werden schwere Vorwürfe laut: Die Yacht habe ein Filmteam an Bord, werde von Schiffen und Flugzeugen begleitet, die Unmengen an Kraftstoff verbrauchten, das Ganze sei ein gigantischer Etikettenschwindel, heißt es beispielsweise. Sogar das Material der Yacht wird im Hinblick auf die Klimabilanz analysiert.

Dass es sich bei dem Törn auch um eine PR-Aktion handelt, räumte Thunberg offen ein. Die Aufmerksamkeit hätte sie nie erhalten, wenn sie auf dem UN-Gipfel lediglich per Videoübertragung gesprochen hätte, erklärte die Schwedin vor der Reise.

Verschwörungslegenden und Fake News

Wie immens das öffentliche Interesse an ihrer Person ist, konnte Thunberg zu diesem Zeitpunkt längst abschätzen. Positive Schlagzeilen und Auszeichnungen auf der einen, Lügen und Verschwörungslegenden auf der anderen Seite prasseln auf sie ein. So wird Thunberg wegen ihrer geflochtenen Zöpfe mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht, dazu wird behauptet, sie wolle eine Öko-Diktatur aufbauen.

Es kursieren Behauptungen über ihre Familie, die als Strippenzieher aus einer Geheimloge, sozialistische Fanatiker oder geldgierig und skrupellos dargestellt wird. "Fox News" entschuldigte sich, nachdem ein Studiogast sie als "psychisch krankes schwedisches Mädchen" bezeichnet hatte, das angeblich von ihren Eltern und der "internationalen Linken" manipuliert werde.

Diverse Zeitungen und Blogs spekulierten über ein angebliches Imperium hinter Thunberg. Belege dafür gibt es keine, wie verschiedene Faktenchecks mehrfach zeigten. Thunberg selbst wies solche Vorwürfe immer wieder zurück und kommentierte, es sei "sehr traurig, dass die Menschen so verzweifelt sind, dass sie sich etwas ausdenken. Es scheint, dass sie mehr Angst vor mir und den Demonstrationen junger Menschen haben als vor den wirklichen Problemen."

"How dare you?"

Ende August erreicht Thunberg dann New York, spricht bei Demonstrationen und im September schließlich beim UN-Sondergipfel; ihre emotionale Rede sorgt weltweit für Schlagzeilen. Das anklagende "How dare you?" in Richtung der führenden Politiker der Welt wird zu einer neuen Parole für ihre Anhänger, konservative Kommentatoren zeichnen hingegen das Bild eines wütenden, ungezogenen Teenagers, der auf sein Zimmer geschickt werden sollte.

Rede von Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel
23.09.2019

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Im Netz kursieren Bilder, auf denen Thunberg mit IS-Terroristen oder dem Milliardär George Soros zu sehen sein soll. Es handelt sich um Fälschungen, wie Faktenchecker belegen. Solche Angriffe dokumentieren aber, wie relevant Thunberg als Feindbild mittlerweile ist.

Nach Europa kehrt Thunberg erneut per Schiff zurück. Eigentlich war sie bereits auf dem Weg nach Chile, wo der UN-Klimagipfel COP25 stattfinden sollte. Doch wegen der Proteste in dem Land wurde das Treffen kurzfristig nach Madrid verlegt. Via Twitter bittet Thunberg um Unterstützung, um Hilfe bei dem erneuten Törn über den Atlantik zu organisieren.

Deutsche Bahn twittert zurück

Die Seereise zurück interessiert die große Öffentlichkeit weniger; rechte Blogs ätzen hingegen, die Schwedin lasse sich "von Segel-Hippies auf einem Luxus-Katamaran nach Spanien" transportieren.

Für internationales Aufsehen sorgt dann Thunbergs Zugreise von Turin nach Schweden - via Deutschland. Anlass: ein Foto, auf dem zu sehen ist, wie die Klimaaktivistin in der Bahn neben ihrem Gepäck auf dem Boden hockt. Schließlich zurück auf dem Weg nach Hause, twittert sie, unterwegs in einem überfüllten Zug.

Die Deutsche Bahn antwortet Thunberg auf Twitter:

Liebe #Greta, danke, dass Du uns Eisenbahner im Kampf gegen den Klimawandel unterstützt! Wir haben uns gefreut, dass Du am Samstag mit uns im ICE 74 unterwegs warst. [...] Noch schöner wäre es gewesen, wenn Du zusätzlich auch berichtet hättest, wie freundlich und kompetent Du von unserem Team an Deinem Sitzplatz in der Ersten Klasse betreut worden bist.

Der "freundliche" Service der Bahn sorgt erneut für Debatten, sogar Bundesfamilienministerin Franziska Giffey äußert sich. Das Bahn-Foto sei ein "Stück weit Selbstinszenierung". Das könne Thunberg "wahrscheinlich schon ein paar Glaubwürdigkeitspunkte" kosten, meint die SPD-Politikerin. Für reichlich Kritik in den sozialen Netzwerken sorgt, dass die Bahn Thunberg duzt und die Reservierung von Fahrgästen veröffentlicht.

AfD spricht von Lüge

Auch verschiedene Medien kommentieren das Foto. Während aber beispielsweise "Spiegel Online" von einer Blamage für die Bahn schreibt, lässt "Die Welt" Mitreisende aus dem ICE zu Wort kommen und berichtet, Thunberg habe Schokoladentäfelchen von den Bahn-Mitarbeitern geschenkt bekommen. Und der AfD-Politiker Gunnar Lindemann wirft Thunberg auf Twitter vor, sie könne das "Lügen nicht lassen" - und empfiehlt ihr, für vier Euro einen Sitzplatz zu reservieren. Allerdings ist die Reservierung in der Ersten Klasse inklusive - und in der Zweiten kostet sie 4,50 Euro.

Thunberg selbst erklärt, ihre planmäßige Fahrt sei ausgefallen, daher habe sie in zwei Zügen auf dem Boden gesessen. Das sei kein Problem gewesen, da überfüllte Züge ein Zeichen dafür seien, dass die Nachfrage nach Bahnreisen groß sei. Ab Göttingen habe sie dann einen Platz in Ersten Klasse erhalten.

Reporter bestätigen Darstellung

Reporter der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter", die Thunberg auf der Fahrt begleiteten, bestätigen diese Darstellung - und veröffentlichten Videomaterial aus einem der Züge.

So endet Thunbergs Odyssee, wie sie begann: mit Schlagzeilen und Unterstellungen. Das "Time"-Magazin kürte Thunberg jüngst zur Person des Jahres 2019. Sie habe denjenigen, "die bereit sind zu handeln, eine moralischen Autorität" verliehen, schreibt das Magazin, "und Scham über diejenigen gebracht, die es nicht sind".

Thunberg ist längst zu einer Ikone geworden. In den erbitterten Diskussionen über die junge Schwedin zeigen sich die polarisierten und verhärteten politischen Konflikte rund um das Thema Klimaschutz.

Über dieses Thema berichtete u.a. Deutschlandfunk Kultur am 16. Dezember 2019 um 17:05 Uhr und die tagesschau am 14. August 2019 um 20:00 Uhr.

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