Polizeibeamte stehen vor einem Wohnhaus. | Bildquelle: dpa

Statistiken zur Kriminalität Mörderisches Berlin?

Stand: 06.01.2020 13:35 Uhr

Die AfD spricht von einem gescheiterten Staat, der Historiker Aly schreibt, Berlin sei "mörderisch": Anlass der Äußerungen ist eine Statistik zur Kriminalität, die allerdings fragwürdig ist. 

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

"Wo Berlin auf dem Weg ins Jahr 2030 steht" - diese Bestandsaufnahme wollte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung in einer Untersuchung leisten. Kurz vor Weihnachten veröffentlichte das DIW die Ergebnisse, in denen es unter anderem heißt, in sieben von acht Kategorien habe sich Berlin verbessert, nur in der Verwaltung sei es zurückgefallen.  

Negativ auf die Gesamtbewertung der Lebenszufriedenheit wirke sich allerdings aus, "dass Berlin die mit Abstand höchste Mordrate aufweist". So heißt es in der Untersuchung, in Berlin habe es im Jahr 2016 eine "Mordrate" von 4,4 pro 100.000 Einwohner gegeben. Folgt man den Angaben, lag der Wert im Jahr 2009 sogar bei mehr als sieben Fällen. Zum Vergleich: In anderen Hauptstädten in Europa liegt die "Mordrate" bei 0,3 bis 2,4 Fällen pro 100.000 Einwohnern. 

"Schande für Berlin"

Diese erstaunliche Diskrepanz thematisierte die "Berliner Zeitung" und berichtete, Berlin liege bei der Kriminalitätsrate weit vorne in Europa. Der Historiker Götz Aly schrieb dazu in einer Kolumne von einer "Schande für Berlin" und beklagte, dass "das auf Ausgleich, Modernisierung, Liberalität und feste, für alle geltende Regeln bedachte Bürgertum" in "den real existierenden Parteien seiner Stadt keine verlässlichen Repräsentanten" finde.

Die AfD griff wiederum die Berichterstattung der "Berliner Zeitung" auf, schrieb in sozialen Medien von schockierenden Zahlen und einem "failed state". Mit diesem Begriff werden Länder beschrieben, in denen sich die staatliche Ordnung auflöst - beispielsweise als Folge von Bürgerkriegen - und die ins Chaos abgleiten.

Vorsicht bei Definitionen

Der Journalist Tobias Wilke schaute sich die DIW-Zahlen genauer an und stellte fest, dass bei den meisten europäischen Hauptstädten offenbar die "Homicide"-Rate genutzt worden sei. Eine gängige Methode, um schwere Gewaltkriminalität zu erfassen. Die Zahl für Berlin basierte hingegen offenkundig auf der Kategorie "Straftaten gegen das Leben" der Polizeilichen Kriminalstatistik, so Wilke.

Die Vermutung zu der statistischen Basis ist nachvollziehbar: In der Polizeilichen Kriminalstatistik kam Berlin im Bereich der "Straftaten gegen das Leben" 2016 auf 167 Fälle - was auf 100.000 Einwohner bezogen einer Rate von 4,4 entspricht. 

Der Haken an der Sache: Die Kategorie "Straftaten gegen das Leben" umfasst nicht nur Mord, sondern auch Delikte wie Totschlag, Tötung auf Verlangen, Schwangerschaftsabbrüche ohne ärztliche Feststellung, Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft und fahrlässige Tötung - beispielsweise ärztliche Kunstfehler mit Todesfolge oder tödliche Arbeitsunfälle aufgrund von Nichteinhaltung geltender Arbeitsschutzbestimmungen. Letztere haben allerdings alle nichts mit einem vorsätzlichen Tötungsdelikt zu tun.

Daher wäre es sinnvoller, die polizeilichen Angaben zu Mord und Totschlag als Basis zu nehmen. Dabei kam Berlin im Jahr 2016 auf 92 Fälle. Auf die Einwohnerzahl bezogen wären das etwa 2,4 Fälle pro 100.000 Menschen. Unter den aufgeführten 92 Fällen gab es laut Polizei 55 versuchte und 37 vollendete Taten. Bezieht man sich auf die vollendeten Taten, liegt Berlin bei einer "Mordrate" von einem Fall pro 100.000 Einwohner.

Gefährliches Niedersachsen?

Das DIW erklärte auf Anfrage des ARD-faktenfinder, man habe sich bei der Untersuchung auf Zahlen der OECD bezogen. Tatsächlich findet sich eine Datenbank mit entsprechenden Angaben. Jedoch fällt bei den dort für Deutschland ausgewiesenen Werten schnell auf, dass die Rate für vorsätzliche Tötungsdelikte ("Homicide") um ein Vielfaches höher liegen soll als im Rest von Europa. 

Folgt man den Angaben, hatte es beispielsweise in Hessen 5,7 Morde pro 100.000 Einwohner gegeben, in Niedersachsen sogar 6,5 entsprechende Delikte. Das "mörderische" Berlin ist dieser Statistik zufolge sogar noch deutlich weniger gefährlich als die vermeintliche Verbrechenshochburg Niedersachsen.

Ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für Niedersachsen bestätigt die Vermutung, dass die OECD die weiter gefassten Angaben zu den "Straftaten gegen das Leben" nutzt: Die PKS wies für das Bundesland für 2016 genau 514 solcher Fälle auf. Bei 7,9 Millionen Einwohnern ergibt das 6,5 Fälle auf 100.000 Menschen. Damit wäre, glaubt man dieser OECD-Statistik, Niedersachsen einer der unsichersten Orte Europas und gefährlicher als die USA, was vorsätzliche Tötungsdelikte betrifft. 

UN-Studie: Deutschland sicher

Forensiker untersuchen den Wagen des ermordeten Gouverneurskandidaten
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Die gefährlichsten Metropolen befinden sich in Mexiko und Südamerika.

Die Angaben der OECD stehen in krassem Widerspruch zu international anerkannten Statistiken zur "Homicide-Rate", denen zufolge Deutschland zu den sichersten Staaten der Welt gehört - mit weniger als einem Fall pro 100.000 Einwohnern. Der Wert geht in Europa zudem seit Jahrzehnten immer weiter zurück, wie eine UN-Studie zeigt: seit 2002 um 63 Prozent. 

Bei der Rangliste der weltweit gefährlichsten Metropolen stehen mehrere Städte in Mexiko und Südamerika an der Spitze, in denen die "Mord"-Rate bei bis zu 138 pro 100.000 Einwohnern liegt. Unter den 50 gefährlichsten Städten tauchen auch mehrere US-amerikanische auf, aber keine einzige aus Europa.

Die "Berliner Zeitung" hat ihren Artikel mittlerweile überarbeitet und weist auf die Kritik an den Zahlen aus der DIW-Untersuchung hin. Eine Anfrage des ARD-faktenfinder an die OECD ist bislang noch nicht beantwortet worden.

Überlebende als Opfer von vollendeten Tötungsdelikten

Zahlen aus Kriminalstatistiken sorgen immer wieder für Aufregung. So hieß es beispielsweise, die Zahl der von Ausländern getöteten Deutschen sei sprunghaft angestiegen. Basis war eine BKA-Statistik. Allerdings wurden darin Menschen als Opfer von vollendeten Tötungsdelikten registriert, obwohl sie glücklicherweise noch lebten - so beispielsweise 75 Menschen, die beim islamistischen Anschlag am Breitscheidplatz verletzt worden waren.

Solche Beispiele zeigen, dass Zahlen ohne Kontext wenig Aussagekraft besitzen und leicht zur Stimmungsmache instrumentalisiert werden können. Zwar ist Gewaltkriminalität in Berlin durchaus ein Problem - die Zahlen sind aber nicht um ein Vielfaches höher als in vergleichbaren Metropolen.

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