Carsten Linnemann | Bildquelle: dpa

Debatte über Deutschkenntnisse Linnemann argumentiert mit falscher Zahl

Stand: 07.08.2019 08:57 Uhr

In der Debatte über Deutschkenntnisse von Kindern hat der CDU-Politiker Linnemann mit einer falschen Zahl argumentiert. Er hatte behauptet, 16 Prozent der künftigen Erstklässler in Duisburg könnten kein Deutsch.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Die Äußerungen des CDU-Politikers Carsten Linnemann über eine erweitere Vorschulpflicht und eine spätere Einschulung bei fehlenden Deutschkenntnissen haben eine bundesweite Debatte ausgelöst. Allerdings basiert diese auf einer falschen Zahl: Der CDU-Fraktionsvize hatte behauptet, es müssten "alle Alarmglocken schrillen, wenn bei Sprachtests wie in Duisburg mehr als 16 Prozent der künftigen Erstklässler gar kein Deutsch könnten".

Angabe bezieht sich nicht auf alle Kinder

Der WDR überprüfte diese Zahl und kam zu dem Ergebnis, dass sie falsch ist. Die Zahl von 16 Prozent, die keine Deutschkenntnisse hätten, bezieht sich nicht auf die Gesamtzahl der künftigen Erstklässler, sondern auf die Kinder, die nicht Deutsch als Erstsprache haben. Das geht aus dem Bericht über die "Gesundheit der Duisburger Einschulkinder" hervor.

Der Anteil der Kinder, die nicht Deutsch als Erstsprache haben, variiert demnach stark: Im Ortsteil Bissingheim hat die Schuluntersuchung ergeben, dass 90 Prozent Deutsch als Erstsprache haben - in Hochfeld sind es nur 12,1 Prozent.

Im Durchschnitt lag der Anteil in Duisburg im Jahr 2017 bei etwa 50 Prozent. Das heißt, nicht 16 Prozent der künftigen Erstklässler in der Stadt verfügten über keine Deutschkenntnisse, sondern acht Prozent. Insgesamt untersuchte der Jugendgesundheitsdienst 4571 Kinder für den "Schuleingang".

Die CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung räumte im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder ein, dass die Zahl "ungenau" sei. Rechne man aber die Kategorie der Kinder dazu, die nur "radebrechend Deutsch" beherrschten, stimme die Angabe von 16 Prozent wiederum.

Debatte über Begriff "Grundschulverbot"

Medien hatten berichtet, Linnemann habe ein "Grundschulverbot" gefordert. Diese Formulierung wurde später aber zurückgenommen. Der CDU-Politiker selbst betonte, er wolle kein Verbot, sondern eine "Vorschulpflicht für alle, die schlecht Deutsch sprechen".

Viel Kritik an Linnemann

Für seine Vorschläge sowie die Vermengung des Themas Schule mit Gewalttaten wie in Frankfurt oder Stuttgart erntet Linnemann allerdings überwiegend Kritik. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), widersprach Linnemann. "An der Schulpflicht gibt es nichts zu rütteln", sagte sie der "Rheinischen Post". Nötig sei eine "gezielte Sprachförderung von Anfang an". Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sieht zwar "Handlungsbedarf" bei der sprachlichen Förderung. Ausgrenzung sei aber "der falsche Weg".

SPD-Übergangschef Thorsten Schäfer-Gümbel sagte der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten", er habe nichts gegen "gute Vorschule, in der auch Deutschkenntnisse vermittelt werden". "Der Unterton von Linnemann aber ist unanständig und zielt nicht auf Zusammenhalt, sondern auf Ausgrenzung." Die Grünen-Migrationspolitikerin Filiz Polat kritisierte eine "populistische Scheindebatte" und forderte, die Bundesregierung solle "endlich ihre Hausaufgaben" im Integrations- und Bildungsbereich machen. Nötig sei eine flächendeckende integrierte Sprachförderung.

Linken-Parteichef Bernd Riexinger sagte AFP, wenn es Linnemann "um das Niveau an den öffentlichen Grundschulen ginge, hätte er längst eine Initiative für kleinere Klassen und mehr Lehrkräfte anstoßen können". "In Wirklichkeit" wolle Linnemann "nur auf der rechten Empörungswelle mitsurfen".

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. August 2019 um 07:45 Uhr.

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