Leere Gefäße, die mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer gefüllt waren | AFP
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Lieferprognosen für Impfdosen Rechnung mit vielen Unbekannten

Stand: 27.05.2021 13:28 Uhr

Viel wird über die richtige Strategie beim Impfen diskutiert, doch die Umsetzung hängt stets von den tatsächlichen Lieferungen ab. Die Prognosen dafür sind höchst unsicher.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Die Impfkampagne in Deutschland sollte Ende Mai eigentlich weiter an Geschwindigkeit aufnehmen - doch die Zahlen stagnieren derzeit eher. Immerhin nahm die Zahl der täglichen Corona-Impfungen im Vergleich zur Vorwoche nach jüngsten Angaben wieder leicht zu.

Vize-Kanzler Olaf Scholz hatte noch für den Juni bis zu zehn Millionen Impfungen wöchentlich in Aussicht gestellt - ein Wert, der derzeit weit entfernt erscheint. Auch ein "exponentielles Impf-Wachstum", von dem CDU-Chef Armin Laschet sprach, ist nicht zu sehen.

Insbesondere bei den Erstimpfungen geht es derzeit nur noch langsam voran, weil viele der vorhandenen Impfdosen für Zweitimpfungen gebraucht werden. Zudem schlug Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor, Vorräte für Kinder zu reservieren - obgleich noch gar kein Impfstoff für sie zugelassen ist. In den USA werden größere Kinder und Jugendliche bereits mit BioNTech geimpft, in der EU wird die Zulassung noch geprüft.

Alles hängt bislang an BioNTech

Die gesamte Kampagne hängt ohnehin vor allem von den Mengen ab, die BioNTech liefert. Fast drei Viertel aller bislang verabreichten Impfungen wurde mit diesem Vakzin vorgenommen.

Die angestrebten Impfungen von Kindern und Jugendlichen könnten diese Abhängigkeit noch vergrößern, dementsprechend fatal sind Verzögerungen bei den zugesagten BioNTech-Lieferungen, wie sie nun verkündet wurden.

Andere sollen liefern

Folgt man den Prognosen des Bundesgesundheitsministeriums, soll die Abhängigkeit von BioNTech schon bald abnehmen. So rechnet das Ministerium bis Ende des zweiten Quartals mit mehr als zehn Millionen Dosen von Johnson & Johnson sowie fast 6,5 Millionen Dosen von Moderna. Insgesamt, so die Rechnung, sollen bis Ende Juni rund 80 Millionen Impfdosen geliefert werden, davon allein 50 Millionen von BioNTech.

Prognose in Millionen (Stand 12. Mai 2021)
Lieferant bis Ende 1. Quartal Quartal 2 Insgesamt 2021
BioNTech/Pfizer 12,4 50,2 119
Moderna 1,8 6,4 mind. 78
AstraZeneca 5,7 12,4 - 15,4 56,3
Johnson & Johnson 10,1 36,7
Gesamt 19,9 etwa 80 Mind. 290

Bislang - Stichtag 26. Mai - wurden insgesamt fast 51 Millionen Dosen geliefert, davon allein 35 Millionen von BioNTech. Auf Moderna entfielen knapp 4,8 Millionen - Johnson & Johnson lieferte bislang hingegen weniger als eine halbe Million.

In den kommenden fünf Wochen müssten also noch fast 30 Millionen Dosen geliefert werden, um die Prognosen einzuhalten; allein Johnson & Johnson soll mit 9,5 Millionen Dosen dazu beitragen, die Ziele zu erreichen.

Bis Ende des Jahres sollen insgesamt rund 290 Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen, allein 119 Millionen von BioNTech, mindestens 78 Millionen von Moderna, mehr als 56 Millionen von AstraZeneca und mehr als 36 Millionen von Johnson & Johnson.

Doch beispielsweise Irland beklagte zuletzt ausstehende Lieferungen von Johnson & Johnson; das besonders hart getroffene Indien bemüht sich zudem dringend um mehr Impfdosen von verschiedenen Herstellern. Angesichts diverser Unsicherheiten weist das Bundesgesundheitsministerium bei seinen Prognosen selbst darauf hin, dass Änderungen "nicht ungewöhnlich" seien.

Noch mit CureVac gerechnet

Dass solche langfristigen Prognosen schwierig sind, zeigen ältere Aufstellungen des Ministeriums. So hatte man im März noch für das zweite Quartal mit 3,5 Millionen Dosen von CureVac gerechnet. Doch noch immer ist der zunächst hoch gehandelte Stoff gar nicht zugelassen. Hauptinvestor Dietmar Hopp hatte im vergangenen Jahr eine Zulassung für den Herbst 2020 als denkbar bezeichnet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) drängt zudem darauf, die ärmeren Staaten ebenfalls mit Impfstoff zu versorgen. So sind beispielsweise in ganz Afrika mit mehr als 1,2 Milliarden Menschen bislang nur rund 30 Millionen Impfungen durchgeführt worden - in Europa mit etwa 750 Millionen Einwohnern liegt die Zahl mehr als zehn mal so hoch.

Das Ziel, den Impfstoff gerecht zu verteilen und so die Pandemie global zu bekämpfen, liegt somit in weiter Ferne. Mit der Initiative Covax soll aber erreicht werden, dass auch ärmere Staaten ausreichend Impfstoff bekommen. Die EU-Staaten erklärten, bis zum Jahresende mindestens 100 Millionen Corona-Impfdosen an bedürftige Länder spenden zu wollen, Deutschland wolle 30 Millionen Dosen bereitstellen.

Doch auch diese Zusagen dürften davon abhängen, ob die noch unsicheren Prognosen für die kommenden Wochen und Monate eingehalten werden können - und die Produzenten vor allem im zweiten Halbjahr die eingeplanten großen Mengen tatsächlich liefern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Mai 2021 um 12:00 Uhr.