Demo-Schild "Schluss mit GEZ-Diktatur und Lügenpresse" | dpa
faktenfinder-Podcast

Pressefreiheit Medien als "Feinde des Volkes"?

Stand: 04.06.2021 06:01 Uhr

Sind die Medien gleichgeschaltet? Sollen sie systematisch desinformieren? Der Forscher Andreas Zick erklärt im faktenfinder-Podcast, Medien seien ein einfaches Feindbild, das oft mit anderen Vorurteilen verknüpft wird.

Angriffe auf Reporterinnen und Journalisten, Vorurteile gegen Medien, die angeblich gleichgeschaltet seien: Auf Demonstrationen und in Sozialen Netzwerken sind Attacken auf Medien quasi Alltag. Und die Zahl der Angriffe steigt, die Pressefreiheit in Deutschland steht unter Druck. Aktivisten behaupten, sogenannte Mainstream- oder Systemmedien führten einen "Krieg gegen das Volk". Der ehemalige US-Präsident Donald Trump bezeichnete Medien als "Feinde des Volkes".

Juliane Leopold, Chefredakteurin für Digitales bei ARD-aktuell, sieht sich nicht im Krieg - und hält solche Vorstellungen für abwegig. Generell müsse man zunächst unterscheiden zwischen sachlicher Kritik und Diffamierungen, sagt Leopold im faktenfinder-Podcast. Sachliche Kritik sei natürlich vollkommen in Ordnung - sie würde alle ermutigen, nicht auf abwertende und pauschale Urteile zu setzen, sondern sich mit Journalistinnen und Journalisten zu unterhalten und zu verstehen, dass es Menschen seien, die bei Medien tätig seien - "und nicht irgendwelche abstrakten Puppen, die eine Rolle spielen".

Juliane Leopold | NDR/Thorsten Jander (M)

'Warum macht ihr das denn so?'" Das sei eine völlig berechtigte Frage, sagt Juliane Leopold. Bild: NDR/Thorsten Jander (M)

Professor Andreas Zick | Screenshot BR

Professor Andreas Zick sagt, Angriffe auf Medien seien zumeist mit anderen Feindbildern verknüpft. Bild: Screenshot BR

"Warum macht Ihr das?"

Leopold sagt, ihr fehle oft "das Fragen, also die Neugier: 'Warum macht ihr das denn so?'" Das sei eine völlig berechtigte Frage. "Was schwierig ist, ist, wenn eine Frage immer verbunden ist mit einer Unterstellung und einer diffusen Schuldzuweisung."

Andreas Zick, Professor für Konfliktforschung an der Universität Bielefeld, sagt im Gespräch mit Podcast-Moderator Michail Paweletz, herabwürdigende Begriffe wie "Systemmedien" seien in den vergangenen Jahren von Populisten und Rechtsextremisten aufgegriffen und teilweise etabliert worden. Medien seien ein leichtes Feindbild, betont Zick, doch es funktioniere nur in Verbindung mit anderen Feindbildern. Daher würden "die Medien" als Teil einer abgehobenen Elite bezeichnet, als sogenannte Systemmedien. Und dazu gehöre dann auch die Behauptung, die "Mainstreammedien" belögen das Volk und würden gesteuert.

Streit um Auswahl und Gewichtung

Eine Vorstellung, die Juliane Leopold für absurd hält: Niemand, der in einer wirklich journalistisch arbeitenden Redaktion tätig gewesen sei, könne sich vorstellen, dass es so etwas wie eine zentrale Steuerung gebe. Sie kenne "keinen Beruf, in dem so viel gestritten und gerungen wird" - beispielsweise um Auswahl und Gewichtung von Themen.

Leopold betont, insbesondere die Attacken auf die öffentlich-rechtlichen Medien kämen nicht nur von "Alternativen Medien". Auch Verlagsmanager hätten schon von "Staatsfunk" gesprochen. Diese Anschlussfähigkeit bestimmter Narrative in die Mitte sei gefährlich, meint Leopold, da müsse man "wirklich an die Verantwortung appellieren, das schlichtweg zu unterlassen".

Mangelndes Verständnis

Forscher Zick bestätigt diese Anschlussfähigkeit. Zwar bezeichneten sich bei Studien befragte Menschen als Demokratinnen und Demokraten, doch benutzten einige dennoch Begriffe wie "Lügenpresse" oder posteten sogar Hass gegen Medienschaffende. Spreche man sie darauf an, laute oft die Antwort, das sei nicht so gemeint gewesen.

Zick sagt, es mangele oft an Verständnis und Wissen, wie Medien gemacht würden und welche Funktion sowie Bedeutung sie hätten. Dazu komme bisweilen auch ein unklares Demokratieverständnis. "Es ist nicht stark genug", so der Forscher. Es gebe mittlerweile starke Gruppen, die "mit dem Feindbild Medien operieren, die auch davon abhängen, dass das Feindbild stabil bleibt". Zick warnt dabei vor einem digitalen Überbietungswettbewerb. Die "Alternativen Medien" schaukelten sich gegenseitig auf und versuchten, sich gegenseitig zu überbieten. "Das haben wir unterschätzt", warnt er.

Reschke und Paweletz präsentieren Podcast

Den faktenfinder-Podcast über das Feindbild Medien sowie alle weiteren Ausgaben finden Sie in der ARD-Audiothek, auf tagesschau.de sowie auf vielen Plattformen, die Podcasts anbieten. Den Podcast präsentieren im Wechsel Anja Reschke von Panorama und tagesschau-Moderator Michail Paweletz.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Juni 2021 um 02:33 Uhr.