Eine Krankenpflegerin, steht mit einer Infusion auf der Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden. | Bildquelle: dpa

Corona-Krise in Deutschland Warum sich die Zielvorgaben ändern

Stand: 27.04.2020 15:46 Uhr

NRW-Ministerpräsident Laschet hat Epidemiologen scharf kritisiert. Die würden in der Corona-Krise immer wieder andere Zielvorgaben ausgeben. Sind die Vorwürfe berechtigt?

Von Sebastian Ostendorf, tagesschau.de

Nur wenige Politiker innerhalb der CDU werben derzeit so vehement für Lockerungen in der Corona-Krise wie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Er gibt sich in seiner Haltung weiter unbeirrt. So verwies er am Sonntagabend in der Sendung "Anne Will" auf die wirtschaftlichen hohen Kosten, die ein Shutdown verursachen.

Der Ministerpräsident fürchtet millionenfache Arbeitslosigkeit. Die Corona-Maßnahmen treffen die Schwächsten der Gesellschaft, betonte er - und plädierte dafür, die noch bestehenden Lockdown-Vorgaben abzuschwächen.

Wutausbruch des Ministerpräsidenten

Außerdem holte Laschet zu einer Attacke gegen Epidemiologen und Virus-Experten aus. Die hätten in der Krise ihre Aussagen geändert. Dies habe massiv zur Verunsicherung in der Bevölkerung beigetragen. "Wenn alle paar Tage die Meinung geändert wird, ist das auch für Politik schwierig", sagte Laschet.

Zunächst habe es geheißen, Deutschland müsse verhindern, dass das Gesundheitssystem überlastet wird und die Ärzte eine Triage durchführen. Dann sei die Verdoppelungszeit der Infektionszahlen als Richtwert eingeführt worden. Jetzt sei auf einmal die Reproduktionszahl ausschlaggebend. Der "R-Faktor" sollte nun unter den Wert eins gedrückt werden.

"Orientierungsgrößen ändern sich"

Ist es tatsächlich so, dass die Wissenschaftler keine klaren Aussagen über die Pandemie treffen, wie Laschet ihnen dies indirekt vorwirft? Der SPD-Politiker Karl Lauterbach und die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt von der "Süddeutschen Zeitung" widersprachen dem CDU-Politiker deutlich. Denn im Laufe einer Pandemie verändern sich die Orientierungsgrößen, stellt Berndt bei "Anne Will" klar. Das Ziel bleibe aber immer das gleiche, warf Lauterbach ein.

Doch welche Bedeutungen haben die Parameter Verdoppelungszeit und Reproduktionszahl nun im Kontext einer Pandemie? Die Verdoppelungszeit zeigt an, wie lange es dauert, bis sich die Menge der Infizierten verdoppelt. Je niedriger der Wert, desto schneller verbreitet sich das Virus. So lag in Deutschland die Verdoppelungszeit Anfang März bei drei Tagen. Bis zum 26. April stieg dieser Wert auf 55,9 Tage.

Diese Kennziffer ist nun allerdings nicht mehr so relevant, wie noch zu Beginn der Pandemie, sagt die SZ-Journalistin Berndt. Die Situation in Deutschland sei in den vergangen sechs Wochen beherrschbar geworden. Die Zahl derjenigen, die nach einer Infektion genesen, steigt. Zudem sei der Wert nur bei exponentiellem Wachstum hilfreich, nicht bei einem linearen, betonen Forscher des Science Media Centers. Daher verliert der Wert an Bedeutung.

Es sei deshalb richtig, die Reproduktionszahl in den Vordergrund zu rücken, sagte SZ-Journalistin Berndt. Diese Zahl beschreibt, wie viele Menschen durch eine erkrankte Person durchschnittlich infiziert werden. Ziel der Bundesregierung und des Robert Koch-Instituts (RKI) ist es, diesen Wert dauerhaft und deutlich auf unter eins zu drücken - momentan liegt er bei 0,9.

Das RKI stellt aber klar, dass diese Zahl immer in Zusammenhang mit den täglichen Neuinfektionen gesehen werden müsse. Auch würde der Wert nicht die aktuelle Situation abbilden, sondern es gibt einen Verzug von 14 Tagen. Die Reproduktionszahl gibt also immer einen Stand aus der Vergangenheit wieder.

"Konsequente Isolationsstrategie"

"Ich muss immer mehrere Zahlen im Blick behalten", sagt Wissenschaftsjournalistin Berndt. Tatsächlich haben Wissenschaftler wie der Virologe Christian Drosten oder der Immunologe Michael Meyer-Hermann die Begriffe auch nie gegeneinander ausgespielt, sondern zu unterschiedlichen Stadien der Pandemie ins Spiel gebracht.

Meyer-Hermann hatte als Ko-Autor der Helmholtz Gemeinschaft in einem Positionspapier Mitte April dazu geraten, die Corona-Maßnahmen bestehen zu lassen. Dort legen er und sein Kollegen eine konsequente Isolationsstrategie und Tests auf Antikörper nahe. Je strikter die Maßnahmen, desto schneller werde der Zielwert dauerhaft und deutlicher unter eins erreicht, schreiben sie Hinblick auf die Reproduktionszahl.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Anne Will" am 26. April 2020 um 21:45 Uhr.

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