Bananen werden in eine Einweg-Plastiktüte in einem Supermarkt getan. | Bildquelle: dpa

Warnung der Bauerninitiative Werden Lebensmittel wegen Corona knapp?

Stand: 05.03.2020 16:58 Uhr

Kann das Coronavirus die Lebensmittelversorgung in Deutschland wegen der Abhängigkeit von Importen gefährden? Davor warnt jedenfalls die Initiative "Land schafft Verbindung". Doch wie wahrscheinlich ist das?

Landwirtinnen und Landwirte der Organisation "Land schafft Verbindung" protestieren erneut bundesweit gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Durch strengere Umweltauflagen befürchten sie Nachteile gegenüber Wettbewerbern aus anderen Ländern. In einer aktuellen Pressemitteilung warnt die Organisation sogar, die geplante Düngeverordnung stelle eine ernstzunehmende Gefahr für die regionale Lebensmittelproduktion dar.

Um ihren Interessen Nachdruck zu verleihen, behauptet "Land schafft Verbindung", durch die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten sei die Versorgung der Bevölkerung in Deutschland mit sicheren, qualitativ hochwertigen und geprüften Lebensmitteln aus der Region nicht gewährleistet. Jederzeit könnten Lieferketten durch kritische Situationen abreißen - wie aktuell durch die Ausbreitung des neuen Coronavirus.

Hoher Selbstversorgungsgrad bei vielen Lebensmitteln

Doch wie abhängig ist Deutschland von Lebensmittelimporten? Ist die Versorgung tatsächlich gefährdet? Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) in Berlin dementiert auf Anfrage des NDR und erklärt: "Die Versorgung mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln ist in Deutschland gewährleistet." Etwa ein Viertel der hier erzeugten Lebensmittel würde sogar exportiert, schreibt das BMEL.

Der Selbstversorgungsgrad vieler Erzeugnisse sei sehr hoch, von ihnen werde demnach mehr erzeugt als verbraucht. Nach einer Übersicht der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) lag der Selbstversorgungsgrad etwa bei Hart- und Weichweizen im Erfassungszeitraum 2017/2018 bei 117 Prozent, bei Kartoffeln bei 148 Prozent, bei Frischmilcherzeugnissen bei 116 Prozent, bei Käse bei 126 Prozent und bei Schweinefleisch bei 119 Prozent.

Hohe Importrate bei Obst und Gemüse

Bei Obst und Gemüse dagegen zeigt sich ein anderes Bild. So liegt der Selbstversorgungsgrad bei Obst demnach lediglich bei 13 und bei Gemüse bei 38 Prozent. Das liege unter anderem daran, dass die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher die Abwechslung schätzten und auch zu Erzeugnissen aus anderen Regionen Europas und der Welt griffen, erklärt das Landwirtschaftsressort in Berlin.

Im Übrigen könnten viele Agrargüter, die hier nachgefragt würden, aufgrund klimatischer Anforderungen gar nicht vor Ort erzeugt werden, so das BMEL - darunter etwa Tee, Kakao oder Südfrüchte wie Bananen. Importe deckten das ab, was in Deutschland nicht in ausreichendem Maße angebaut werde, was keine Saison habe oder hier schlicht nicht wachse, schreibt die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) dem NDR.

Avocado und Granatäpfel auf einem Wochenmarkt | Bildquelle: dpa
galerie

Nur 13 Prozent des Obstes, das heirzulande verkauft wird, kommt aus Deutschland - denn viele Obstsorten wie beispielsweise Avocado oder Granatapfel wachsen hier schlicht nicht.

Rund ein Drittel ihrer Umsätze generiere die deutsche Ernährungsindustrie außerhalb Deutschlands, so deren Vereinigung BVE. Und sie betont: "Davon profitiert auch die heimische, regionale Landwirtschaft, indem die Abnahme ihrer Rohwaren gesichert ist."

Abhängigkeit von China?

Was hat es aber mit der Warnung der Landwirte auf sich, dass Lieferketten aufgrund des neuartigen Coronavirus abreißen könnten? China ist derzeit von der Ausbreitung des Coronavirus besonders betroffen. Das Land war nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums 2018 für rund 1,9 Prozent der Einfuhren von Gütern der Land- und Ernährungswirtschaft nach Deutschland verantwortlich.

Dazu gehörten unter anderem Fisch und Fischzubereitungen, Därme und Gemüsekonserven, so das BMEL. Das Ministerium erklärt, im Fleischbereich bestehe keine Abhängigkeit, lediglich Därme, Blasen und Mägen würden in erheblichem Umfang nach China exportiert, dort gesäubert, sortiert und wieder zurückgeschickt. Ein Ausfall dieser Dienstleistung wäre verkraftbar, da die deutsche Fleischwirtschaft auf Kunstdarmprodukte zurückgreifen könnte.

Ernsthafte Engpässe wohl nicht zu erwarten

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie berichtet von Lieferengpässen einiger Rohwaren in China. Davon seien Lebensmittelzusatzstoffe, Aromen, Süßungsmittel aber auch Blechdosen betroffen, erklärt die Industrievereinigung. Darüber hinaus seien Lieferbeziehungen zum Iran gestört, insbesondere sei der Bezug von Pistazien nur sehr eingeschränkt möglich.

Auch der Agrarwissenschaftler Achim Spiller von der Universität Göttingen bestätigt, dass Deutschland eine Reihe von Lebensmitteln aus China importiere - wie etwa einiges an Gemüse und Fisch. Ausbleibende Lieferungen würden aber seiner Einschätzung nach eher nicht zu ernsthaften Engpässen führen, auch wenn im Einzelfall Produkte fehlen könnten. "Die Versorgungssicherheit dürfte, solange nicht der internationale Handel insgesamt zum Erliegen käme, kein Problem sein", meint der Experte.

Die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft sei grundsätzlich vielfältig in Wirtschaftsbeziehungen eingebunden, so Spiller. Eine rein regionale Lebensmittelversorgung ist aus seiner Sicht weder möglich noch sinnvoll. Der Agrarmarktexperte findet: "Die Zielsetzung von 'Land schafft Verbindung' ist platt protektionistisch."

Korrespondentin

Oda Lambrecht Logo NDR

Oda Lambrecht, NDR

Darstellung: