Obduktionsbesteck (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance/dpa

Zweifel an Corona-Fallzahlen Will das RKI Obduktionen verhindern?

Stand: 09.04.2020 04:05 Uhr

In einer Empfehlung des Robert Koch-Instituts zum Umgang mit Covid-19-Verstorbenen sehen einige den Versuch, das wahre Ausmaß der Corona-Epidemie zu verschleiern. Was ist daran dran?

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

Es ist eine Handreichung für Mediziner und Bestatter: In den "Empfehlungen zum Umgang mit Covid-19-Verstorbenen" weist das Robert Koch-Institut (RKI) auf Ansteckungsrisiken und Sicherheitsmaßnahmen hin. Unter anderem heißt es darin:

Eine innere Leichenschau, Autopsien oder andere aerosolproduzierenden Maßnahmen sollten vermieden werden. Sind diese notwendig, sollten diese auf ein Minimum beschränkt bleiben.

Für einige Kritiker des Instituts ist damit klar: Das RKI will vermeiden, dass bei angeblichen Covid-19-Opfern die wahre Todesursache herausgefunden wird - obwohl der Text darlegt, wie solche Leichenschauen sicher durchgeführt werden können.

Pathologen widersprechen RKI

Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Pathologen, Karl-Friedrich Bürrig, und der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, Gustavo Baretton, äußern ebenfalls Kritik an der RKI-Empfehlung - allerdings, um das Wissen über Covid-19 zu mehren: "Gerade aktuell sollten Obduktionen bei diesen Verstorbenen nicht vermieden, sondern im Gegenteil so oft wie möglich durchgeführt werden, auch um den Zusammenhang mit anderen Grunderkrankungen der Verstorbenen zu erhellen. Daran besteht ein hohes öffentliches Interesse", schrieben sie in einem gemeinsamen Brief an das RKI, der tagesschau.de vorliegt.

RKI präzisiert Empfehlung

Inzwischen hat das RKI auf die Kritik reagiert und die umstrittene Formulierung geändert. "Aktuell gibt es noch zahlreiche offene Fragen zum Krankheitsgeschehen einer Covid-19-Infektion und was zum Tode führt. Daher sind Obduktionen zum Ziele des besseren Verständnisses des Krankheitsbildes und möglicher Therapieoptionen gezielt und unter adäquatem Schutz des Personals durchzuführen", erklärte eine RKI-Sprecherin gegenüber tagesschau.de.

In einzelnen Fällen seien dem RKI Schwierigkeiten bei der Abwägung zwischen der Notwendigkeit einer Obduktion und dem Schutz des Personals mitgeteilt worden, so die Sprecherin. Die ursprüngliche Formulierung sei mit den Bundesländern abgesprochen gewesen. RKI-Präsident Lothar Wieler betonte jedoch bereits auf der Pressekonferenz des Instituts am Dienstag die Bedeutung der Obduktion für die Aufklärung von Covid-19-Todesfällen. Gemeinsam mit den Pathologenverbänden arbeitet das Institut nun einen Leitfaden zu Autopsien und Probenahmen am Sars-CoV-2-infizierten Verstorbenen.

Komplexe Rechtslage

Doch wer kann überhaupt darüber entscheiden, ob eine Autopsie durchgeführt werden kann? Das hängt zunächst von der Art der Obduktion ab, erklärt Wolfgang Eisenmenger, der ehemalige Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München, gegenüber tagesschau.de.

Zunächst einmal gebe es Obduktionen, die bei unklarer Todesursache oder dem Verdacht einer Straftat von Gericht oder Staatsanwaltschaft angeordnet werden. Bei einer anatomisch-pathologischen Autopsie oder einer Leichenöffnung im Rahmen der medizinischen Ausbildung ist eine Einverständniserklärung der Angehörigen oder eine entsprechende Verfügung des Verstorbenen notwendig.

Gesundheitsämter können Obduktionen durchsetzen

Aus seuchenpolizeilichen Gründen können auch Gesundheitsbehörden Autopsien anordnen. Die rechtliche Basis liefert dafür das bundesweit geltende Infektionssschutzgesetz: Es gestattet Ärzten des Gesundheitsamtes und dessen Beauftragten eine Leichenschau, wenn sie zum Infektionsschutz erforderlich gehalten wird - auch ohne Einwilligung. Diese stellten jedoch eine absolute Ausnahme dar, sagt Eisenmenger. "In meiner vierzigjährigen Arbeit als Rechtsmediziner ist das vielleicht ein- oder zweimal vorgekommen."

Es wäre Gesundheitsämtern also durchaus möglich, Obduktionen anzuordnen - als klinische Autopsien, also nicht als gerichtliche Leichenöffnung oder "Verwaltungssektionen". Die Kapazitäten für solche Obduktionen wären in Deutschland vorhanden, meint Verbandspräsident Bürrig gegenüber tagesschau.de. Ob alle Verdachtsfälle obduziert werden sollten, sei jedoch dahingestellt.

Ein Mitarbeiter sieht sich in einem Labor in der Pathologie an der Charite in Berlin Zellkulturen an
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Die Todesursache bei einer Covid-19-Erkrankung lässt sich nur interdisziplinär feststellen.

Todesursache nicht eindeutig

Doch wie wird ein "Covid-19-Toter" überhaupt definiert? "Das Gesundheitsamt wird jeden Toten mit virologisch nachgewiesener Covid-19-Infektion als einen Covid-19-Toten in der Todesursachenstatistik klassifizieren", erklärt Bürrig. Er selbst sehe das anders: "Als Verstorbener in Folge Covid-19 sollte meines Erachtens gelten, wer den unmittelbaren Folgen dieser Infektionskrankheit erlegen ist."

"Ein Beispiel wäre der Ablauf Infektion - Lungenentzündung - Herzversagen", sagt Bürrig. Allerdings würden viele andere Bedingungen wie Vorerkrankungen oder Risikofaktoren eine große Rolle spielen. Die endgültige Aussage über die Todesursache könnte nur dann getroffen werden, wenn virologischer Befund und klinischer Verlauf eindeutig seien und eine Autopsie die kausalen Zusammenhänge bestätige. "Das ist eine interdisziplinäre Aufgabe."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 09. April 2020 um 05:22 Uhr.

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