Ein Arzt in einer Notaufnahme in Braunschweig | dpa
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Herz-Kreislauf-Notfälle Kein Anstieg durch Impfungen

Stand: 16.12.2021 11:50 Uhr

Impfgegner machen in sozialen Medien mit einer Grafik des RKI Stimmung. Diese zeige angeblich, dass die Impfungen zu mehr Herz-Kreislauf-Notfällen führten. Doch Fachleute sind sich einig: Es gibt keinen Zusammenhang.

Von Andrej Reisin, Redaktion ARD-faktenfinder

Der wöchentlich publizierte "Notaufnahme-Situationsreport" des Robert Koch-Instituts (RKI) soll die aktuelle Inanspruchnahme der Notaufnahmen von Krankenhäusern in Deutschland abbilden. Seit Anfang Mai weist dieser Bericht einen starken Anstieg "kardiovaskulärer" (also Herz-Kreislauf-bedingter) und "neurologisch" bedingter Vorstellungen in den Notaufnahmen aus.

Andrej Reisin

Dieser Anstieg bedarf der Interpretation, die manche AfD-Politiker gleich dazu liefern. So schreibt der Bundestagsabgeordnete Martin Sichert auf Facebook, der Anstieg überschneide sich "mit dem Beginn der Massenimpfungen ab Frühjahr 2021" - und fragt suggestiv: "Alles nur Zufall?" Der Beitrag wurde tausendfach geteilt. Auch andere Verschwörer- und Impfgegner-Gruppen in den sozialen Netzwerken teilen die Grafik der steigenden Vorstellungen eifrig.

Facebookpost von Martin Sichert | https://www.facebook.com/sichertmartin/posts/2707189742910575

Bild: https://www.facebook.com/sichertmartin/posts/2707189742910575

Zahlen beruhen auf wenigen Quellen

Doch die Zahlen müssen mit großer Vorsicht betrachtet werden. Zunächst ist wichtig, dass sich das Melde-System noch im Aufbau befindet - und nur acht bis zehn von bundesweit über 1000 Notaufnahmen regelmäßig ihre Daten ans RKI melden. Das heißt, bereits eine Veränderung in ein bis zwei Kliniken kann unter Umständen zu einem überproportionalen Ausschlag in der Gesamtstatistik führen, der keine Entsprechung in der bundesweiten Realität hat.

Das RKI erklärt dazu auf Anfrage: "Der auffällige Anstieg kardiologischer und neurologischer Vorstellungsgründe, der seit Ende April zu beobachten ist" gehe unter anderem auf eine "Änderung der Dokumentationspraxis in einer einzelnen Notaufnahme zurück". Diese habe die einzelnen Vorstellungsgründe erst seit Ende April kodiert, weswegen diese vorher nicht in die eingeflossen seien. Zudem seien die Vorstellungsgründe in Notaufnahmen "keine Diagnosen" und "relativ ungenau". So zählten auch Kopfverletzungen, beispielsweise nach Stürzen oder Gewalteinwirkungen, zu den neurologischen Vorstellungen.

Kein zeitlicher Zusammenhang mit Impfnebenwirkungen

Dafür, dass die vermehrten Vorstellungen in den Notaufnahmen etwas mit den Impfungen zu tun haben, spricht dagegen nichts. Stephan Baldus, Direktor der Kardiologie im der Uniklinik Köln und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) erklärte dem ARD-faktenfinder dazu auf Anfrage, laut israelischen Studien seien 69 Prozent der Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen in Zusammenhang mit einer Impfung nach der zweiten Dosis aufgetreten - fast ausschließlich bei jungen Männern.

Stephan Baldus | Uniklinik Köln/ Michael Wodak

Seltene Entzündungen des Herzens nach einer Impfung sind laut dem Kardiologen Stephan Baldus nicht für eventuell steigende Patientenzahlen in der Notaufnahme von Krankenhäusern verantwortlich. Bild: Uniklinik Köln/ Michael Wodak

"Die Jüngeren wurden erst später geimpft, da erst ab Juni 2021 die Priorisierung beim Impfen offiziell wegfiel", so Baldus. Von einer Zweitimpfung waren die allermeisten Menschen in Deutschland Ende April 2021 noch weit entfernt: Gerade einmal rund 6,5 Millionen Zweitimpfungen hatten bis dahin stattgefunden. Wären diese geringe Zahl bereits für einen Anstieg kardiovaskulärer Vorstellungen in den Notaufnahmen verantwortlich, hätten die Zahlen im weiteren Verlauf also geradezu explodieren müssen. Das taten sie nachweislich nicht.

Risiko bei einer Covid-19-Infektion deutlich höher

Baldus weist zudem darauf hin, dass laut einer aktuellen Studie aus den USA die Häufigkeit von Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung als Folge einer Covid-19-Infektion bei jungen Männern bei circa 45 auf 100.000 lag. Demgegenüber seien die israelischen Studien, die die Häufigkeit solcher Entzündungen im Zuge der BioNTech-Impfung untersucht hätten, zu dem Ergebnis gelangt, dass es auf 100.000 männliche Geimpfte im Alter von 16-29 Jahren 10,7 Fälle gab. Insgesamt seien 94 Prozent der Betroffenen männlich gewesen. "Vergleicht man die Daten, so ist das Risiko einer Myokarditis nach Infektion selbst für junge Männer mehr als viermal höher als nach Impfung", so Baldus.

Zur angespannten Situation auf den Intensivstationen trügen die Entzündungen ohnehin nicht bei, wie Baldus vorrechnet: "Würden alle 80 Millionen Deutschen gleichzeitig geimpft und wären dies alles junge Männer, lägen gemäß der israelischen Daten 32 Patienten auf einer Intensivstation." Die kritische Situation auf den Intensivstationen sei "Ausdruck der steigenden Zahl der Infektionen, nicht der Impfungen".

Stationäre Aufnahmen nicht angestiegen

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie gibt außerdem zu bedenken, dass verschobene Eingriffe und verpasste Untersuchungen auch zu einem Anstieg der Vorstellungen in den Notaufnahmen geführt haben könnten. Zudem korreliere die erhöhte Zahl der Vorstellungen nicht mit den stationären Aufnahmen, was darauf schließen lasse, dass sich die Zahl der tatsächlichen Notfälle, die sofortiger medizinischer Krankenhausversorgung bedürfen, nicht erhöht habe.

Besondere Aufmerksamkeit für Impfnebenwirkungen

Das RKI weist außerdem darauf hin, dass eine Reaktion auf das Auftreten sehr seltener Impfnebenwirkungen wie Herzmuskelentzündungen oder Hirnvenenthrombosen darin bestand, dass "die Bevölkerung aktiv dazu aufgefordert wurde, sich bei entsprechenden Symptomen umgehend in ärztliche Behandlung zu begeben. Stellen sich nun vermehrt Personen beispielsweise mit Kopfschmerzen in der Notaufnahme vor, werden diese zu den neurologischen Vorstellungen gezählt und führen zu einem Anstieg der absoluten Vorstellungszahlen, auch wenn es sich bei diesen Fällen nicht um diagnostizierte neurologische Erkrankungen als Folge einer Impfung handelt."

Derselbe Effekt könnte sich auch hinsichtlich der ebenfalls bekannt gewordenen Herzmuskelentzündungen als seltene Nebenwirkung der mRNA-Impfstoffe bei jüngeren Menschen eingestellt haben, so die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie. Dies lässt sich auch mit der ausbleibenden stationären Aufnahme in Einklang bringen: Über Nebenwirkungen besorgte Menschen suchen offenbar vermehrt die Notaufnahmen auf, wo sich ihre Befürchtungen allerdings nicht bestätigen, so dass sie wieder nach Hause geschickt werden. Für einen echten Anstieg von Herzerkrankungen durch die Impfungen spricht auch das nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Dezember 2021 um 16:36 Uhr.