Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. (Quelle: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa) | dpa / JFDA
Hintergrund

#kurzerklärt Wann ist "Israel-Kritik" antisemitisch?

Stand: 27.01.2019 21:28 Uhr

Israel ist eine Demokratie und hat eine offene Gesellschaft. Dennoch wird der Staat bisweilen heftig kritisiert und sogar mit NS-Deutschland verglichen. Wann wird Kritik zu Antisemitismus? Alina Stiegler stellt die 3-D-Methode vor.

Von Alina Stiegler, NDR

Das Wort "israelkritisch" findet sich auch online im Duden, als Adjektiv. Die offizielle Duden-Definition lautet: "Dem Staat Israel kritisch gegenüberstehend."

Schaut man in der Online-Ausgabe des Duden weiter nach Begriffen wie "russland-", "china-", oder "irankritisch", ist die Suche vergeblich. Auffällig, aber hat das was mit Antisemitismus zu tun?

Ein schneller Blick auf die Bedeutung eines anderen Wortes: Antisemitismus. Der Begriff entstand im 19. Jahrhundert - als Semiten oder semitisch bezeichnet man eine Sprachfamilie aus Nordafrika und dem Nahen Osten. So sollte das Wort Antisemitismus wissenschaftlich und modern wirken - es bedeutet nichts anderes als Judenfeindschaft.

Die Sozialforschung beobachtet zunehmend eine moderne Form: den Israel-bezogenen Antisemitismus. Das heißt nicht, dass Kritik an israelischer Politik automatisch antisemitisch ist. Auch Israelis kritisieren ja ihre Regierung. Israel ist eine Demokratie und offene Gesellschaft, zu der eine Debatte selbstverständlich dazu gehört.

3-D-Test für Antisemitismus

Wann eine Kritik an Israel antisemitisch ist, lässt sich mit dem so genannten 3-D-Test für Antisemitismus prüfen, den der israelische Politiker und Autor Natan Scharanski entwickelt hat, um Kritik am Staat Israel von Antisemitismus zu unterscheiden. Die Methode enthält drei Kriterien.

Das erste D steht für Dämonisierung. Das sind zum Beispiel Vergleiche von Israel mit Nazi-Deutschland, palästinensischen Flüchtlingslagern mit dem NS-Vernichtungslager Auschwitz oder Gaza mit dem Warschauer Ghetto. Damit soll Israel als Inbegriff des Bösen dargestellt werden.

Das zweite D: doppelte Standards - die liegen vor, wenn ausschließlich die Politik Israels kritisiert wird, aber Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern wie zum Beispiel China, Iran und Russland ignoriert werden.

Und das Dritte D: Delegitimierung - danach ist eine Kritik antisemitisch, wenn Israel das Existenzrecht abgesprochen wird. Dabei wird Israelis auch nicht zugestanden, sich zu verteidigen und geschützt in einem eigenen Staat zu leben.

Von der Bundesregierung anerkannt

Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat sich öffentlich für die 3-D-Methode ausgesprochen.

Sie ist zudem Grundlage für die EUMC-Arbeitsdefinition von Antisemitismus, die von der damaligen European Monitoring Center on Racism and Xenophobia (EUMC) entwickelt wurde. Diese wiederum wurde von der Bundesregierung anerkannt und wird zum Beispiel in der Polizeiausbildung eingesetzt.

Antisemitismus in Deutschland

Dämonisierung, doppelte Standards und Delegitimierung von Israel - solche Haltungen gibt es auch in Deutschland. Das hat der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus für den Bundestag untersucht und dafür Aussagen wie diese untersucht: "Bei der Politik Israels kann ich verstehen, dass man etwas gegen Juden hat". 40 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussagen zu.

Die Untersuchung zeigt auch: Unabhängig von der politischen Einstellung, ob Migrationshintergrund oder ohne, israelbezogener Hass gegen Juden gibt es in allen Teilen unserer Gesellschaft.