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Impfstoffe gegen Covid-19 Was heißt weniger wirksam?

Stand: 12.02.2021 05:05 Uhr

Eine Studie hat dem Impfstoff von AstraZeneca nur "minimalen Schutz" vor einer Infektion mit der südafrikanischen Variante B.1.351 attestiert. Bedeuten solche Ergebnisse, dass ein Impfstoff nutzlos sei? Fachleute widersprechen.

Von Andrej Reisin, NDR

"Impfstoff von AstraZeneca: Kaum Wirkung gegen Mutationen?", "Weg mit dem Dreck!" - oder auch: "Ob es für das normale Corona hilft, ist auch fraglich. Ich werde mich nicht impfen lassen". Mit solchen und ähnlichen Kommentaren haben Nutzerinnen und Nutzer auf Meldungen reagiert, wonach der Impfstoff von AstraZeneca nur einen "minimalen Schutz" vor einer Infektion mit der südafrikanischen Variante B.1.351 bietet.

Andrej Reisin

Doch bei den Angaben zur Wirksamkeit von Impfstoffen muss unterschieden werden zwischen mehreren beabsichtigten Wirkungen: Zum einen geht es darum, inwieweit diese das Immunsystem anregen können, sogenannte neutralisierende Antikörper zu bilden, die das Virus ausschalten. Zum anderen geht es um das Ziel, eine Infektion komplett verhindern zu können. Auch die Frage, ob Geimpfte die Krankheit übertragen können, spielt eine Rolle. Und schließlich geht es vor allem darum, schwere Krankheitsverläufe zu vermeiden.

Daher wird zwischen verschiedenen Arten der Immunität unterschieden: Eine "klinische Immunität" bedeutet einen Schutz der geimpften Personen vor dem Ausbruch bzw. den Symptomen der Krankheit. Dieser kann mehr oder weniger umfassend sein. Eine sogenannte "sterile Immunität" bedeutet hingegen den Schutz vor der Weitergabe des Erregers durch geimpfte Personen. Letzteres ist auf dem Weg zu einer Herdenimmunität der Gesamtbevölkerung ein wichtiger Maßstab, damit das Virus irgendwann nicht mehr genug neue Menschen findet, die es infizieren kann.

Mutante in Südafrika für 90 Prozent der Infektionen verantwortlich

Dass die südafrikanische Regierung die Verabreichung des Impfstoffes von AstraZeneca nun vorerst gestoppt hat, hängt vor allem mit der befürchteten ausbleibenden sterilen Immunität zusammen. Da diese Mutante von Sars-CoV-2, die als B.1.351 bekannt ist, in Südafrika bereits für 90 Prozent der Infektionen verantwortlich ist, fürchtet man offenbar, die Ausbreitung des Erregers mit diesem Impfstoff nicht stoppen zu können.

Über den Schutz vor schweren Verläufen ist damit aber überhaupt keine Aussage getroffen, wie der Virologe Christian Drosten in seinem NDR Podcast anmerkt: "Klinisch auffällige Infektionen können auch Halsschmerzen sein." Von eigentlichem Interesse sei doch aber, "ob wir gegen den schweren Verlauf geschützt sind. Und da liegt die Wirksamkeit viel, viel, viel besser. Alle Impfstoffe sind gegen schwere Verläufe total gut wirksam", so Drosten. Der amerikanische Infektiologe Lawrence Corey von der Universität des Staates Washington, der mehrere klinische Studien zur Impfstoff-Wirksamkeit in den USA betreut, spitzte diese Antwort kürzlich zu, indem er im "Science"-Magazin fragte: "Wollen Sie einen Impfstoff, der Sie vor Husten schützt oder wollen Sie einen Impfstoff, der Sie vor dem Tod bewahrt?"

Impfschutz kann trotzdem vorhanden sein

Denn Impfstoffe rufen unterschiedliche Immunantworten hervor, die nicht auf neutralisierende Antikörper beschränkt sind. So merken sich bestimmte andere Zellen, die sogenannten T-Gedächtniszellen, die ursprüngliche Immunreaktion und stellen bei einer erneuten Infektion mit demselben Erreger wieder eine Immunantwort her. Da eine Mutation kein komplett neues Virus ist, fällt es den Viren sehr viel schwerer, T-Zellen zu täuschen. In der Folge produziert der Körper erneut neutralisierende Antikörper - diesmal gegen die Mutante. Das Ergebnis ist eine Infektion, möglicherweise auch mit Symptomen, aber die rechtzeitige Immunantwort verhindert einen schweren Verlauf - der Impfschutz besteht trotzdem.

Der Virologe Hartmut Hengel von der Uniklinik Freiburg bekräftigt im Gespräch mit tagesschau.de, er würde sich "jederzeit mit dem AstraZeneca-Wirkstoff impfen lassen", da ein "Schutz gegen schwere Verläufe sehr wahrscheinlich" sei. "Dennoch wären Impfstoffe am effektivsten, die eine sterile Immunität erreichen, um das Virus an seiner weiteren Ausbreitung und immer neuen Fluchtmutationen zu hindern", so Hengel. Gemeint ist, dass sich bestimmte Virenmutationen nicht nur zufällig durchsetzen, sondern auch, weil sie eben die Immunantwort des Körpers in Form neutralisierender Antikörper teilweise umgehen - vor ihr fliehen - können. Impfstoffe könnten auch gegen Mutationen lange wirksam bleiben, das zeige auch das Beispiel mit Mutationen des Mumps-Virus, gegen das die lange etablierten Impfstoffe trotzdem wirkten. Doch ein Idealzustand sei das nicht, so Hengel. Im Hinblick auf Sars-Cov-2 hätten die leichter zu verändernden mRNA-Impfstoffe die besten Chancen, schnell angepasst werden zu können.

Impfstoffe ohne sterile Immunität keine Seltenheit

Es gibt allerdings einige historisch sehr erfolgreiche Impfstoffe, die keine sterile Immunität aufweisen. So konnte Polio zum Beispiel umfassend mit einem Impfstoff bekämpft werden, der keine sterile Immunität nach sich zog. Dennoch gilt die Krankheit heute in weiten Teilen der Welt als ausgerottet.

Virologe Drosten macht in diesem Zusammenhang in seinem Podcast darauf aufmerksam, dass eine vollständige sterile Immunität bei Atemwegserkrankungen seiner Auffassung nach kaum zu erwarten ist: Es sei "fast müßig zu denken, wir könnten hier eine sterile Immunität erzielen", so Drosten. "Das wird immer so sein, dass einer, der geimpft ist, dennoch auch ein bisschen Replikation des Virus auf den Schleimhäuten haben kann. Die Frage ist nur: Was bedeutet das eigentlich?" Der reine Nachweis eines Virus auf der Schleimhaut im Labor reiche nicht aus, um Ansteckungen vorherzusagen. "Ein Geimpfter wird sicherlich immer weniger das Virus verbreiten, auch wenn das sicherlich von Impfstoff zu Impfstoff dann wieder unterschiedlich ist", so Drosten. Er glaube aber, dass sowohl schwere Krankheitsverläufe als auch die weitere Ausbreitung des Virus durch die Impfstoffe verhindert werden könnten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Februar 2021 um 14:00 Uhr.