Arktische Landschaft | Bildquelle: dpa

Appell von Wissenschaftlern Falsche Warnung vor Klimanotfall?

Stand: 10.12.2019 15:23 Uhr

Anfang November warnten Tausende Wissenschaftler vor einem Klimanotstand. Der Appell steht seitdem in der Kritik. Von einer Falschmeldung ist die Rede. Doch die Vorwürfe sind weitgehend falsch.

Von Konstantin Kumpfmüller, tagesschau.de

Anfang November hatten zahlreiche Medien über einen Appell von Wissenschaftlern berichtet - darunter auch tagesschau.de. Die Veröffentlichung der Wissenschaftler und die Berichterstattung darüber steht seitdem in der Kritik. "Es ist eine komplette Fake-Meldung von A bis Z", behauptet zum Beispiel der Radiojournalist Christoph Lemmer als Interviewgast in einem halbstündigen Podcast. An der Meldung stimme "gar nichts", so Lemmer, der im September mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet wurde.

Allein bei Facebook wurde der entsprechende Beitrag innerhalb eines Tages rund 2000 Mal geteilt. Bei YouTube wurde ein Video mit der Tonspur des Podcasts Tausende Male geklickt. Der Titel: "Ein deutscher Radiopreisträger sagt: Wir erleben derzeit ein totales Versagen von ARD und ZDF!"

Der Appell

Der Appell erschien in der "BioScience", einer monatlich erscheinenden Fachzeitschrift, herausgegeben von der Oxford University Press im Auftrag des American Institute of Biological Sciences. Fünf Autoren schrieben an dem Artikel.

  • William J. Ripple, Professor für Ökologie an der Oregon State University
  • Christopher Wolf, ebenfalls Ökologe an der Oregon State University
  • Thomas Newsome forscht an der University of Sydney im Bereich Waldökosysteme und Gesellschaft
  • Phoebe Barnard, unter anderem Ökologin und Professorin an der University of Washington
  • William Moomaw, emeritierter Professor für Internationale Umweltpolitik an der privaten Tufts University. Er verfasste Kapitel für Berichte des Weltklimarates (IPCC).

Sie fordern Veränderungen vor allem in sechs Bereichen: Umstieg auf erneuerbare Energien, Reduzierung des Ausstoßes von Stoffen wie Methan und Ruß, besseren Schutz von Ökosystemen wie Wäldern und Mooren, Konsum von mehr pflanzlichen und weniger tierischen Produkten, nachhaltige Veränderung der Weltwirtschaft und Eindämmung des Anwachsens der Weltbevölkerung.

Die dritte Warnung

Wenn sich das menschliche Verhalten nicht grundlegend und anhaltend verändere, sei "unsägliches menschliches Leid" nicht mehr zu verhindern, so die Autoren.

Es ist bereits der dritte "Warnruf der Wissenschaftler an die Menschheit". Der erste erschien 1992. Rund 1700 Wissenschaftler schlossen sich damals dem Schreiben an, das konstatierte: Menschen und Natur befinden sich auf einem Kollisionskurs. Im November 2017 wurde dieser Aufruf wieder aufgegriffen. Eine "Zweite Mitteilung" erschien, die mehr als 15.000 Wissenschaftler unterzeichneten.

Zweifel an Forschern

Die Kritik gegen den nun veröffentlichen dritten Appell richtet sich vor allem gegen die Liste der Unterzeichner. Darunter fänden sich offensichtliche Fakes. So habe jemand mit dem Namen "Micky Mouse" unterschrieben, was in zahlreichen Artikeln als Anlass genommen wurde, die Glaubwürdigkeit des Warnrufes generell in Frage zu stellen.

Tatsächlich standen falsche Name auf der Liste. Aufgrund eines "administratitiven Fehlers" seien diese auf die Liste geraten, heißt es in einem Statement der Universität. Indes ist die Liste wieder aufrufbar. 11.092 Unterzeichner stehen nun darauf. 166 Namen wurden als ungültig gestrichen.

Keine Klimaforscher?

Des Weiteren seien auf der Liste unter anderem Sozialwissenschaftler und viele andere, deren Gebiet nichts mit dem Klimathema zu tun habe. "Nicht einer von denen ist Klimaforscher", so Lemmer. Tatsächlich wurden explizit Wissenschaftler aus allen Fachrichtungen aufgerufen, den Appell zu unterschreiben. Der "Washington Post" sagte Ripple, die Autoren wollten eine möglichst breite Unterstützung. Die derzeitige Situation des Klimawandels zeige, dass das Problem nicht nur Klimaforscher betreffen dürfe.

So finden sich auf der Unterschriftenliste beispielsweise Psychologen, Mediziner, Politikwissenschaftler und Theologen, aber auch viele Klimaexperten. Das zeigt allein der Blick auf die deutschen Unterzeichner. Neben zahlreichen anderen Klimaforschern finden sich darunter:

  • Peter Knippertz, Professor am Institut für Metereologie und Klimaforschung am Karlsruher Institut für Technologie
  • Claudia Kammann, Professorin für Klimafolgenforschung an Sonderkulturen an der Hochschule Geisenheim
  • Mark Lawrence, wissenschaftlicher Direktor am Institute for Advanced Sustainability Studies Potsdam
  • Clemens Simmer, Professor für Allgemeine und Experimentelle Meteorologie an der Uni Bonn
  • Jörg Priess, Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Des Weiteren unterschrieben Ökologen, Biologen sowie Chemiker, Physiker, Geologen und Forstwissenschaftler den Aufruf. Auch Johann Goldammer ist darunter, Direktor des Global Fire Monitoring Centers, sowie die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger.

Keine Studie, sondern ein Aufruf

Der Artikel versteht sich nicht als eigenständige Studie, sondern führt nach Angaben der Autoren "klare, verständliche und systematisch gesammelte Daten" zusammen. Sie sollen der Öffentlichkeit, politischen Entscheidern sowie Unternehmern eine Hilfe sein. Die Warnung vor einer katastrophalen Bedrohung sei für Wissenschaftler eine "moralische Pflicht", so Co-Autor Newsome.

Wie jeder Artikel, der in der "BioScience" erscheint, durchlief der Appell eine "Peer-Review", ein Verfahren der Qualitätssicherung wissenschaftlicher Arbeiten durch Experten. Der Vorwurf, die Warnung und die Berichterstattung darüber seien Falschmeldungen läuft also ins Leere.

Die Warnung ist außerdem nur eine von zahlreichen alarmierenden Prognosen von Wissenschaftlern. Ende November warnten führende Klimaforscher vor dem Erreichen unumkehrbarer Kipppunkte. Einer der Autoren sprach von einem starken Beleg für einen "planetaren Notfallzustand".

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Konstantin Kumpfmüller, tagesschau.de

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