Ein Schüler errechnet eine Gleichung mit einem Tablet im Matheunterricht | dpa
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Irreführende Berichte Zwei plus zwei bleibt vier

Stand: 24.02.2021 15:53 Uhr

Lernkonzepte eines kleinen US-Bundesstaates sind eigentlich kein Thema in Deutschland. Anders ist es, wenn dort angeblich mathematische Grundregeln ausgehebelt werden sollen, um Diskriminierung zu vermeiden. Doch einer Probe hält diese Geschichte nicht stand.

Patrick Gensing tagesschau.de

Von Patrick Gensing, Reaktion ARD-faktenfinder

Mehrere deutschsprachige Medien berichten über vermeintliche Pläne, im US-Bundesstaat Oregon die Grundregeln der Mathematik auszusetzen. Ziel sei es, Diskriminierung zu verhindern. Verschiedene Zeitungen wie der "Südkurier", die "Kölnische Rundschau" und weitere veröffentlichten einen Beitrag, in dem es heißt:

2 plus 2 ist - das dürften erfahrene Mathematiker gewiss bestätigen - immer noch 4. Doch bald könnten in den USA, in denen sich politische Korrektheit in der Rassismus-Debatte in alle Bereiche des täglichen Lebens unaufhaltsam ausbreitet, auch andere Ergebnisse als "richtige" Antworten zugelassen werden. Etwa die Zahl 3. Oder die 5. Vielleicht auch 12. Denn der US-Bundesstaat Oregon - eine linksliberale progressive Hochburg - hat jetzt ein Trainingsprogramm für Lehrer gestartet, das vor allem ein Ziel hat: "Rassismus in der Mathematik abzubauen".

Die AfD machte auf Basis dieses und einer Meldung aus der "Jungen Freiheit" die Schlagzeile "Irrenhaus: Wegen 'Rassismus' sollen mehrere Mathe-Antworten erlaubt sein!" - und schrieb weiter:

Das politisch korrekte Ideologie-Irrenhaus hat sich wieder einmal selbst übertroffen: Bei Rechenaufgaben sollen im US-Bundesstaat Oregon künftig mehrere Antworten erlaubt sein, weil der Glaube an "neutrale Antworten" bereits "ein Charakterzug weißer Überlegenheit" sei. Die Aussage, dass zwei plus zwei eindeutig vier ergibt, wäre demnach voll rassistisch! Hinter dem irren Plan steckt die linksradikale Bildungs-Abteilung des Bundesstaats, die mit solchen Vorstößen offenbar die Mathematik-Leistungen von Latinos und Schwarzen in den Vereinigten Staaten verschleiern will.
Wegen Rassismus sollen mehrere Mathe-Antworten erlaubt sein |

Die AfD sieht ein "politisch korrektes Irrenhaus" in Oregon am Werk.

"Black History Month"

Was steckt dahinter? Die Berichte basieren auf einen Newsletter im Bundesstaat Oregon an der US-Pazifikküste. Das dortige Bildungsministerium hatte darin Anfang Februar über einen "Black History Month" berichtet, in dessen Rahmen herausragende schwarze Mathematiker und Pädagogen gewürdigt werden sollten. Zudem wies das Ministerium auf Beiträge hin, um strukturellen Rassismus in allen MINT-Disziplinen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) zu thematisieren und so "eine neue Normalität für die MINT-Bildung zu schaffen".

Weiterhin empfahl das Ministerium einen Online-Kurs mit dem Titel "Pathway to Math Equity Micro-Course 2.0: Valuing and elevating student discourse in the math classroom". Darin sollen pädagogische Konzepte vermittelt werden, um die Ergebnisse von schwarzen, lateinamerikanischen und mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern zu verbessern. Denn Studien zeigen, dass diese Gruppen schlechter abschneiden.

Verschiedene Lösungswege und Präsentationen

Die vom Bildungsministerium verlinkte Initiative behauptet in einem anderen Dokument auf ihrer Webseite zudem, dass es ein Zeichen der Kultur der weißen Vorherrschaft sei, wenn Pädagogen von den Schülerinnen und Schülern verlangten, ihre Arbeit vorzulegen ("to show their work"), weil dies den Schülern nicht unbedingt helfe, Informationen zu verarbeiten. Vor diesem Hintergrund wird in dem Papier - das aber weder vom Ministerium empfohlen noch verlinkt wurde - vorgeschlagen, Lehrerinnen und Lehrer sollten verschiedene Möglichkeiten bieten, mit denen Schülerinnen und Schüler ihre Lösungswege zeigen könnten, beispielsweise Diskussionen oder Multimedia-Projekte, die keine geschriebenen Wörter oder Zahlen verwenden.

Dass falsche Lösungen für mathematische Aufgaben einfach akzeptiert werden sollten, steht dort nicht, genauso wenig wie die Aussage, Mathematik an sich sei rassistisch. Vielmehr geht es den Angaben zufolge um Lehrkonzepte, die das Lernen aller Schülerinnen und Schülern verbessern soll, und um die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer.

Diskussionen im Jahr 2019

Die Behauptungen zu diesem Newsletter erinnern an ähnliche Diskussionen aus dem Jahr 2019, als über pädagogische Konzepte in Mathematik gestritten wurde. In Seattle war vorgeschlagen worden, im Unterricht auch Beispiele zu nennen, welche rassistischen Praktiken mit Mathematik in Verbindung gebracht wurden, wie also Mathematik instrumentalisiert wurde als Machtinstrument - so beispielsweise, als schwarze Wähler in den Südstaaten Rechentests machen mussten, bevor sie ihre Stimme abgeben konnten.

Die Lehrkräfte könnten auch zeigen, wie verschiedene Kulturen Mathematik praktiziert haben, schlugen Fachleute vor, wie die Azteken ein Basis-20-Zahlensystem verwendeten, im Gegensatz zum Basis-10-System. Ziel sei es, den Unterricht unter verschiedenen Perspektiven zu gestalten.