Ein Mann ist gewalttätig gegen eine Frau

Interview mit Terre des Femmes "Gewalt gegen Frauen wird instrumentalisiert"

Stand: 29.10.2020 09:34 Uhr

Wenn nur über bestimmte Fälle von sexualisierter Gewalt berichtet werde, entstehe ein Zerrbild, warnt die Organisation Terre des Femmes. Sexualdelikte würden zudem instrumentalisiert, um Stimmung zu machen, sagt Vanessa Bell im Interview mit dem ARD-faktenfinder. Sie ist die Referentin für Häusliche und sexualisierte Gewalt bei Terre des Femmes.

ARD-faktenfinder: Haben Sie eine Zunahme der Zahl von vorgetäuschten Vergewaltigungen wahrgenommen?

Vanessa Bell, Terre des Femmes: Zunächst muss einmal festgehalten werden, dass 80 Prozent der Gewalttaten gegen Frauen im Dunkeln bleiben. Für die wenigen Betroffenen, die sich für eine Strafverfolgung ihres Falles entschließen, kann das Verfahren schmerzlich und re-traumatisierend sein. Die Folgen von sexualisierter Gewalt werden in der Ausbildung entsprechender Berufsgruppen zu wenig thematisiert. Dabei ist ein sensibler und gegebenenfalls kulturspezifischer Umgang der Strafverfolgungsbehörden mit den Betroffenen unerlässlich.

Der in Betracht zu ziehende, klammheimlich vermutete oder offen geäußerte Verdacht der Vortäuschung ist fester Bestandteil und nicht selten wesentliches Element bei der Betrachtung und Aufarbeitung entsprechender Vorkommnisse sowie bei einschlägigen Ermittlungs- und Strafverfahren.

Diesem grundsätzlichen, allgemeinen wie professionellen Misstrauen gegenüber der vergewaltigten Frau stehen empirische Untersuchungen gegenüber, mit denen sehr geringe Vortäuschungsquoten von nicht mehr als zwei bis fünf Prozent nachgewiesen werden.

Schwierige Spurensicherung

ARD-faktenfinder: Welche besonderen Schwierigkeiten gibt es in diesem Kontext?

Bell: Die Situation für Betroffene von sexualisierter Gewalt ist sehr schwierig, da viele Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt werden. Um dies zu verhindern, müssen die Spuren bei einer Vergewaltigung zeitnah sichergestellt werden. Dies ist in der Regel bisher nur möglich, wenn die Betroffene sofort bereit ist, Anzeige zu erstatten.

Deshalb fordert Terre des Femmes eine flächendeckende Versorgung von Opferschutzambulanzen, bei denen eine "Anonyme Spurensicherung" möglich ist und die Beweise bis zu 20 Jahre gerichtsfest gelagert werden.

ARD-faktenfinder: Nehmen Sie eine zunehmende politische Instrumentalisierung von sexualisierter Gewalt wahr?

Bell: Die Instrumentalisierung von sexualisierter Gewalt ist ein zunehmendes Problem, welches besonders im rechten politischen Spektrum Anwendung findet, aber auch allgemein zur Erhaltung und Begründung von patriarchalen Gesellschaftsstrukturen dient.

Häufig wird das Narrativ verwendet, dass wehrlose weiße deutsche Frauen von Menschen mit Migrationshintergrund oder anderer Nationalität permanent bedroht, belästigt, vergewaltigt, ermordet oder verletzt werden würden.

Gewalt gegen Frauen wird dabei instrumentalisiert, um rassistische Forderungen, Vorurteile und Ängste in der Gesamtbevölkerung zu schüren. Tatsache ist allerdings, dass die meisten Gewalttaten gegen Frauen in den eigenen vier Wänden stattfinden und nicht in dunklen Straßen von unbekannten Personen.

Insgesamt wurden im Jahr 2017 laut BKA Statistik 138.893 Betroffene von vollendeten und versuchten Delikten der Partnerschaftsgewalt polizeilich erfasst. Vielen Menschen in der Gesellschaft ist dieses Ausmaß von Häuslicher und sexualisierter Gewalt an Frauen nicht bewusst.

"Dramatische Folgen"

ARD-faktenfinder: Welche Konsequenzen hat es für tatsächliche Opfer, wenn sich Fälle - über die groß berichtet wurde als erfunden herausstellen?

Bell: Die Konsequenzen von einseitiger Berichterstattung und der Instrumentalisierung von sexualisierter Gewalt sind dramatisch für tatsächlich betroffene Frauen. Sie müssen befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird und sie durch eine Täter-Opfer-Umkehr zum zweiten Mal zum Opfer degradiert werden oder auch, dass ihre Gewalterfahrung von anderen Personen für politische Zwecke missbraucht werden.

Terre des Femmes wünscht sich, dass die öffentliche Debatte mit Fokus auf sexualisierte Gewalt geführt wird, anstatt dass Einzelfälle durch die Medien geistern.

ARD-faktenfinder: Welche Konsequenz hat es, wenn nur ein Teil der sexualisierten Gewalt öffentlich thematisiert wird?

Bell: Wenn nur über die Einzelfälle von mutmaßlichen vorgetäuschten Vergewaltigungen berichtet wird, oder nur, wenn es sich bei den Tätern um eine Person anderer Nationalität handelt, entsteht ein verzerrtes Bild. Sexualisierte Gewalt findet in allen sozialen Schichten statt - und zwar in einer dramatischen Regelmäßigkeit.

Das Interview führte Patrick Gensing.