Eine Frau versucht sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen. | dpa

Statistik zur häuslichen Gewalt Undurchsichtige Zahlen des BKA

Stand: 14.10.2021 15:48 Uhr

Einmal im Jahr veröffentlicht das BKA Statistiken zur häuslichen Gewalt in Deutschland. Doch bei den Daten fehlen einige wichtige Angaben. Auch deshalb wurde zuletzt teils falsch darüber berichtet.

Von Andrej Reisin, NDR
Andrej Reisin

Am vergangenen Freitag überschrieb tagesschau.de eine Meldung mit der Schlagzeile: "Jeden Tag stirbt eine Frau". Hintergrund war die Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) zur häuslichen Gewalt 2016 vom 24. November, die jährlich anlässlich des "Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Mädchen" veröffentlicht wird.

Doch die Schlagzeile erwies sich als falsch. Die Zahl war zu hoch: Statt 357 sind 2016 "nur" 149 Frauen von ihren Partnern ermordet oder totgeschlagen worden - in gut der Hälfte der 357 Fälle blieb es dagegen beim Versuch. Dies schrieb das BKA zunächst auf Twitter an einen Journalisten.

Später informierte die Pressestelle des BKA die Redaktion von tagesschau.de dann telefonisch. Die Redaktion änderte daraufhin Überschrift und Text und verfasste folgende Korrektur:

Hinweis der Redaktion: In einer früherer Version dieser Meldung war eine falsche Zahl von 357 Todesopfern genannt worden. Grund war, dass in einer Agenturmeldung und in Tabellen des BKA nicht zwischen versuchten und vollendeten Fällen bei Mord und Totschlag unterschieden worden war. Tatsächlich handelte es sich um insgesamt 357 Fälle - 208 davon waren versuchter Mord bzw. Totschlag, 149 vollendet. Wir haben den Fehler nach einem Hinweis des BKA korrigiert und bitten um Entschuldigung.

Die angesprochene Agenturmeldung stammt vom Evangelischen Pressedienst (EPD), der die falsche Zahl der Getöteten in einer Meldung am Freitag verbreitet hatte. Die Agentur korrigierte sich nach Anfrage des ARD-faktenfinders am Montag mit einer gesonderten Meldung.

Selektive Korrektur

Da das BKA am Freitag zunächst aber nur eine Zahl korrigierte, blieb die Zahl der tatsächlich getöteten Männer zunächst unerwähnt. Auch hier hatte tagesschau.de zunächst die falsche Zahl 84 vermeldet, die aber wiederum auch die Versuche beinhaltet. Die tatsächliche Zahl männlicher Todesopfer beträgt demgegenüber "nur" 15, hier blieb es also sogar in rund vier von fünf Fällen beim Versuch.

Ein Unterschied zwischen Leben und Tod

Doch wie kam es zu den Falschmeldungen? Daran trägt das BKA eine gewisse Mitschuld. Zwar wird in der Publikation "Kriminalstatistische Auswertung zur Partnerschaftsgewalt: Berichtsjahr 2016" in den einleitenden Kapiteln darauf verwiesen, dass die veröffentlichten Fallzahlen versuchte und vollendete Taten zusammen enthalten, eine Ausweisung der vollendeten Taten erfolgt in der Statistik aber nicht.

Das ist bemerkenswert, da es auch strafrechtlich einen bedeutenden Unterschied macht, ob eine Tat vollendet wurde - oder ob es nur bei einem Versuch blieb. Letzterer ist überhaupt nur bei Verbrechen grundsätzlich strafbar, also bei Straftaten, die mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr Gefängnis bedroht sind. Bei "Vergehen" wie zum Beispiel einfacher Körperverletzung ist der Versuch dagegen nur dann strafbar, wenn es das Gesetz ausdrücklich bestimmt.

Tabelle zu den Opfern häuslicher Gewalt, die vollendete und versuchte Taten zusammen enthält.

Tabelle zu den Opfern häuslicher Gewalt, die vollendete und versuchte Taten zusammen enthält. (Quelle: Screenshot BKA)

Zwischen 0 und 357 Todesopfer

Der Unterschied zwischen Versuch und Vollendung ist aber nicht nur strafrechtlich entscheidend. Insbesondere bei Straftaten gegen das Leben ist der Ausgang der Tat hochrelevant: Nur so wird beantwortet, ob das Opfer noch lebt oder eben nicht. Überraschend ist, dass der Unterschied zwischen Versuch und Vollendung offenbar bislang keine Rolle spielte, obwohl diese Zahlen bereits seit Jahren publiziert werden - und es den Journalisten so unmöglich ist, die Statistik sinnvoll zu lesen und widerzugeben. Die entsprechenden Angaben in dieser Aufschlüsselung finden sich auch nicht in der allgemeinen Polizeilichen Kriminalstatistik.

Bei versuchten und vollendeten Tötungsdelikten könnte der Unterschied der tatsächlichen Todesopfer folglich irgendwo zwischen 0 und 357 liegen. Wieso diese Zahlen nicht getrennt publiziert werden, konnte das BKA auf Nachfrage des ARD-faktenfinders nicht beantworten. Man überlege aber, die Zahlen zukünftig getrennt auszuweisen, so eine Sprecherin. Aufgrund der Nachfrage stellte das BKA folgende Zahlen zu vollendeten Taten zur Verfügung.

Partnergewalt mit Fallstatus
Delikte Opfer insgesamt männlich weiblich
a) Mord u. Totschlag versucht 278 70 208
  vollendet 163 14 149
  insgesamt 441 84 357
b) gefährliche Körperverletzung versucht 2.143 856 1.287
  vollendet 14.585 3.990 10.595
  insgesamt 16.728 4.846 11.882
c) schwere Körperverletzung versucht 12 4 8
  vollendet 57 11 46
  insgesamt 69 15 54
d) KV mit Todesfolge vollendet 8 2 6
  insgesamt 8 2 6
e) vorsätzliche einfache KV versucht 2.085 520 1.565
  vollendet 83.979 15.814 68.165
  insgesamt 86.064 16.334 69.730
f) Vergewaltigung, sex. Nötigung versucht 304 4 300
  vollendet 2.263 32 2.231
  insgesamt 2.567 36 2.531
g) Bedrohung vollendet 18.678 1.925 16.753
  insgesamt 18.678 1.925 16.753
h) Stalking vollendet 8.525 882 7.643
  insgesamt 8.525 882 7.643

Versuche spielen insgesamt keine entscheidende Rolle

Deutlich wird, dass die Versuche in den meisten Deliktsbereichen nicht die signifikante Rolle spielen, die sie bei Tötungsdelikten einnehmen: Bei gefährlicher Körperverletzung beispielsweise machten die Versuche lediglich 12,8 Prozent aller Taten aus, bei einfacher Köperverletzung sogar nur 2,4 Prozent. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung bleibt es "nur" in 11,8 Prozent der Fälle beim Versuch. Das heißt umgekehrt, dass ein weit überwiegender Teil der Gewalttaten, die sich vornehmlich gegen Frauen und Mädchen richtet, auch vollendet werden. Die Tatverdächtigen sind zu 80,6 Prozent männlich, die Opfer zu 81,9 Prozent Frauen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. November 2017 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Moos P 29.11.2017 • 15:44 Uhr

Fakten checken

Die TS hat als ungeprüft einen Artikel des Evangelischen Pressedienst übernommen und gibt die Schuld an falscher Berichterstattung nun eben dem EPD und dem BKA. Auch nach Hinweis des BKA kommt man bei der TS nicht selbst darauf die Zahlen der männlichen Opfer zu hinterfragen, sondern man muss hier auch erst durch weitere Korrektur des BKA drauf hingewiesen werden? So geht investigativer Journalismus sicherlich nicht. Die Kriminalstatistik scheint auf den ersten Blick ein einfaches Zahlenwerk zu sein, man benötigt aber viel Verständnis von der Materie um einen anständigen Artikel darüber verfassen zu wollen, zumindest wenn man sich dabei vom BILD-Niveau abheben möchte. Alles was nicht das bloße Berichten über tagesaktuelle Themen und Eilmeldungen umfasst, sollte bei der TS bestens recherchiert werden. Ich habe die Erwartungshaltung, dass die TS die beste Informationsquelle in der deutschen Nachrichtenlandschaft ist und bin immer wieder bestürzt, über die mangelnde Qualität der Artikel.