Der russische Impfstoff Sputnik V | AFP
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Russischer Impfstoff Wie gut ist Sputnik V wirklich?

Stand: 12.03.2021 14:02 Uhr

In 50 Staaten darf der russische Impfstoff Sputnik V bereits verimpft werden. Auch in Europa ist die Zulassung beantragt, allerdings scheinen viele Menschen Vorurteile zu haben. Zu Recht?

Von Anja Martini, tagesschau.de

Er würde sich jederzeit mit Sputnik V impfen lassen, so hat es Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff gesagt. In dem Interview verweist er auf die Erfahrungen mit russischen Impfstoffen zu DDR-Zeiten. Er ist nicht der einzige, der sich für eine baldige Zulassung des russischen Impfstoffs ausspricht - auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow will den Impfstoff durch die EU schon mal bestellen lassen.

Anja Martini tagesschau.de

Was ist bekannt über Sputnik V?

Angefangen hatte alles am 11. August. Damals preschte Russlands Präsident Wladimir Putin vor und gab bekannt, dass die weltweit erste Registrierung eines Corona-Impfstoffs gelungen sei. Der Name: Sputnik V - benannt nach der Serie sowjetischer Satelliten, dessen erster erfolgreicher Start im Jahr 1957 einen Wettlauf um die technische Überlegenheit im All auslöste.

Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Die Datenlage, die die Wissenschaftler des Gamaleja-Forschungszentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau, die den Impfstoff entwickelt hatten, veröffentlicht hatten, sei intransparent, es gebe zu wenig Probanden und die klinischen Studien seien auch noch nicht beendet. Befremdlich fand Infektiologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité das alles, erzählt er im Interview mit tagesschau.de. Man brauche vollumfängliche Studiendaten, sagt er, um sicher zu sein, dass der Nutzen eines solchen Impfstoffes die Risiken bei weitem überwiege.

Wie der Impfstoff funktioniert

Mittlerweile ist bekannt, wie der Impfstoff aufgebaut ist. Sputnik V ist - wie der Impfstoff von AstraZeneca und von Johnson & Johnson - ein vektorbasierter Impfstoff. Das bedeutet, dass für den Menschen ungefährliche Trägerviren, beispielsweise Adenoviren, benutzt werden, um Fragmente des Coronavirus in den Körper zu bringen. Die menschlichen Körperzellen nehmen dann diese Erbinformationen auf und produzieren selbst ein Eiweiß des Virus. Darauf reagiert das Immunsystem und bildet Antikörper.

Die russischen Wissenschaftler haben aber noch einen Kniff verwendet, so Sander - sie benutzen zwei verschiedene Trägerviren: ein Adenovirus für die Erstimpfung und ein anderes für die Zweitimpfung. Damit könnte das Immunsystem eine stärkere Immunantwort auf den Impfstoff produzieren. Das Prinzip mit den zwei verschiedenen Adenoviren sei bekannt und auch schon etabliert, sagt Sander.

Nachteile würden dann entstehen, wenn es bei einem der beiden Adenoviren Lieferengpässe geben sollte, was in der Vergangenheit auch schon geschehen sei.

Antrag bei der EMA eingereicht

Und auch der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, lobte in der "Rheinischen Post" den russischen Impfstoff, er sei clever gebaut, die russischen Forscher seien sehr erfahren mit Impfungen. Es sei ein guter Impfstoff, der vermutlich auch irgendwann in der EU zugelassen werde.

Wann das aber passiert, ist noch nicht klar. Die europäische Arzneimittelagentur EMA hat den Antrag der russischen Arzneimittelhersteller bereits bekommen und das Prüfverfahren eröffnet. Die Vorsitzende des Verwaltungsrates der Europäische Arzneimittelbehörde, Christa Wirthumer-Hoche, warnt vor nationalen Notfallzulassungen. Genau das hat Ungarn bereits getan, und auch die Slowakei denkt darüber nach.

Zahlen sprechen für gute Qualität

Denn die Zahlen, die die russischen Wissenschaftler bekannt gegeben haben, klingen mittlerweile ganz gut. Im medizinischen Fachblatt "The Lancet" gaben die Wissenschaftler Zwischenberichte von 20.000 Probanden bekannt. Demnach habe der Impfstoff eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Das bedeutet, dass in der Gruppe der Geimpften 91,6 Prozent weniger Erkrankungen aufgetreten sind als in der Gruppe der Nicht-Geimpften, also der Kontrollgruppe.

Infektiologe Sander sagt, mit diesen Zahlen müsse man vorsichtig umgehen. Die verschiedenen Impfstoffe anhand dieser Zahl zu vergleichen sei schwierig, denn die Studien zur Wirksamkeit hätten nicht alle den gleichen Beobachtungszeitraum. Sie wurden zudem in unterschiedlichen Ländern gemacht und unter unterschiedlichen Studienbedingungen. Wichtig sei die Aussage, ob die Impfung vor einer schweren Erkrankung schütze.

Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen

Auch die Nebenwirkungen wurden untersucht und in der Lancet-Studie veröffentlicht. Hier heißt es, dass die meisten Probanden von grippeähnlichen Symptomen sprachen. Außerdem berichteten viele von Schmerzen am Arm und einer vorübergehenden Schwäche und Erschöpfung. Der Impfstoff sei in allen Altersgruppen gut verträglich.

Genau an diesem Punkt sind viele Wissenschaftler noch immer nicht zufrieden. Der Molekularbiologe Enrico Bucci, der in Italien ein Institut für wissenschaftliche Integrität namens Resis leitet, findet noch immer mehrere Ungereimtheiten. Die Rohdaten seien noch immer nicht veröffentlicht, so fehle es also noch immer an Transparenz. Es seien bisher vier Todesfälle infolge einer Sputnik-Impfung gemeldet worden. Details zu den Umständen gebe es aber nur von zwei Personen. Außerdem sei unklar, wie viele Probanden wirklich an der Studie teilgenommen hätten, und auch bei der Berechnung der Wirksamkeit gebe es Fragen.

EMA prüft

Genau um diese Unklarheiten muss sich nun die Europäische Arzneimittelbehörde in Amsterdam kümmern. Sie braucht für eine Empfehlung zur Zulassung einen vollständigen transparenten Datensatz. Gelingt es den russischen Forschern, die Unklarheiten auszuräumen, dann hätte Stiko-Chef Mertens Recht behalten und der Impfstoff könnte bald in der EU zugelassen werden.

Aber bisher, so heißt es aus Amsterdam, fehlten noch wichtige Studienergebnisse. Es könne sein, dass das Prüfverfahren noch bis zu vier Monate dauere. Und so wird Sputnik V wohl vorerst nicht in Europa verimpft - es sei denn, weitere Länder sprechen nationale Notfallzulassungen aus, was sie in Pandemiezeiten dürfen.

Russland will Impfquote erhöhen

Die russische Regierung will bis Juni 40 Millionen Menschen in Russland geimpft haben. Doch noch ist sie davon weit entfernt. Nach Angaben von Tatjana Gilokowa, der russischen Vize-Ministerpräsidentin, haben bis zum 5. März mehr als fünf Millionen Russen die erste Impfdosis erhalten, die Hälfte von ihnen auch schon die zweite Impfung. Insgesamt leben in Russland knapp 145 Millionen Menschen.

Ob Russland also viel mehr als den russischen Markt und weitere Länder wie Ungarn und Pakistan beliefern kann, ist offen. Außerdem, so Sander, stünden noch einige andere Impfstoffe kurz vor der Zulassung, so sei nicht sicher, ob der Impfstoff aus Russland wirklich einen großen Unterschied machen könnte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. März 2021 um 07:50 Uhr.