Autobahn A1 bei Oyten (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Scheuer über deutsche Autobahnen Die sichersten Straßen der Welt?

Stand: 23.03.2019 22:41 Uhr

Verkehrsminister Scheuer hat ein Tempolimit auf Autobahnen als eine "unrealistische" Forderung bezeichnet. Die deutschen Autobahnen seien ohnehin die sichersten Straßen der Welt. Stimmt das?

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer spricht im Bundestag | Bildquelle: dpa
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Verkehrsminister Scheuer ist strikt gegen ein Tempolimit.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat seine Positionen in der Verkehrspolitik bekräftigt, insbesondere ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen lehnt er ab. Deutsche Autobahnen, so sagte Scheuer in der "Bild am Sonntag", seien "die sichersten Straßen weltweit".

Eine Veröffentlichung des ADAC stützt diese Aussage auf den ersten Blick. Dort heißt es:

Die Zahl der auf Autobahnen Getöteten pro eine Milliarde Fahrzeugkilometer liegt in Deutschland bei aktuell 1,6. [...] Länder mit genereller Geschwindigkeitsbeschränkung, wie Österreich, Belgien oder die USA, schneiden nicht besser ab als Deutschland.

Als Quelle für diese Daten gibt der ADAC auf Nachfrage eine Grafik der "International Road Traffic & Accident Database" für die Jahre 2005 bis 2015 an. Dort schnitt beispielsweise Österreich in den Jahren 2013 und 2014 aber sehr wohl besser als Deutschland ab. Auch Dänemark, die Schweiz und Großbritannien liegen zumeist unter dem deutschen Wert. Zudem, so erklärte eine ADAC-Sprecherin gegenüber dem ARD-faktenfinder, spielen natürlich auch andere Faktoren wie der Zustand der Autobahnen eine Rolle. So gilt die Straßeninfrastruktur in den USA teilweise als marode.

Zahl der Todesopfer deutlich zurückgegangen

Im Jahr 2017 kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 3180 Menschen auf deutschen Straßen ums Leben. Das ist der niedrigste Stand seit mehr als 60 Jahren. 1970 waren es noch mehr als 20.000 Tote, seitdem sank die Zahl um mehr als 85 Prozent, obwohl sich der Bestand an Kraftfahrzeugen vervielfacht hat. Auch die Fahrleistung nahm deutlich zu: von 251 Milliarden Kilometern im Jahr 1970 auf 784 Milliarden Kilometer im Jahr 2017.

Die Gründe für den Rückgang der Zahl der Todesopfer sind vielfältig. Dazu zählen verbesserte Straßen- und Verkehrskonzepte, moderne Technik, aber auch die Einführung der Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern auf Landstraßen, Gurt- sowie Kindersitzpflicht oder strengere Regeln beim Alkoholkonsum. Mehrere Maßnahmen waren auf beachtlichen Widerstand gestoßen. So zeichnete der "Spiegel" nach, wie Mitte der 1970er-Jahre heftig über die Gurtpflicht gestritten wurde.

Rückgang auf Autobahnen weit schwächer

Auch auf den Autobahnen ist die Zahl der Todesopfer gesunken - aber deutlich schwächer als auf den Landstraßen und innerorts. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts starben im Jahr 1980 auf den deutschen Autobahnen 943 Menschen. 2010 waren es 430, 2017 dann 409. Auf den Landstraßen sank die Zahl seit 1980 hingegen von 7976 Todesopfern auf 2207 im Jahr 2010 und schließlich 1795 im Jahr 2017.

Zahl der Todesopfer
JahrInnerortsAußerorts (ohne Autobahnen)Autobahnen
198061317976943
201010112207430
20179761795409

Die Zahl der Schwerverletzten hat in den vergangenen Jahren auf den Autobahnen sogar wieder zugenommen - von 4924 im Jahr 2010 auf 5974 im Jahr 2017.

Hohe Geschwindigkeit führt öfter zu schweren Unfällen

Auch wenn die Unfälle durch nicht angepasste Geschwindigkeit nicht am häufigsten vorkommen, so haben sie nach wie vor die schlimmsten Folgen: Im Jahr 2017 gab es bei solchen Unfällen 24 Tote je 1000 Unfällen mit Personenschaden. Die Zahl der Schwerverletzten war zudem überdurchschnittlich hoch.

Je 1000 Unfälle mit Personenschaden im Jahr 2017
UnfallursacheVerkehrstote
Geschwindigkeit24
Falsche Straßennutzung22
Überholen18
Alkoholeinfluss14
Falsches Verhalten gegenüber Fußgängern11

Auf Autobahnen gehört zu schnelles Fahren zu den Hauptunfallursachen. Im Jahr 2017 war mehr als ein Drittel der Unfälle dort darauf zurückzuführen. Insgesamt fanden 181 Menschen bei Geschwindigkeitsunfällen auf Autobahnen den Tod. Die Statistiken geben allerdings keine Auskunft darüber, in welchen Abschnitten der Autobahn zu schnell gefahren wurde und ob es dort ein Tempolimit gab.

Opfer pro Million Einwohner gerechnet: Aus EU-Statistiken geht hervor, dass beispielsweise in Dänemark, Schweden, Großbritannien, Finnland, Tschechien, Irland, Litauen, Polen und Österreich die Anzahl der Verkehrstoten auf Autobahnen pro Million Einwohner unter dem deutschen Wert liegt.

Insgesamt - auf alle Straßen bezogen - gibt es in Deutschland 39 Verkehrstote pro Million Einwohner, in Schweden 25, in Dänemark 30, in den Niederlanden 31. Besonders schlecht schneiden Polen, Ungarn, Bulgarien und Rumänien ab - was aber vor allem an den vielen Unfällen innerorts und auf Landstraßen liegt - nicht auf den Autobahnen.

Die Zahl der Verkehrstoten pro Million Einwohner wird in zahlreichen Statistiken angewandt, um das Risiko für den Durchschnittsbürger darzustellen. Dieser Wert kann zudem mit anderen Todesursachen verglichen werden. So wurden im Jahr 2017 in Deutschland beispielsweise insgesamt 405 Menschen ermordet. Auf eine Million Menschen gerechnet waren das 4,9 Fälle. Das Risiko im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, ist also um ein Vielfaches höher.

Opfer auf Kilometer gerechnet: Andere Statistiken beziehen sich nicht auf die Einwohnerzahl, sondern auf die zugelassenen Fahrzeuge oder gefahrene Kilometer. Nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen legten Kraftfahrzeuge im Jahr 2016 auf deutschen Straßen insgesamt 784 Milliarden Kilometer zurück, davon ein Drittel auf Autobahnen. Aber nur jeder vierzehnte Unfall mit Personenschaden (6,9 Prozent) und jeder achte Verkehrstote (12,9 Prozent) entfiel auf eine Autobahn. Im EU-Durchschnitt liegt dieser Wert insgesamt aber niedriger, nämlich bei acht Prozent.

Umweltverbände verweisen zudem auf die Zahl der Verkehrstoten in Relation auf das gesamte Streckennetz. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland mit etwa drei Getöteten pro 100 Kilometer Streckenlänge nicht gut da, schreibt der Verkehrsclub Deutschland. Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Schweiz, Dänemark und Finnland hätten mit maximal 2,5 einen deutlich niedrigeren Wert vorzuweisen.

Nicht die sichersten Straßen der Welt

Die Aussage, deutsche Autobahnen seien die sichersten Straßen der Welt, lässt sich statistisch hingegen nicht belegen. Allerdings zeigen die Zahlen, dass Deutschland bei der Sicherheit im Straßenverkehr im internationalen Bereich im vorderen Bereich liegt - und die meisten Toten weiterhin auf Landstraßen und in Ortschaften zu beklagen sind.

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