Sicherheitsmaßnahmen gegen Corona in einem italienischen Krankenhaus | Bildquelle: dpa

Coronavirus Warum so drastische Maßnahmen?

Stand: 05.03.2020 17:32 Uhr

Messen werden abgesagt, Flüge gestrichen, in Italien schließen alle Schulen, in der Schweiz sind Massenveranstaltungen untersagt. Es gibt durchaus gute Gründe für diese Maßnahmen.

Von Christian Baars, NDR

Die Situation im Moment ist sehr dynamisch, sagt Andrea Ammon. Sie leitet die EU-Behörde zur Überwachung von Infektionskrankheiten (ECDC) mit Sitz in Stockholm. Dort sammeln Spezialisten Informationen aus aller Welt zum Ausbruch des neuen Coronavirus SARS-CoV-2. Sie überprüfen gemeldete Fallzahlen, werten wissenschaftliche Veröffentlichungen aus und beraten sich mit Ministerien und Behörden vor Ort.

Andrea Ammon.
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ECDC-Chefin Ammon sieht "enorme Auswirkungen für die öffentliche Gesundheit".

Auf dieser Basis erstellen sie regelmäßig sogenannte Risikoabschätzungen mit möglichen Handlungsoptionen. Die aktuellste stammt vom 2. März. Darin heißt es unter anderem, das Virus breite sich schnell aus und könne "enorme Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben".

Sprunghafter Anstieg der Infektionen

Tatsächlich erscheinen die Fallzahlen in Europa zwar insgesamt noch eher niedrig, steigen aber schnell an. Mittlerweile sind es mehr als 4200 Fälle, elf Tage zuvor waren es gerade einmal etwa 60. In Deutschland ist die Zahl der Infizierten innerhalb einer Woche von etwa 20 auf mehr als 260 gestiegen.

Ein Ende des Anstiegs ist derzeit nicht abzusehen. Viele Experten gehen jedoch davon aus, dass im Sommer - bei steigenden Temperaturen und einer höheren UV-Strahlung - das Virus ausgebremst werden könnte. Doch dann würde es sich wahrscheinlich im kommenden Herbst oder Winter erneut stärker verbreiten. Doch ob es tatsächlich so kommt, weiß niemand.

Sterblichkeit nur schwer bestimmbar

Insgesamt gibt es noch immer viele unbeantwortete Fragen - etwa, wie viele der Erkrankten an dem Virus sterben. Zuverlässige Schätzungen gebe es dazu noch nicht, heißt es vom ECDC. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat diese Woche zwar davon gesprochen, dass mehr als drei Prozent der nachweislich Infizierten gestorben seien.

Wahrscheinlich liegt die Sterblichkeit aber deutlich niedriger. Das Problem ist, dass nicht klar ist, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind. Möglicherweise gehen einige oder viele Erkrankte gar nicht zum Arzt, weil sie kaum oder nur sehr leichte Beschwerden haben. Viele Experten gehen deshalb von einer Sterblichkeitsrate von rund ein Prozent aus. Damit wäre sie deutlich höher als bei der saisonalen Grippe. Doch richtig zuverlässige Schätzungen dazu gibt es bislang laut ECDC noch nicht.

Noch viele Unbekannte

"Sie dürfen nicht vergessen, dass das ein neues Virus ist," erklärt Ammon, "und dass wir jeden Tag dazulernen". Welche Eigenschaften hat das Virus, was bedeutet das für die Ausbreitung? Deswegen müssten die Einschätzungen immer wieder angepasst werden.

Die bisherigen Beobachtungen würden zeigen, dass das Virus bei etwa 80 Prozent der Erkrankten sehr milde Symptome verursacht, sagt Ammon. Etwa 15 Prozent müssten im Krankenhaus behandelt werde und ein kleiner Teil benötige auch eine Intensivbehandlung. Klar ist auch, dass das Risiko für Ältere deutlich höher ist als für Jüngere. Auch Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck, einer Lungenerkrankung oder einer anderen Vorerkrankung könnten möglicherweise stärker gefährdet sein.

Massive Präventionsmaßnahmen noch im Frühstadium

Tedros Adhanom Ghebreyesus | Bildquelle: dpa
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WHO-Chef Tedros will den Zusammenbruch der Gesundheitssysteme verhindern.

Das Virus kann sich auch deshalb so stark ausbreiten, weil es neu ist und deshalb niemand immun ist. "Das bedeutet, dass mehr Menschen anfällig für eine Infektion sind und einige von ihnen eine schwere Krankheit erleiden werden", sagte der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Deshalb müssen wir alles tun, um sie einzudämmen."

Denn je mehr Fälle gleichzeitig behandelt werden müssen, desto schwieriger gestaltet sich die Versorgung der Patienten. Deshalb raten Experten auch zu Maßnahmen, die möglicherweise angesichts der noch geringen Fallzahlen sehr strikt erscheinen mögen. Mit frühzeitigen, aggressiven Maßnahmen könnten die Länder Übertragungen stoppen und Leben retten, heißt es von der WHO.

Und das ECDC rät in seinem aktuellen Bericht unter anderem, die Absage von Massenveranstaltungen in Betracht zu ziehen. Es sei von größter Bedeutung, heißt es, dass "sofort angemessene und verhältnismäßige Maßnahmen ergriffen werden, um die Übertragungsketten von Mensch zu Mensch zu unterbrechen, eine weitere Ausbreitung zu verhindern, die Intensität der Epidemie zu verringern und den Anstieg der Fälle zu verlangsamen".

Dies werde letztlich Leben retten und die sozioökonomischen Auswirkungen minimieren. Die Verzögerung der Übertragungen sei "entscheidend, damit sich die Gesundheitssysteme auf einen erhöhten Zustrom von Patienten vorbereiten und damit umgehen können". Außerdem könne man so Zeit gewinnen für die Prüfung von möglichen Medikamenten und die Entwicklung von Impfstoffen.

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Über dieses Thema berichtete Panorama im Ersten am 05. März 2020 um 21:45 Uhr.

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