Hintergrund

Abgas kommt aus einem Auto im morgendlichen Berufsverkehr in Düsseldorf. | Bildquelle: dpa

Luftverschmutzung Können Diesel-Autos die Luft reinigen?

Stand: 15.01.2020 14:57 Uhr

Moderne Diesel-Fahrzeuge saugen den Feinstaub aus der Luft und sind damit besonders umweltfreundlich, so wird es seit Jahren behauptet. Aber stimmt das wirklich?

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

"Wussten Sie, dass die neuste Generation Diesel die Luft sogar reinigt?!" So hat es die CSU München getwittert - und damit eine Aussage wiederholt, die so oder so ähnlich immer wieder auftaucht.

Bereits 2017 sagte Ralph Pütz, Professor und Spezialist für Nutzfahrzeugforschung und Abgasanalytik an der Hochschule Landshut, der "Lippischen Landes-Zeitung":

Der Diesel ist hoch sauber. Er ist die CO2-günstigste Verbrennungskraftmaschine. Es gibt eine Abgas-Nachbehandlungstechnik, mit der sogar die Luft gereinigt werden kann. Das heißt: Was ein solcher Dieselmotor ansaugt, ist schmutziger als das, was hinten rauskommt. Der beste Dieselbus der Welt, den wir vor einigen Wochen in Paderborn messen durften, reinigt regelrecht die Luft."

Mehr als eine Verschmutzungsart

Dieselmotoren erzeugen drei Formen von Emissionen: Feinstaub, Stickoxide (NOX) und Kohlendioxid (CO2). Der CO2-Ausstoß ist vom Verbrauch abhängig. Effizientere Motoren können diesen reduzieren. Letztlich ist aber entscheidend, wie viel, wie weit wie schnell und wo das Auto gefahren wird, zum Beispiel ob es viel im Stadtverkehr oder auf Kurzstrecken bewegt wird.

Zwar brauchen Diesel weniger Kraftstoff und erzeugen dadurch weniger CO2, oft sind sie jedoch mit größeren Motoren ausgestattet und wiegen mehr. Das führte dazu, dass 2017 der durchschnittliche CO2-Ausstoß eines neu zugelassenen Diesel-Pkws sogar über dem eines Benziners lag.

Das Stickoxid bleibt

Anders ist es beim Stickoxid-Ausstoß. Dieser kann in der Tat durch technische Maßnahmen reduziert werden, die sich wiederum jedoch auf Leistung und Verbrauch des Motors auswirken können. Auch hier halten laut Bundesumweltamt selbst aktuelle Diesel-Modelle nach den Normen Euro 6a, b oder c die Grenzwerte auf der Straße mitunter nicht ein: Sie stoßen im realen Fahrbetrieb durchschnittlich bis zu sechs Mal mehr Stickstoffdioxide aus, als es nach dem Grenzwert erlaubt ist.

Lediglich bei Fahrzeugen der Norm Euro 6d werden die gesetzlichen Limits durchgehend eingehalten - diese wurde jedoch erst im September 2019 für Neufahrzeuge verpflichtend eingeführt. Von diesen Autos waren am 1. Oktober 2019 in Deutschland lediglich 4382 zugelassen. Auch bei diesen Pkws gilt aber: Bei jeder Fahrt mit einem Verbrennungsmotor wird die Luft durch Stickoxide verschmutzt und mit CO2 belastet - und nicht von ihnen gereinigt.

Bleibt als dritte Verschmutzungsart die Feinstaubbelastung. Bei Fahrzeugen der Norm Euro 6d ist der Anteil bestimmter ausgestoßener Partikel tatsächlich geringer als der in der angesaugten Luft - zumindest im Regelbetrieb. Bei einem Test der Fachzeitschrift "auto motor sport" konnte dieser Effekt in bestimmten Konstellationen nachgewiesen werden.

Allerdings gibt es auch bei diesen Autos den umgekehrten Fall - nämlich immer dann, wenn der Partikelfilter des Wagens voll ist und "ausgebrannt" werden muss. Laut einer Studie der European Federation for Transport and Environment stoßen auch neue Diesel-Fahrzeuge bei den Reinigungszyklen mehr als das Tausendfache der üblichen Feinstaubemission aus. Diese Mengen gehen nicht in die offiziellen Emissionswert mit ein. Wie oft so die Reinigung stattfindet, hängt von der Fahrweise ab.

Auch wenn moderne Diesel-Fahrzeuge umweltfreundlicher sind als ältere Modelle, ist ihre gesamte Umweltbilanz also im Zweifelsfall weiterhin negativ. Die Aussage, dass moderne Diesel-Fahrzeuge die Luft reinigen, ist somit nicht haltbar.

Über dieses Thema berichtete Plusminus am 25.09.2019.

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