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Fake-Accounts Unter falscher Flagge

Stand: 01.08.2019 08:27 Uhr

Ein vermeintlicher Flüchtling, eine angebliche Initiative gegen Intoleranz, eine falsche Stiftung: Mit Fake-Profilen werden rechte Ressentiments im Netz geschürt.

Von Konstantin Kumpfmüller, ARD-faktenfinder

Immer wieder tauchen Profile in den sozialen Medien auf, die "unter falscher Flagge" Stimmung machen - zuletzt nach der tödlichen Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof.

Die Fake-Accounts dienen als Strohmänner, mit denen bestimmte politische Positionen lächerlich gemacht werden sollen. Screenshots der Postings der Accounts werden massenhaft geteilt, in Blogs und Kommentaren werden sie aufgegriffen. Solche Täuschungsmanöver werden als Operationen unter falscher Flagge bezeichnet. 

Ein falscher Flüchtling

Ein Beispiel ist der Twitteraccount "Dawuhd Nabil". Er schreibt, dass er seit fast drei Jahren in Deutschland lebt. Er sei aus Syrien geflohen, arbeite in einem Restaurant in Berlin und wolle später Architektur studieren.

In einigen seiner Tweets findet er, dass Deutschland dankbar für Flüchtlinge sein müsse, befürwortet Enteignung als Mittel gegen Wohnungsnot von Flüchtlingen, wirbt für einen Linksruck, hofft auf einen grünen Kanzler und behauptet, dass er in Syrien im Urlaub gewesen sei, um den Kopf wieder frei zu bekommen.

Regelmäßig provozieren seine Postings hunderte Kommentare - die allermeisten davon sind negativ. Immer wieder wird er darin aufgefordert, zurück nach Syrien zu gehen. Seine Tweets wurden bis zu 800 Mal retweeted. Auch in Foren und Blogs werden seine Aussagen empört diskutiert.

Screenshot Twitter
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Screenshot eines Tweets von "Dawuhd Nabil"

Kolumnist bei Fake-Initiative

Seine Tweets machen "Nabil" zum idealen Feindbild für rechte Hetze. So ideal, dass "Nabil" selbst höchstwahrscheinlich nur ausgedacht ist. Sein Profilbild bei Twitter ist dem Anschein nach eine Fotomontage. Hinter dem Bild eines jungen Mannes ist der Schriftzug "Claas Relotius-Journalistenpreis" zu erkennen - eine Erfindung des AfD-nahen "Deutschlandkuriers".

Auf dem Profil ist angegeben, "Nabil" sei Kolumnist bei "Zusammen gegen Intoleranz" (ZGI). Dass es sich hier offenkundig nicht um eine zivilgesellschaftliche Gruppe gegen Intoleranz handelt, zeigen Facebookposts wie "Anhänger*innen der Grünen fliegen am häufigsten, Klima-Hasser der AfD am seltensten! Jetzt klare Kante gegen die AfD zeigen und die Welt bereisen". Die Grafiken ähneln denen der Social-Media-Accounts der AfD.

Ein Impressum gibt es nicht, nur den Hinweis, dass jeder "für sich selbst entscheiden" müsse, ob es sich bei der Seite um Satire handele oder nicht.

Screenshot
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Bild des Facebookaccounts von "Zusammen gegen Intoleranz"

Beitrag in der "Freitag"-Community

Das Engagement der vermeintlichen Initiative beschränkt sich nicht nur auf soziale Medien. Als Chefredakteur gibt das "ZGI" einen Marian Hartwigsen an, ein "politischer Aktivist, Forscher (Gender Studies), Veganer, engagierter Helfer für Geflüchtete und überzeugten Europäer".

Das zumindest steht auf seiner Autorenseite bei der Wochenzeitung "Freitag". Hartwigsen hat auf dem Community-Blog der Seite einen Beitrag unter dem Titel "Der Islam ist keine Bedrohung" verfasst. Darin schreibt er etwa: "Die kulturellen Einflüsse helfen uns, stärker zu werden, Geflüchtete überraschen immer wieder durch ihre Rechtschaffenheit und Wissbegierde." Auf Anfrage des ARD-faktenfinder schrieb der "Freitag", man werde den Autor "Hartwigsen" nach Überprüfung voraussichtlich deaktivieren.

Screenshot
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Beitrag im Blog des "Freitag"

Hartwigsen unterzeichnete außerdem einen Aufruf zu einer Demonstration des Bündnisses "Unteilbar". Auch seine Beiträge werden in rechten Blogs zitiert und kommentiert.

"ZGI" hatte bis vor kurzem auch einen Account beim Abo-Dienstleister "Steady" und warb dort um finanzielle Unterstützung. "ZGI" schrieb, man habe sich 2017 gegründet, "um Hass, Rassismus, Homophobie und Intoleranz im Internet entgegenzuwirken". Man setze sich für eine "multiethnische Plutokratie" ein - Plutokratie bezeichnet eine Herrschaft des Geldes beziehungsweise der Reichen.

Verschiedene Abo-Modelle standen zur Auswahl. Benannt waren sie nach Ralf Stegner, Angela Merkel und Claudia Roth - alle drei sind seit längerem Ziele rechter Hasspostings. "Steady" löschte die Seite von "ZGI" kurz nach Anfrage des ARD-faktenfinder.

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Stiftung mit eigenem "Hassreport"

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Der "Hassreport" der vermeintlichen Stiftung

Die angebliche Initiative "ZGI" war zwischenzeitlich verbunden mit einer "Thomas Rüttgers Stiftung". Der Account, der im Juni 2018 gestartet wurde, bediente sich des Logos der Amadeu Antonio Stiftung. Er gab vor, gegen "Hatespeech" vorzugehen und bezeichnete sich als "renommierte Stiftung" mit mehr als 900 Mitgliedern.

Die "Stiftung" gab sogar einen eigenen "Hassreport" heraus. Das 19-seitige Dokument enthielt allgemein gehaltene Bekenntnisse zu Toleranz und einige Screenshots von Tweets. Der Twitteraccount der "Thomas Rüttgers Stiftung" wurde vor mehreren Monaten gelöscht.

Fakes verbreiten sich

Trotz der teilweise deutlichen Hinweise, dass es sich um Fake-Accounts handeln könnte, verbreiten sich die Fakes im Netz. Ein zivilgesellschaftliches Bündnis aus Dresden teilte den "Hassreport" der vermeintlichen Stiftung. Rechten dient "Nabils" Account immer wieder als Beleg für Ressentiments gegen Flüchtlinge.

Sogar das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wies als Reaktion auf ein Posting darauf hin, dass eine Reise nach Syrien Auswirkungen auf seinen Flüchtlingsstatus haben könnte. Beiträge von "Zusammen gegen Intoleranz" und ihres angeblichen Chefredakteurs werden als Belege dafür zitiert, wie intolerant und fehlgeleitet vermeintliche Linke eigentlich seien.

Das Vorgehen, unter falscher Flagge Stimmung zu verbreiten, ist nicht neu. In der Vergangenheit wurden sogar Profile von nicht-existenten grünen Politikern erschaffen, um ihnen erfundene Zitate in den Mund zu legen, die auf rechten Blogs dann immer wieder skandalisiert werden. Im Europawahlkampf tauchten Fake-Profile auf, die Tausende von Tweets im Sinne der AfD veröffentlichten.

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