Die Anzeigetafel im Stadion beim Spiel FC Bayern gegen Borussia Dortmund zeigt die Aufschrift "#GedENKEminute" für Robert Enke | Bildquelle: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/REX

Zehn Jahre nach Enke-Tod Depression im Fußball - was hat sich getan?

Stand: 10.11.2019 02:48 Uhr

Vor zehn Jahren starb Robert Enke. Viele Fußballer zeigen Symptome von Depression. Doch mehr als die Hälfte der Profimannschaften hat keine sportpsychologische Betreuung.

Von Stephan Lenhardt, SWR

"Wenn du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde." Das sagte Robert Enke einmal zu seiner Frau Teresa. Depression ist eine ernste seelische Krankheit. 

Was ist eine Depression?

Die Weltgesundheitsorganisation nennt drei Hauptsymptome. Erstens Niedergeschlagenheit: Betroffene beschreiben das auch als eine Art Leere oder tiefe Traurigkeit.

Zweitens Freudlosigkeit: Depressive Menschen haben keinen Spaß mehr an Dingen, an denen sie zuvor Freude empfanden. An Hobbys beispielsweise oder an Freunden, an der Familie. Und drittens Antriebsmangel: Der Kranke ist müde, kann sich zu nichts mehr aufraffen.

Hinzu kommen eine Reihe anderer Symptome wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, aber auch Suizidgedanken. Um von einer Depression im medizinischen Sinne zu sprechen, müssen solche Symptome mindestens 14 Tage andauern.

Doch die Krankheit hat viele Gesichter mit sehr unterschiedlichen Verläufen. Dazu gibt es nicht die eine einzige Ursache einer Depression: Es kann ein traumatisches Erlebnis sein oder auch genetisch bedingt. Oft findet sich gar kein Auslöser. Doch die Krankheit ist behandelbar: Die Symptome lindern können eine Psychotherapie oder auch Medikamente.

Hannovers Torhüter Robert Enke spricht am 17. Mai 2008 nach einem Spiel gegen Cottbus zu den Fans. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Hannovers Torhüter Robert Enke spricht am 17. Mai 2008 nach einem Spiel gegen Cottbus zu den Fans.

Burnout klingt nach Leistung, Depression nicht

Im Unterschied zur Depression gibt es für den Burnout keine medizinische international akzeptierte Diagnose. Die Grenzen zu Depressionssymptomen sind fließend. Nicht hinter jedem Burnout steckt eine Depression. Es kann aber so sein. 

Burnout scheint gesellschaftlich in einem besseren Ruf zu stehen, denn Burnout klingt nach Leistung. Die Depression hingegen ist oft immer noch stigmatisiert. Betroffene machen ihre Erkrankung auch deswegen selten als solche öffentlich.

#kurzerklärt Depression: Was hat sich im Profi-Fußball getan?
10.11.2019, Stephan Lenhardt, SWR

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5,3 Millionen Depressionskranke jährlich

In Deutschland sind laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe jährlich etwa 5,3 Millionen Menschen an einer Depression erkrankt. Und: Zehn bis 15 Prozent aller schwer depressiv erkrankten Menschen sterben durch Suizid. So kommen mehr Menschen ums Leben als durch Drogen, Verkehrsunfälle und HIV zusammen. Die Mehrheit der Suizide erfolgt vor dem Hintergrund einer unzureichend behandelten Depression.

Depression im Fußball

Eine Untersuchung der Uni Leipzig in Schweden und Dänemark aus dem Jahr 2018 hat gezeigt: Mit 17 Prozent hatte fast jeder fünfte Fußballer in beiden Ländern Symptome einer Depression. Vor allem junge Spieler sind betroffen. In einer internationalen Studie der Spielervereinigung FIFPro litt sogar etwa jeder vierte Fußballer unter Depressionen oder Angstzuständen.

60 Prozent ohne sportpsychologische Betreuung

In der Bundesliga machten bislang nur wenige ihre psychischen Probleme öffentlich: Trainer Ralf Rangnick, Torhüter Markus Miller oder Mittelfeldspieler Martin Amedick. 60 Prozent aller Profimannschaften bieten ihren Spielern immer noch keine sportpsychologische Betreuung. Das zeigt eine Umfrage der Spielergewerkschaft VDV in der Saison 2017/2018.

"Ein solches Angebot ist aber wichtig und darum machen wir uns als Spielergewerkschaft für Verbesserungen stark. Davon profitieren auch die Klubs. Denn nur körperlich und seelisch gesunde Spieler können Top-Leistungen abrufen", sagt der ehemalige Nationalspieler und VDV-Vizepräsident Carsten Ramelow auf ARD-Anfrage.

Sportpsychologen-Pflicht im Nachwuchsbereich

"Einen Psychologen muss mittlerweile jedes Nachwuchsleistungszentrum auf Bestreben unserer Stiftung hin beschäftigen. Grundsätzlich zeigt es, wie viel ernster die psychische Gesundheit heute genommen wird", schrieb Teresa Enke bereits vor einem Jahr. Sie ist Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung, die auch vom DFB ins Leben gerufen wurde.

Valentin Markser kritisiert allerdings, dass Sportpsychologen und Mentaltrainer in Vereinen primär der Leistungsoptimierung dienten. Markser war der behandelnde Psychiater von Robert Enke. Er empfiehlt zusätzlich Sportpsychiater als Berater im Profifußball - also Ärzte für seelische Gesundheit im Leistungssport -, um Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und Prävention zu verbessern.

Teresa Enke, Vorsitzende der Robert-Enke-Stiftung bei der Vorstellung der VR-Brille. | Bildquelle: FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX
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Mit einer Virtual-Reality-Brille will die Robert-Enke-Stiftung mehr Verständnis für das Krankheitsbild Depression schaffen.

Sensibilisierung durch die Robert-Enke-Stiftung

Die Robert-Enke-Stiftung verweist auch auf ihre zahlreichen Aktionen: Gerade hat sie ein Virtual-Reality-Projekt vorgestellt, mit dem die Leidenswelt depressionskranker Menschen ein wenig nachvollziehbarer gemacht werden soll; oder die "Enke-App", eine Art SOS-Knopf für Depressionskranke.

Die Stiftung hat nach eigenen Angaben ein Netzwerk von 70 Sportpsychologen geschaffen, die außerhalb der Vereinsstrukturen Hilfe anbieten. Auf die weist auch Martin Amedick hin, wenn er zu Nachwuchsleistungszentren reist und dabei auf seine persönliche Geschichte aufmerksam macht. Der Ex-Profi studierte nach erfolgreicher Therapie in Bielefeld Psychologie.

Druck der Fans

Doch diesem vielseitigen Engagement steht im Fußball der Druck von außen gegenüber. Er hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Nicht nur der Erwartungsdruck der Vereine, die immer höhere Summen in Spieler investieren, auch die Fans bauen im Social-Media-Zeitalter Druck auf.

Nach der 0:8-Pleite von Mainz 05 in Leipzig schrieb ein Twitter-Nutzer beispielsweise: "Mir ist mittlerweile scheißegal, ob diese Muschis das nächste Heimspiel gewinnen oder mit diesem Versager als Trainer den Klassenerhalt schaffen." Trainer Ralf Rangnick prangte nach seiner Auszeit ein Plakat entgegen: "Burnout-Ralle, häng dich auf".

Es hat sich zwar tatsächlich einiges getan seit dem Tod von Robert Enke im Profifußball. Die Frage ist, ob das reicht. Solange die Haltung vor allem der Fans sich nicht ändert, wird es Depressionskranken im Fußball sicher nicht leichter gemacht.

Hilfe für Betroffene

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner.

Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Von Depression betroffene erhalten auch hier Hilfe:

Stiftung Deutsche Depressionshilfe
Telefon 0800/33 44 533
Mo, Di, Do: 13:00 - 17:00 Uhr
Mi, Fr: 08:30 - 12:30 Uhr
www.deutsche-depressionshilfe.de

Robert-Enke-Stiftung
Telefon 0241/80 36 777
Mo-Fr: 09:00 - 12.00 Uhr und 13:00 - 16:00 Uhr
www.robert-enke-stiftung.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 08. November 2019 um 08:05 Uhr.

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