Medizinisches Personal in einer Klinik in Berlin | Bildquelle: obs

Krankenhäuser in Deutschland Wollte die Leopoldina einen Kahlschlag?

Stand: 14.04.2020 13:47 Uhr

Im Netz wird behauptet, die Leopoldina habe empfohlen, die meisten Krankenhäuser in Deutschland zu schließen. Hintergrund ist ein Thesenpapier aus dem Jahr 2016, das nun zitiert wird.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

"Obacht! Die #Leopoldina, deren marktradikale Strategie in der #CoronaKrise (u.a. Steuersenkungen für Superreiche und Konzerne) gerade fast überall verbreitet wird, wollte uns vor ein paar Jahren noch erklären, dass 1300 Kliniken überflüssig sind." Das schreibt der Bundestagsabgeordnete Victor Perli auf Twitter. Und sein Kollege in der Linksfraktion Niema Movassat meint: "Ich finde, wir sollten nicht auf Leute hören, die vor etwa 4 Jahren noch 1300 (!) Krankenhäuser zumachen wollten."

Beide Politiker beziehen sich auf einen Beitrag der "Süddeutschen Zeitung" aus dem Oktober 2016 mit der Überschrift "Wissenschaftler halten 1300 Kliniken für überflüssig". Dieser Artikel wird derzeit hundertfach geteilt und dahingehend kommentiert, dass die Leopoldina sich wohl durch diese Forderung fachlich disqualifiziert hätte, da in der Corona-Krise Krankenhäuser dringend gebraucht würden.

Diskussionspapier war keine Empfehlung

Der SZ-Beitrag basierte auf einem Papier der Leopoldina mit dem Titel: "Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem - acht Thesen zur Weiterentwicklung zum Wohle der Patienten und der Gesellschaft". Grundlage für das 28-seitige Diskussionspapier war ein Symposium im Januar 2016. Die formulierten Thesen waren allerdings keine Handlungsempfehlungen der Leopoldina, sondern ein "Autorenbeitrag von Wissenschaftlern" aus Medizin und Ökonomie. Insgesamt hat die Akademie bislang 23 solcher Diskussionsbeiträge publiziert.

In dem Papier zur Beziehung zwischen Ökonomie und Medizin verglichen Experten die "Gesundheits-Outcomes" in Deutschland, Dänemark und Schweden, weil in diesen Staaten Bevölkerungsstrukturen und Gesundheitsausgaben ähnlich seien. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Qualität der Versorgung und die Effizienzzahlen in den skandinavischen Ländern in Teilen besser seien.

Kritik an Fallzahlsteigerungen

Zudem stellen sie fest, dass Patienten in Deutschland länger im Krankenhaus blieben und vertreten die These, dass es in bestimmten Bereichen der Medizin Fallzahlsteigerungen gebe, die nicht primär medizinisch begründet seien, sondern mit dem Abrechnungssystem zusammenhingen. Einfacher gesagt: Patienten bleiben demnach länger im Krankenhaus, damit die Kliniken die Leistungen abrechnen können.

Es sei aber zu kurz gedacht, allein auf diese Zahlen zu schauen. Die Autoren verweisen auch auf strukturelle Probleme. Damit meinen sie eine "Vielzahl von Krankenhäusern", die um Patienten und finanzielle Mittel konkurrieren. Dazu komme, dass viele kleine Krankenhäuser moderne, hochkomplizierte Behandlungen gar nicht anbieten könnten. So verfügten fast 20 Prozent der Kliniken, die Ansprüche auf steuerfinanzierte Investitionen haben, über kein einziges Intensivbett.

Hätte Deutschland, so heißt es in dem Diskussionspapier weiter, "die Krankenhausstruktur von Dänemark mit einem Krankenhaus pro 250.000 Einwohner, wären es bei uns 330 - und alle mit CT, MRT (Magnetresonanztomographie) und Fachärzten für Innere Medizin/Kardiologie, Allgemeinchirurgie, Unfallchirurgie und Anästhesie/ Intensivmedizin, die rund um die Uhr und an allen Tagen der Woche verfügbar sind". Allerdings sei es aus verschiedenen Gründen unrealistisch, viele Krankenhäuser in Deutschland zu schließen, obwohl sie schlecht ausgestattet seien.

Kritik an Unterfinanzierung

Als ein weiteres strukturelles Problem bezeichnen die Autoren die Unterfinanzierung von Krankenhäusern bei Investitionen. Hier würden Milliarden Euro fehlen. Das knappe Geld werde hingegen genutzt, um die Existenz einzelner Häuser zu sichern, was die Qualität der Versorgung gefährde.

Vor dem Hintergrund dieses Szenarios formulierten die Autoren ihre Thesen, die darauf abzielen, dass ökonomisches Handeln im Gesundheitswesen geboten sei, aber ausschließlich dem Wohl der Patienten und Gesellschaft dienen müsse. Da die Ressourcen begrenzt seien, sei es ethisch geboten, das Geld sinnvoll einzusetzen. Zudem sei qualifiziertes medizinisches Personal auf zu viele Häuser verteilt. Die Autoren betonen zudem, dass Wettbewerb Grenzen habe, insbesondere was die Versorgung auf dem Land angehe.

Autoren befürworten weniger Kliniken

Insgesamt lässt sich das Diskussionspapier also durchaus so zusammenfassen, dass die Autoren weniger Kliniken befürworten. Sie forderten aber nicht konkret, 1300 der 1600 allgemeinen Krankenhäuser zu schließen, sondern verglichen an einer Stelle die Krankenhausdichte in Deutschland mit der in Dänemark, um die Unterschiede zu verdeutlichen.

Ausdrücklich betonten die Autoren in ihren Thesen, dass die Ökonomie in der Medizin dem Patienten- und Gemeinwohl untergeordnet sei. Zudem hatten sich die Fachleute nicht für weniger Intensivbetten ausgesprochen, sondern gefordert, einen größeren Anteil des vorhandenen Geldes für moderne und hochkomplizierte Behandlungen bereitzustellen.

"Thesen zusammengehörig"

Professor Detlef Ganten, Mit-Autor des Diskussionspapiersbetonte im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder, die Thesen seien "zusammengehörig und als Ganzes" zu betrachten. Das Papier habe diskutiert, "wie das Gesundheitssystem wirtschaftlich und effizient gestaltet werden kann, unter der Voraussetzung, dass ethische Gesichtspunkte und die Ziele der Medizin gewahrt werden". Eine These aus dem Papier sei "von einigen Medien herausgegriffen und unverhältnismäßig in den Vordergrund gestellt" worden.

2019 hatte die Bertelsmann-Stiftung eine Untersuchung vorgestellt, der zufolge weniger Krankenhäuser eine bessere Versorgung leisten könnten. Die Studie wurde massiv kritisiert.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 13. April 2020 um 21:45 Uhr.

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