Zwei Polizisten in Berlin | dpa

Flüchtlingskriminalität Kein Grund zur Dramatisierung

Stand: 05.06.2019 07:43 Uhr

Das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, ist durch den Zuzug von mehr als einer Million Flüchtlinge nicht signifikant gestiegen. Dennoch gibt es problematische Entwicklungen.

Von Andrej Reisin, NDR

Offiziell ist Deutschland so sicher wie seit Jahrzehnten nicht: Die Zahl der Straftaten ist laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Andrej Reisin

Laut einer Studie des LKA Niedersachsen geht dies einher mit einer relativ geringen Furcht vor Kriminalität: So gaben 2017 nur 1,9 Prozent der Befragten an, eine "hohe" Furcht vor Kriminalität zu haben. Elf Prozent sagten, diese sei "eher hoch". Demgegenüber äußerten 82,5 Prozent der Befragten, ihre Angst, Opfer einer Straftat zu werden sei "eher gering" (41,6 Prozent) oder "gering" (40,9 Prozent). Allerdings hatten 2015 nur 8,8 Prozent eine "eher hohe" oder "hohe" Furcht vor Kriminalität, insgesamt hat sich der Anteil der Besorgten also leicht erhöht.

AfD: Zuwanderer Schuld an Kriminalität

Für die AfD scheint klar, wer für diese Furcht verantwortlich ist: kriminelle Zuwanderer. In den Pressemeldungen der Partei, die nun von einer Gruppe von Forschern ausgewertet worden sind, dominieren Flüchtlinge als Täter. Die von ihnen angeblich oder tatsächlich verübten Straftaten sind in den Meldungen deutlich überrepräsentiert: So geht es in gut 72 Prozent der Mitteilungen um Gewalttaten (PKS-Anteil an der Gesamtkriminalität: drei Prozent) und in knapp 19 Prozent um Tötungsdelikte (PKS-Anteil: 0,04 Prozent).

Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung spielen in rund 14 Prozent der AfD-Meldungen eine Rolle (PKS-Anteil: ein Prozent). Aber auch Eigentums- und Vermögensdelikte wie Diebstahl, Einbruch, Raub und Betrug tauchen bei der AfD vermehrt auf (14 Prozent). Insgesamt wird so der Eindruck einer umfassenden und alltäglichen Bedrohung vermittelt.

Deutsche Tatverdächtige fallen unter den Tisch

In der PKS stellen Deutsche 65,5 Prozent aller Tatverdächtigen, rund 34,5 Prozent sind Nichtdeutsche, 8,6 Prozent sind Zuwanderer. In den Meldungen der AfD beträgt der Anteil deutscher Tatverdächtiger dagegen gerade einmal 2,5 Prozent. Und selbst dann werden vor allem solche Fälle thematisiert, bei denen die deutsche Staatsbürgerschaft aus Sicht der AfD offenbar nur formell besteht, etwa wenn es heißt, jemand sei eine "aus dem Irak stammende Person mit deutscher Staatsangehörigkeit".

Sieht man sich die Gesamtbevölkerung an und vergleicht diese mit der Gruppe der Zuwanderer, so ist letztere deutlich jünger, vorwiegend männlich und sozial schlechter gestellt als die Wohnbevölkerung. In der Gruppe derjenigen, die zwischen 2015-2018 in Deutschland erstmals Asyl beantragten, waren laut BAMF 73 Prozent unter 30 Jahren alt und 65 Prozent männlich. Kriminologisch ist dies bedeutsam, weil junge Männer herkunfts- und kulturunabhängig am Häufigsten straffällig werden.

Täter-Opfer-Verhältnis falsch dargestellt

Die AfD dagegen bescheinigt nichtdeutschen Tätern stets eine herkunftsbedingte Ablehnung der gesamten Rechtsordnung. Sie seien durch "völlig fehlendes Unrechtsbewusstsein sowie eine unvorstellbare Gewaltbereitschaft" gekennzeichnet, heißt es zum Beispiel. Und: "Es sind stets deutsche Opfer und zugewanderte Täter."

Laut einer Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer sind die Opfer von Gewaltdelikten durch Zuwanderer dagegen in den meisten Fällen selbst Nichtdeutsche: Vorsätzliche Tötungsdelikte hätten sich "zu über 90 Prozent unter Flüchtlingen oder sonstigen Nichtdeutschen" abgespielt. Bei gefährlichen oder schweren Körperverletzungen seien es 75 Prozent.

Zuwanderer bei Sexualstraftaten überrepräsentiert

Bei den Sexualstraftaten von Zuwanderern dominieren deutsche Opfer tatsächlich zu etwa zwei Dritteln. Die Kriminologin Tatjana Hörnle kommt zu dem Ergebnis, dass die Gruppe der männlichen Zuwanderer auch dann deutlich mehr Sexualstraftaten begeht, wenn man sie mit gleichaltrigen deutschen Männern vergleicht:

Die Unterschiede der Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) sind so groß, dass kleinere Abweichungen […] sie nicht eliminieren würden. Die Hypothese, dass Zuwanderer im gleichen Umfang wie gleichaltrige deutsche Männer Sexualtaten begehen, ist zurückzuweisen.

Laut Hörnle und anderen Experten spielen dabei sowohl kulturelle Faktoren (ausgeprägte traditionelle Männlichkeit im Herkunftsland) als auch unmittelbare Kriegs- und Gewalterfahrungen eine Rolle. Weitere wichtige Faktoren sind die oftmals prekäre soziale Lage, insbesondere derjenigen, deren Aufenthaltsstatus in Deutschland unsicher ist. Familienverbände und die Anwesenheit von Frauen senken die Kriminalitätsneigung ebenso wie eine Bleibeperspektive.

Kein Anlass zur Pauschalisierung

Allerdings stellt Hörnle ebenfalls fest, dass sich "weder die Gesamtzahlen der Taten noch die Tatverdächtigenbelastungszahlen für Dramatisierungen eignen". Denn auch wenn die Tatverdächtigenbelastungszahl "für männliche Zuwanderer deutlich über den Werten für die männliche deutsche Bevölkerung" liege, so seien dennoch lediglich 0,15 bis 0,2 Prozent aller männlichen Zuwanderer ab 16 Jahren einer Sexualstraftat tatverdächtig. Weit mehr als 99 Prozent werden in dieser Hinsicht also nicht auffällig.

Dass aus der Gruppe von Flüchtlingen - die oft jünger, schlechter gebildet und deutlich ärmer sind als die Wohnbevölkerung, zudem oftmals durch Krieg und Flucht traumatisiert - Straftaten begangen werden, ist unstrittig. Angesichts der niedrigen Gesamtzahl schwerer Straftaten besteht Kriminologen zufolge jedoch kein Anlass zur Dramatisierung oder für pauschale Verdächtigungen.

Über dieses Thema berichtete MDR Sachsenspiegel am 23. Februar 2019 um 19:00 Uhr.