Diese Aufnahme der NASA zeigt die Waldbrände Ende Juni 2020 und ihre Auswirkungen. | Bildquelle: NASA HANDOUT/EPA-EFE/Shutterstoc

Hitze in Sibirien Forscher über Rekordtemperaturen besorgt

Stand: 08.07.2020 15:10 Uhr

Sibirien flirrt vor Hitze. Im Juni gab es - wieder mal - einen Rekord. Das hat Folgen: Sichtbar sind vor allem die großen Waldbrände. Doch die Hitze in Sibirien hat auch Auswirkungen, die Deutschland zu spüren bekommen könnte.

Von Werner Eckert, SWR

Am 20. Juni hat die örtliche Wetterstation im ostsibirischen Werchojansk 38 Grad Celsius gemessen. Das ist ein neuer Rekord. Der Wert muss zwar durch die Welt-Meteorologie-Organisation WMO noch bestätigt werden, aber ganz unwahrscheinlich ist er nicht, denn auch das europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen ECMWF hat 37 Grad für diese Region errechnet.

Der Corpernicus-Klimawandeldienst gibt aber auch für die gesamte Region des arktischen Sibirien eine Juni-Durchschnittstemperatur von fünf Grad über Normal an. Das ist noch einmal ein Grad mehr als in den beiden vorhergegangenen und ebenfalls sehr heißen Jahren.

Extremer Anstieg der Durchschnittswerte

Starke Temperaturausschläge sind in dieser Region nicht so ungewöhnlich. Und den extremen Werten im Nordosten Sibiriens stehen auch niedrigere im Süden und Westen gegenüber, darauf weisen die Forscher hin. Aber sie sehen schon Alarmzeichen darin, dass die Durchschnittswerte in der Region so lange so extrem im Plus sind.

Schon im Mai war es teilweise bis zu zehn Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Im gesamten vergangenen Jahrhundert hat es nur selten Abweichungen von maximal ein bis zwei Grad nach oben gegeben. Seit der Jahrtausendwende aber sind sie die Norm, und die vergangenen Jahre haben eben vier bis fünf Grad höhere Durchschnittstemperaturen gesehen.

Das stimmt mit den Angaben im Sonderbericht des Weltklimarates IPCC zu Ozeanen und Polkappen überein, der ausweist, dass die Erderhitzung in den arktischen Gebieten wahrscheinlich doppelt so hoch ist wie im Mittel.

Klimaeffekte verstärken sich gegenseitig

Das führt zu einem sich selbst verstärkenden Effekt. Die steigenden Temperaturen lassen Eis und Schnee schmelzen. 2,5 Millionen Quadratkilometer weißer Schneefläche sind so in den vergangenen 50 Jahren verschwunden und zu dunklem Matsch- oder Grasland geworden - eine Fläche so groß wie das Mittelmeer.

Dort wird wesentlich mehr Sonnenenergie aufgenommen und weniger zurückgestrahlt. Das führt dann regional zu einer weiteren Erwärmung. Genau das sehen die Copernicus-Wissenschaftler auch als eine Ursache im aktuellen Fall an. Die Schneeschmelze hat in Nord-Ost-Sibirien sehr früh und sehr stark eingesetzt in diesem Jahr.

Das hat zwar zunächst zu hoher Bodenfeuchtigkeit geführt. Aber durch die hohen Temperaturen und trockenen Wind ist der Boden schon im Mai stark ausgetrocknet worden, was die aktuelle Hitzewelle zusätzlich verstärkt, denn feuchte Erde kühlt ansonsten.

Waldbrände nicht mehr kontrollierbar

Die Trockenheit ist auch die wesentliche Ursache dafür, dass Waldbrände in Sibirien so um sich greifen. Die russische Regierung lässt sie allerdings auch wüten in diesen abgelegenen Regionen, weil eine Bekämpfung dort zu teuer würde.

Die Brände aber haben alleine im Juni 59 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt. Das ist so viel, wie ganz Norwegen im Jahr an Klimagasen produziert. Auch das ist ein weiterer Beitrag zur Erderhitzung. Weniger klar ist die Lage, was die tauenden Permafrostböden betrifft. Der IPCC-Bericht stuft es als hoch wahrscheinlich ein, dass die Temperatur der dauergefrorenen Böden in den arktischen und subarktische Regionen sich alleine zwischen 2007 und 2016 um fast 0,3 Grad erhöht hat.

Es ist aber umstritten, ob diese tauenden Böden nun mehr Klimagase - Kohlendioxid und Methan - emittieren als sie aufnehmen. Die US-amerikanische Wetterbehörde NOAA schätzt aber, dass dieser Prozess möglicherweise mehr zum Klimawandel beiträgt als die Emissionen Brasiliens.

Weltweite Auswirkungen möglich

Die Arktis ist also sowohl stark betroffen vom Klimawandel wie auch eine wesentliche Quelle von neuen Problemen. Und der rapide Temperaturanstieg dort hat möglicherweise auch einen direkten Einfluss auf unser Wetter. Jedenfalls sagt eine gängige Theorie, dass die stark erwärmte Arktis die großen planetaren Windsysteme, die unser Wetter antreiben, bremst.

Der Temperaturunterschied zwischen dem arktischen Norden und den tropischen Breiten schrumpft zusammen. Dadurch verlangsamt sich der Jetstream, wie diese Bänder genannt werden, die Hochs und Tiefs bewegen. Die Konsequenz: das Wetter "bleibt stehen". So können sich dann auch bei uns extreme Hitzeperioden entwickeln wie etwa 2018 oder aber auch extreme Niederschläge.

Risikofaktor Permafrostboden

Die Klimamodelle zeigen, dass der Permafrost durch die weitere Erwärmung bis zum Jahr 2100 dazu führen kann, dass bis zu 70 Prozent der Permafrostböden abtauen - bis in drei bis vier Meter Tiefe. Das würde hunderte von Milliarden Tonnen Kohlendioxid freisetzen. Außerdem sind dadurch alle Straßen und Pipelines sowie jede Art von Infrastruktur unmittelbar in Gefahr, im Schlamm zu versinken.

Die Temperatur der Arktis wird - je nach eingesetztem Modell - sehr unterschiedlich angegeben. Der niedrigste Wert, bei dem allerdings ein ambitionierter Klimaschutz angenommen wird, liegt bei 2,2 Grad. Wenn die Emission von Treibhausgasen aber weiter ansteigt, könnte die Durchschnittstemperatur am Ende des Jahrhunderts aber auch um mehr als zehn Grad über der der vorindustriellen Zeit liegen. Das ist weit jenseits der "Wohlfühltemperatur", in der sich die Menschheit und ihre Vorgänger in den vergangenen drei Millionen Jahren entwickeln konnten.

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Werner Eckert, SWR

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