Demonstranten der "Querdenken"-Bewegung halten Schilder in die Höhe. | AFP
faktenfinder-Podcast

Umgang mit Verschwörungsmythen "Fragen sind ein mächtiges Instrument"

Stand: 15.04.2021 14:50 Uhr

Wenn Menschen plötzlich an Verschwörungen glauben, können Diskussionen auch unter Freunden schnell eskalieren. Im faktenfinder-Podcast rät die Publizistin Ingrid Brodnig daher, auf das mächtige Instrument der Fragen zu setzen.

Wie soll man Menschen gegenübertreten, die glauben, Menschen ersticken durch Stoffmasken? Die behaupten, die gesamte Corona-Pandemie sei nur eine große Inszenierung "der Mächtigen"? Was kann man tun, wenn Menschen aus dem eigenen Umfeld plötzlich solche Thesen verbreiten?

Insbesondere in der Corona-Zeit teilen viele Menschen Behauptungen, die sich nur schwer nachprüfen lassen. So wie die Behauptung des Arztes Bodo Schiffmann, dessen Äußerungen über Messenger-Dienste und soziale Netzwerke verbreitet werden. Schiffmann behauptete, dass "Kinder sterben, weil sie Masken tragen gegen eine Erkrankung, die es nicht gibt. Werdet endlich wach!" Und fragt: "Was muss noch passieren bitte? Drei Kinder reichen euch nicht? Drei Kinder in einer Woche?!"

Kinder, die angeblich sterben, weil sie Stoffmasken tragen - Beweise dafür gibt es nicht. Fachleute schließen es auch aus, dass Menschen unter einer Stoffmaske ersticken. Solche gezielten Falschmeldungen sollen offenkundig Angst und Verunsicherung schüren.

Private Nachricht kann besser sein

Aber wie begegnet man Menschen, die solche Falschmeldungen glauben? Die österreichische Publizistin Ingrid Brodnig rät im faktenfinder-Podcast, sehr nüchtern vorzugehen. In sozialen Netzwerken oder Messenger-Diensten könne man erst einmal privat kommunizieren, nicht vor anderen - und in einer privaten Nachricht sagen: "Du, ich habe gesehen, du hast das geteilt. Mir ist das neulich auch untergekommen und da findest du einen Faktencheck. Das stimmt nämlich gar nicht."

Brodnig betont, indem man den Widerspruch nicht vor der Gruppe erhebe, sondern unter vier Augen, sei "die Chance vielleicht eine Spur höher, dass sich die Person nicht bloßgestellt fühlt und eine Spur eher zuhört".

Ingrid Brodnig | Gianmaria Gava

Die Publizistin Ingrid Brodnig gibt in ihrem Buch "Einspruch!" Tipps, wie man mit Verschwörungsmythen umgehen kann. Bild: Gianmaria Gava

Michael Blume | Staatsministerium Baden-Württemberg

Der Antisemitismus-Beauftragte von Baden-Württemberg, Blume, warnt vor der Attraktivität von Verschwörungsmythen. Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg

Wichtig sei, so Brodnig, "in der Sache zu widersprechen, aber der Person trotzdem Wertschätzung zu zeigen". Denn wenn man zu ruppig werde, dann bestehe die Gefahr, dass sich die Fronten verhärten und der Gegenüber sich noch mehr in Verschwörungsgruppen flüchte. Gerade im Internet gehe das sehr schnell, warnt der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, im faktenfinder-Podcast:

Durch das Internet brauchen Sie heute nur drei Klicks. Und dann sind Sie in einer Gruppe und werden begrüßt, dass sie jetzt endlich auch zu den Erwachten gehören und dass Sie nicht mehr naiv sind.

Das fühle sich für Menschen dann auch erstmal toll an, sagt Blume. "Erst haben sie echt das Gefühl, jetzt haben sie hinter die Kulissen geguckt."

Motiv Aufmerksamkeit

Besonders empfänglich für Verschwörungsmythen seien Menschen, die gegenüber Politik und Wissenschaft ohnehin misstrauisch gegenüberstehen. Dass vereinzelt auch Ärzte Legenden verbreiten, liege daran, dass sie nach Aufmerksamkeit streben, indem sie sich gezielt gegen die wissenschaftlichen Daten stellen. Wenn von 99 Ärzten, die sich grundlegend einige sind, einer plötzlich das Gegenteil behaupte, erzeuge das Aufmerksamkeit.

Brodnig stellt daher stets auch die Frage nach dem Motiv. Glauben die Urheber von Falschbehauptungen die Aussage wirklich? Oder ist das eine Methode, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder gar Geld zu machen - beispielsweise durch den Verkauf von Büchern?

Fragen verändern Dynamik des Gesprächs

Bei einer Diskussion mit Menschen, die wirklich an Verschwörungslegenden glauben, sollte man nicht nur auf Gegenargumente setzen, sondern auch auf Fragen. Publizistin Brodnig rät zu "wirklich neugierigen und ehrlichen Fragen - wie beispielsweise: Woher hast du das? Warum glaubst du gerade dem? Warum hältst du das für so wichtig? Fragen seien ein mächtiges Instrument, weil dadurch Widersprüche in den Behauptungen deutlich werden - und die Legenden auf ihre Plausibilität durchdacht werden müssen.

Den faktenfinder-Podcast der tagesschau mit Moderator Michail Paweletz sowie Ingrid Brodnig und Michael Blume finden Sie bei tagesschau.de, auf der tagesschau-App, der ARD-Audiothek und vielen großen Plattformen, die Podcasts anbieten. tagesschau.de, der ARD-Audiothek sowie auf großen Plattformen, die Podcasts anbieten.

Den Podcast präsentieren im Wechsel Anja Reschke von Panorama und tagesschau-Moderator Michail Paweletz. Der faktenfinder-Podcast erscheint jeden zweiten Donnerstag um 15.00 Uhr. In der ersten Ausgabe sprach Anja Reschke mit der Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim und dem Historiker Malte Thießen über Impfskepsis in der Geschichte und der Corona-Pandemie.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Januar 2021 um 11:08 Uhr.