Autos fahren eine Straße entlang | Bildquelle: AP

Streit um Grenzwerte Wie gesundheitsschädlich ist NO2?

Stand: 24.01.2019 08:14 Uhr

Wie gefährlich sind Autoabgase wie Stickstoffdioxid (NO2) und Feinstaub für Menschen wirklich? Einige Lungenfachärzte zweifeln stark an der Aussagekraft bisheriger Studien.

Andrej Reisin, NDR Logo NDR
Andrej Reisin, NDR

Von Andrej Reisin, NDR

Über die Gefährlichkeit von Stickstoffdioxid (NO2) und Feinstaub für den Menschen ist unter Wissenschaftlern ein Streit entbrannt. Der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP), Dieter Köhler, veröffentlichte ein Positionspapier, in dem er einen Großteil der vorhandenen Studien zu den Gesundheitsgefahren durch Luftschadstoffe für fragwürdig erklärt. Dieser Meinung schlossen sich mittlerweile mehr als 100 Lungenfachärzte und Fachleute an. Sie fordern, die Grenzwerte zu überprüfen.

Während die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie vor kurzem noch anderer Auffassung war, will der jetzige Präsident Klaus Rabe nun auf die Kritiker zugehen. Demgegenüber stehen das Umweltbundesamt (UBA), Umweltmediziner und Epidemiologien, die in Studien hochrechneten, wie viele Menschen durch das Einatmen von Schadstoffen angeblich erkranken und vorzeitig sterben.

Lungenärzte zweifeln an Studie zu Dieselgrenzwerten und fordern Neubewertung
tagesschau 12:00 Uhr, 23.01.2019, Torben Börgers, NDR

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Streit unter den Lungenfachärzten

Christian Witt, Mitautor eines Positionspapiers der DGP zu den Auswirkungen von Luftschadstoffen, widerspricht Köhler vehement: "Die negativen Auswirkungen von Luftschadstoffen auf die Gesundheit sind weltweit in zahlreichen Studien belegt und auch in der internationalen Forschung unumstritten. Gerade in hochbelasteten Ländern können Sie sehen, wie stark die Menschen beeinträchtigt sind. China hat seinerzeit nicht umsonst rund um die Olympiastandorte einfach die Industrieproduktion und den Verkehr gestoppt, damit beim Marathon niemand umfällt."

Christian Witt wird interviewt (Quelle: SWR)
galerie

Widerspricht Köhler: Christian Witt.

Aus Sicht von Witt und anderen Befürwortern strenger Grenzwerte ist es nicht sinnvoll, die Debatte auf Stickoxide zu verengen, denn diese treten nicht isoliert auf, sondern in einem "toxischen Mix aus gesundheitsgefährdenden Substanzen", von dem nur "ein kleiner Teil an den innerstädtischen Messstellen als Indikatoren der Luftqualität gemessen" werden, so der Bundesverband der Pneumologen.

Witt betont zudem, dass es um "eine Dauerbelastung geht, die etwas völlig anderes ist, als wenn sie kurzzeitig Essen kochen oder eine Zigarette rauchen. Dagegen hat der Körper durchaus Abwehrmechanismen. Aber wenn sie jeden Tag eine bestimmte Menge an Luftschadstoffen einatmen, über Jahrzehnte hinweg, dann führt das nachweisbar zu Folgeerkrankungen, insbesondere bei den Schwächsten, also Kindern, Älteren und vor allem vorgeschädigten Personen." Und genau das sehe er auch bei seinen Patienten, so der leitende Arzt an der Berliner Charité.

NO2 als Indikator der Luftverschmutzung

Ähnlich sieht man die Dinge beim Umweltbundesamt (UBA): "Die gesundheitsschädliche Wirkungen von Luftschadstoffen aus dem Straßenverkehr" seien "unstrittig nachgewiesen, ob nun durch NO2 allein verursacht oder zusätzlich durch andere Luftschadstoffe." Stickstoffdioxid bleibe daher "ein aussagekräftiger Indikator für die Umweltbelastung durch den Straßenverkehr". Das UBA erklärte gegenüber dem ARD-faktenfinder: "Wir sind immer offen für neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Uns liegen derzeit aber keine Studien vor, die unsere Ergebnisse infrage stellen." Daher gebe es auch keinen Grund, die auf europäischer Ebene festgelegten Stickstoffdioxid-Grenzwerte anzuzweifeln, so UBA-Präsidentin Maria Krautzberger.

Winfried Herrmann, Verkehrsminister Baden-Württemberg, über NOx-Grenzwerte
tagesthemen 22:15 Uhr, 23.01.2019

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Streitpunkt Störfaktoren

Die Kritiker bestreiten dagegen, dass die beobachteten und hochgerechneten Erkrankungs- und Sterbefälle ursächlich auf NO2 und andere Luftschadstoffe zurückzuführen seien. Ihrer Auffassung nach handelt es sich um eine zufällige Korrelation. Im Fokus stehen dabei sogenannte Störfaktoren, die die Ergebnisse von Studien bis zur Unkenntlichkeit verzerren könnten. Insbesondere die Frage nach der Lebensführung, die viele Krankheiten begünstigt (oder eben vorbeugt), ist hier von entscheidender Bedeutung: Raucht eine Person? Ist sie übergewichtig? Treibt sie Sport? Folgt man Köhler, enthalten die Zahlen vieler Studien hier "einen systematischen Fehler". Sie seien "extrem einseitig interpretiert" worden, "immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und NOx schädlich sein müssen. Andere Interpretationen der Daten sind aber möglich, wenn nicht viel wahrscheinlicher", so Köhler.

Sein zentrales Argument: Der Zusammenhang zwischen höheren Erkrankungs- und Sterbefällen und der Luftschadstoffbelastung werde durch andere Faktoren um ein Vielfaches aufgewogen. Gegenüber dem ARD-faktenfinder betonte Köhler, "viele Studien zeigen, dass der Sozialstatus die Lebenserwartung beeinflusst, was plausibel ist. Man muss einfach davon ausgehen, dass jemand, der an der Hauptstraße wohnt, einen niedrigeren sozialen Status hat, weniger Einkommen, mehr raucht, weniger Sport treibt und so weiter." In seinem Positionspapier heißt es dazu, es gäbe Unterschiede in der "Lebensart zwischen den unterschiedlich belasteten Regionen, die offensichtlich und auch durch Studien belegt" seien.

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Grafiken: Stickoxid-Belastung in Deutschland

Grafik: Stickoxidausstoß

Lebensführung fließt in Studien ein

Auch die Epidemiologen berücksichtigen die Lebensführung und versuchen diese mithilfe von Fragebögen an die Patienten zu ermitteln, um diese Störfaktoren aus ihren Studien herauszurechnen. Diese Methode wird von Köhler allerdings als "wissenschaftsmethodologisch nicht zulässig" beschrieben, "weil die gemessenen Einflüsse durch Feinstaub oder NOX im 1-3-Prozentbereich liegen und die anderen Einflüsse mehrere 1000 Prozent höher sind."

Die Forscher des Münchner Helmholtz Zentrums für Gesundheit und Umwelt hatten die Ballungsräume Berlin und München mit Brandenburg verglichen und waren auf eine erhöhte Krankheitsbelastung und vorzeitige Sterblichkeit gestoßen, die sie ursächlich mit der Schadstoffbelastung der Atemluft in den Großstädten in Verbindung setzten. Bei der Vorstellung der nun kritisierten Untersuchung betonten sie:

Ein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang wird die Epidemiologie nicht liefern können, denn es handelt sich nicht um ein kontrolliertes Experiment. Zudem fehlen diagnostische Möglichkeiten, den Tod von Menschen direkt dem Reizgas zuzuordnen.

Bis zur etwaigen Verbesserung toxikologischer und anderer Nachweismethoden bleibe die "Epidemiologie das beste Werkzeug was wir haben, um die Auswirkungen von NO2 zu beschreiben", so Studienleiterin Annette Peters damals.

#kurzerklärt: Wie gefährlich sind Feinstaub und Stickstoffdioxid?
28.07.2017, Martin Schmidt, SWR

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Leben Menschen in Städten ungesünder?

Dass Menschen, die in Großstädten an stark befahrenen Straßen wohnen, grundsätzlich eine ungesündere Lebensführung haben, belegt Köhler allerdings nicht. Eine bekannte deutschlandweite Untersuchung kommt hier auf Bundesland-Ebene beispielsweise zu anderen Ergebnissen. Beispielsweise im "DKV-Report 2018 - Wie gesund lebt Deutschland?" - von der Deutschen Krankenversicherung (DKV) gemeinsam mit der Deutschen Sporthochschule Köln publiziert - erreichte Hamburg einen Spitzenwert bei der gesunden Lebensführung, vor überwiegend ländlich geprägten Regionen wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Ernährungsgewohnheiten und ärztliche Versorgung sind demnach auf dem Land nicht unbedingt besser. Andere Studien wiederum zeigen, dass Stress und psychische Belastungen in Städten höher sind.

Epidemiologen gegen Toxikologen

Der neue Streit um die NO2-Grenzwerte ist eine Auseinandersetzung zwischen zwei unterschiedlichen Ansätzen: Die einen errechnen anhand riesiger Datenmengen für Bevölkerungsgruppen Wahrscheinlichkeiten, Krankheits- und Sterberisiken, die anderen sagen, der behauptete schädliche Effekt eines einzelnen Schadstoffs lasse sich weder experimentell noch anderweitig wissenschaftlich exakt nachweisen.

Allerdings haben die Kritiker auch kein alternatives Erklärungsmodell für die Abweichungen zwischen Räumen mit hoher und niedriger Luftschadstoff-Belastung, das objektiv nachvollziehbar wäre.

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