Medien fallen auf Satire herein Heiße Luft und Feinstaub

Stand: 21.02.2019 08:20 Uhr

Wer etwas glauben will, fällt schnell herein - jüngstes Beispiel: "#BlasebalgLeaks" vom Satire-Magazin "Titanic". Wie funktioniert solche Satire?

Von Lena Klimpel, MDR

Das Werkzeug: ein handelsüblicher Blasebalg. Der Tatort: ein städtisches Wohnviertel mitten am Tag. Der Täter: ein schwarzgekleideter Mann mit Sturmmaske. Mithilfe des Blasebalgs pumpt er Abgase aus einem Auspuff ab. Schnitt. Der Mann klettert auf eine Luftmessstation und bläst angeblich den aufgefangenen Feinstaub auf den Abgasmesser.

Screenshot von #BlasebalgLeaks-Video
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Moritz Hürtgen und das pumpende Tatwerkzeug im Fake-Video

Autonome gegen die Autoindustrie

Von diesem Video-Tutorial, versehen mit dem Aufruf "Autokonzerne bekämpfen - Diesellobby zerschlagen", erfährt das Magazin "Focus" - über einen angeblichen besorgten Bürger aus München, der behauptet, einen Screenshot von der Internetplattform "indymedia" aufgenommen zu haben. Dort sei er auf die Anleitung gestoßen.

Am 14. Februar meldet der "Focus" die vermeintliche neue Strategie Autonomer gegen die Autoindustrie. Die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" schließt sich an, ein AfD-Politiker teilt die Nachricht auf Twitter. Schnell verbreitet sie sich weiter. Unter anderem "Spiegel"-Redakteur Jan Fleischauer sowie Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt", twittern darüber.

Mit dem Blasebalg gegen die Diesellobby - tatsächlich eine ziemlich abwegige Idee. Experten geben dementsprechend im "Focus" Entwarnung. Eine signifikante Beeinflussung der Stationen durch die Blasebalg-Methode sei unwahrscheinlich, man habe keine Manipulationen zu befürchten.

"#BlasebalgLeaks"

Dass diese Angst tatsächlich unbegründet ist, wird spätestens klar, als "Titanic"-Chefredakteur Moritz Hürtgen unter dem Hashtag "#BlasebalgLeaks" verkündet, dass die Geschichte ein Fake ist. Ein Kollege und er hätten das Video mit dem Handy gedreht und es unter dem Alias "Michael Leitmayr" dem "Focus" zugespielt.

Von "#miomiogate" bis "Votebuddy"

Dass große Medien satirischen Fake News aufsitzen, geschieht mit "#BlasebalgLeaks" nicht zum ersten Mal. Die "Titanic"-Redaktion um Chefredakteur Hürtgen hatte im Februar 2018 mit "#miomiogate" schon einmal erfolgreich die "Bild"-Zeitung genarrt, als sie dieser einen erfundenen E-Mail-Wechsel zwischen einem russischen Hacker und Juso-Chef Kevin Kühnert zukommen ließ. Die "Bild" titelte damals "Neue Schmutzkampagne bei der SPD" - und erhielt für ihre fehlerhafte Berichterstattung eine Rüge des Bundespresserats.

Hürtgen zeichnet außerdem verantwortlich für Falschmeldungen über die angebliche Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU im Juni 2018. In diesem Fall meldete neben der Nachrichtenagentur Reuters und der "Bild" auch tagesschau24 fälschlicherweise den Fraktionsbruch. Der falsche Tweet wurde sogar Thema im Bundestag: Beatrix von Storch von der AfD thematisierte den vermeintlichen Bruch im Plenum. 

Nicht nur die "Titanic" machte mit satirischen Falschmeldungen auf sich aufmerksam. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 initiierte das Künstlerkollektiv "Peng!" den "Votebuddy". In einem Video wurde scheinbar dafür geworben, als deutscher Wahlberechtigter Briefwahl zu beantragen, die Unterlagen einem nicht stimmberechtigten Migranten zu überlassen. Sie habe darauf aufmerksam machen wollen, dass Millionen Migranten kein Wahlrecht hätten, so die Gruppe.

 "Peng!" hatte zuvor bereits für Aufsehen gesorgt - durch eine gefälschte CDU-Kampagne gegen Waffenexporte. Titel: "CDU mit Gefühl!" Damit schaffte es das Künstlerkollektiv bis in die "New York Times" und "Fox News".

Wenn Satire zu Fake News wird

Nicht immer ist es einfach, Satire auch als solche zu erkennen. Etablierte Medien haben dabei eine besondere Verantwortung. Sie müssen in der Lage sein, satirische Inhalte zu identifizieren und dafür sorgen, dass diese nicht irrtümlicherweise Eingang in ihre Nachrichten finden.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw forscht unter anderem zu politischer Satire. Es sei erst einmal eine grundlegende menschliche Eigenschaft, Informationen Glauben zu schenken, die in unser Weltbild passen. Diese Voreingenommenheit für Informationen, die unsere Haltung bestätigen, wird in der Forschung als "confirmation bias" bezeichnet. Davor sind auch große Redaktionen nicht gefeit.

Geschwindigkeit erhöht Risiko

Zunehmende Geschwindigkeit im digitalen Journalismus trägt dazu bei, dass keine Zeit mehr für die sorgfältige Überprüfung von Informationen und Quellen bleibt: "Je mehr die Redaktionen auf Klickzahlen schauen, desto größer ist die Gefahr, Falschmeldungen aufzusitzen," stellt Kleinen-von Königslöw fest. In einem Umfeld, in dem möglichst große Reichweite zählt, kann es schon mal wichtiger sein, dass eine Geschichte oft geteilt wird, als dass ihr Inhalt gesichert ist.

Das erschüttert das Vertrauen der Nutzer. Sobald satirische Falschmeldungen von etablierten Medien verbreitet werden, haben die Initiatoren der Satire-Aktionen ihr Ziel erreicht: Sie enthüllen, wie unsauber auch seriöse Publikationen stellenweise arbeiten. Bei denjenigen, die ohnehin an der Glaubwürdigkeit der "Mainstream-Medien" zweifeln, rennen die Satiriker damit offene Türen ein.

Die "Titanic" sieht sich deshalb auch Kritik ausgesetzt. Der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli merkte an, "Titanic" habe erneut "rechtskonservative Medien und Journalisten vorgeführt". Aber in der Zwischenzeit erreiche "die Fakestory Zehntausende Menschen, die hinterher gar nicht mehr erfahren werden, dass die Story ein Fake war. Ob das sinnvoll ist?"

"Gesellschaft braucht Satire"

Wissenschaftlerin Kleinen-von Königslöw betont daher, wie wichtig der richtige Umgang mit Falschmeldungen ist. "Als Gesellschaft lernen wir im Augenblick eine Menge darüber, wie Journalismus funktioniert." Als Medium müsse man in einem Fall wie "#BlasebalgLeaks" Transparenz gewährleisten und zu seinen Fehlern stehen. Wenn eine Falschmeldung verbreitet wurde, sei eine schnelle Klarstellung des Sachverhalts elementar. Auf diese Weise könne der Schaden möglichst gering gehalten werden.

Kleinen-von Königslöw betont aber, sie halte "politische Satire nicht für demokratiegefährdend. Die Gesellschaft braucht Satire, die ihr einen Spiegel vorhält."

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