Das Bild zeigt das Coronavirus

Coronavirus Wieso sich die Sterberaten unterscheiden

Stand: 20.03.2020 09:23 Uhr

Weltweit sind bereits weit mehr als 200.000 Menschen an dem neuen Coronavirus erkrankt, Tausende gestorben. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Land jedoch sehr stark. Woran liegt das?

Von Christian Baars, NDR

In Italien sind bereits mehr als 3400 Menschen an Covid-19 verstorben, in Deutschland dagegen bislang weniger als 50 (Stand 19.3.). Die Zahl der registrierten Fälle liegt bei etwa 41.000 in Italien und etwa 15.000 in Deutschland. Anscheinend sterben also in Italien wesentlich mehr der erkrankten Menschen (aktuell mehr als 8%; Deutschland: 0,3%). Wie ist dieser riesige Unterschied zu erklären? Und wie viele Infizierte sterben tatsächlich?

Zahl der Erkrankten ist unbekannt

Wissenschaftler auf der ganzen Welt versuchen derzeit, Antworten auf diese Fragen zu liefern. Allerdings können sie bislang nur schätzen, wie hoch die sogenannte Letalitätsrate von Covid-19 ist. Das Hauptproblem ist, dass niemand weiß, wie viele Menschen wirklich erkrankt sind. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) liegt die Zahl der tatsächlichen Fälle nach bisherigen Studien etwa vier- bis elfmal höher als die registrierten. Klar ist aber auf jeden Fall: Je mehr getestet wird, desto mehr Infektionen werden entdeckt. 

Eine mögliche Erklärung für den großen Unterschied bei der Letalitätsrate könnte also sein, dass in Deutschland mehr Tests durchgeführt werden als in Italien und deshalb mehr Infektionen entdeckt werden - darunter viele leichte Fälle. Wie groß der Unterschied ist, ist allerdings unklar. In Italien wurden laut dem Gesundheitsministerium insgesamt bislang etwas mehr als 165.000 Tests durchgeführt (Stand: 18.3.), davon knapp 90.000 in der vergangenen Woche (ca. 1,5 pro 1000 Einwohner).

Die genaue Zahl in Deutschland ist dagegen nicht bekannt. Laut dem RKI-Chef Lothar Wieler können bis zu 160.000 Tests pro Woche durchgeführt werden (ca. 1,9 pro 1000 Einwohner). In Südkorea, wo bislang außerhalb Chinas die meisten Tests durchgeführt worden sind (etwa 5,6 pro 1000 Einwohner), liegt die Rate derzeit bei knapp 1,1%.

Unbemerkte Ausbreitung in Italien?

Der Unterschied bei den durchgeführten Tests erklärt also nicht allein die große Differenz bei der Letalitätsrate. Einige Experten vermuten jedoch, dass sich das Virus in Italien bereits schon einige Tage früher oder gar wochenlang unbemerkt ausgebreitet hat und deshalb die Dunkelziffer deutlich größer sein könnte. 

Sollte sich das Virus tatsächlich schon länger in Italien verbreitet haben, könnte dies zum Teil ebenfalls die hohe Zahl an Todesfällen erklären: Menschen, die eine Infektion nicht überlebt haben, starben laut einer Lancet-Studie im Schnitt etwa 18,5 Tage nach dem Auftreten der ersten Symptome. Dies bedeutet, dass in Deutschland die Zahl der Todesfälle möglicherweise bald deutlich ansteigen könnte, da sich hier das Virus erst seit knapp drei Wochen ausbreitet.

In Deutschland mehr jüngere Menschen infiziert

Es gibt jedoch noch einen weiteren auffälligen Unterschied zwischen den beiden Ländern. In Italien waren unter den offiziell registrierten Fällen überdurchschnittlich viele ältere Menschen, die besonders gefährdet sind. Das durchschnittliche Alter der Erkrankten lag bei 63 Jahren (Median). In Deutschland dagegen haben sich bislang vor allem jüngere Menschen infiziert. Laut dem aktuellen Situationsbericht des RKI lag der Altersmedian bei 47 Jahren.

Hinzu kommt die Frage, wie gut die medizinische Versorgung funktioniert. Wenn sehr viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken, können nicht mehr alle bestmöglich versorgt werden.

Wegen all dieser Faktoren kann derzeit wohl niemand zuverlässig sagen, wie viele Infizierte versterben. Laut der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC liegt die Letalitätsrate mutmaßlich in der weiten Spannbreite zwischen 0,25 und 3%.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in einem Interview am 17. März 2020 um 08:15 Uhr sowie die tagesschau am 19. März 2020 um 20:00 Uhr.

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