Ein Impfzentrum in Köln (Archivbild). | dpa
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Corona-Impfquote Deutschland nicht auf dem letzten Platz

Stand: 15.02.2021 13:56 Uhr

Deutschland liege bei der Impfquote international auf dem letzten Platz: Diesen Eindruck vermittelt eine Grafik, die unter anderem SPD-Politikerin Schwesig geteilt hat. Tatsächlich sind die EU und Deutschland global gesehen weit vorne.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Eine Grafik über Impfquoten in verschiedenen Staaten und Gebieten hat für viele Diskussionen gesorgt. Unter anderem die SPD-Politikerin Manuela Schwesig teilte die Darstellung auf Twitter, die auf Angaben der Seite "Our World in Data" basiert. Darauf zu sehen ist eine Rangliste der Impfquoten, angeführt von Israel, Gibraltar, den Seychellen und dem Vereinigten Königreich. Deutschland liegt in dieser Darstellung auf dem letzten Platz.

Die Grafik sorgte für sehr gegensätzliche Reaktionen. Während viele Nutzerinnen und Nutzer darin einen Beleg für ein "Impfdesaster" in Deutschland sehen, kritisierten andere eine irreführende Darstellung.

Was ist überhaupt zu sehen?

Tatsächlich lohnt sich ein genauer Blick. So weist die Darstellung sämtliche verabreichte Impfdosen aus - nicht die Zahl der Geimpften. Das heißt, sie gibt keinen Aufschluss darüber, wie viele Menschen bereits geimpft wurden, da in manchen Staaten Impfdosen für die zweite Impfung zurückgehalten werden. Großbritannien hingegen ließ den AstraZeneca-Impfstoff früh zu und schob eine zweite Impfung hinaus. Damit konnten in kurzer Zeit mehr Impfdosen verabreicht werden.

Zudem werden sehr unterschiedliche Staaten und Gebiete miteinander verglichen. So hat das aufgeführte Gibraltar gerade einmal 33.000 Einwohner; Stand 14. Februar wurden dort etwa 25.000 Dosen verimpft. Zum Vergleich: In der EU wurden bislang 21 Millionen verimpft, was logistisch ein deutlich größerer Aufwand ist. Zudem wird Gibraltar durch das Vereinigte Königreich mit Impfstoff versorgt, genauso die kleinen Kanalinseln, die in der Grafik ebenfalls separat genannt werden.

Sinnvoller erscheint allerdings ein Vergleich von ähnlich großen Staaten. Schaut man beispielsweise auf Staaten mit mindestens 60 Millionen Einwohnern, liegt Deutschland bei den Impfdosen pro 100 Personen auf dem dritten Platz weltweit - hinter Großbritannien und den USA.

Warnung vor "Impfnationalismus"

Deutschland liegt im internationalen Vergleich offenkundig nicht so schlecht, wie es in der oft geteilten Darstellung wirkt. Dazu kommt: Viele Staaten weltweit haben bislang quasi gar keinen Zugang zu Impfstoff. In Deutschland hatten Politikerinnen und Politiker immer wieder vor "Impfnationalismus" gewarnt; es sei wichtig, die Bestellungen mit den Nachbarn abzustimmen, da flächendeckend Impfstoff vorhanden sein müsse.

Tatsächlich hat sich die EU Hunderte Millionen Impfdosen gesichert, die nun nach und nach geliefert werden sollen. Allerdings ist noch nicht klar, ob wirklich alle bestellten Impfstoffe überhaupt jemals eingesetzt werden können. Deswegen kann die Zahl der Bestellungen nicht einfach gleichgesetzt werden mit der Zahl der Impfdosen, die tatsächlich zur Verfügung stehen werden. Dennoch wird die EU in absehbarer Zeit wohl über genügend Impfstoff verfügen - im Gegensatz zu vielen anderen Staaten.

Afrika abgeschlagen

So hatten die Seychellen als erster afrikanischer Staat ein Impfprogramm beginnen können - mit dem chinesischen Vakzin Sinopharm, das in der EU noch nicht zugelassen ist. Die erste Charge von 25.000 Impfdosen auf den Seychellen war eine Spende aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Geimpft wurden zunächst führende Politiker, darunter der Präsident. Weitere 20.000 Impfdosen sollten folgen. Bei rund 100.000 Einwohnern konnten so schnell hohe Impfquoten erreicht werden. Damit liegt der Inselstaat derzeit bei einer Quote von mehr als 50 Prozent.

Die Seychellen lassen sich somit kaum sinnvoll mit Deutschland und der EU vergleichen, zudem sind sie kein typisches Beispiel für Afrika. Bei der Anzahl der bereits verteilten Impfdosen pro 100 Einwohnern wird deutlich, wie klar Nordamerika und Europa die anderen Kontinente abgehängt haben. Während Nordamerika auf eine Quote von fast neun Prozent kommt, sind es in Afrika gerade einmal 0,1 Prozent. Auf dem gesamten Kontinent wurden bislang 1,44 Millionen Impfdosen bereitgestellt - in der EU hingegen mehr als 21 Millionen.

WHO fordert Impfgerechtigkeit

Das Ziel, den Impfstoff gerecht zu verteilen und so die Pandemie global zu bekämpfen, liegt somit in weiter Ferne. Allerdings soll mit der Initiative Covax erreicht werden, dass auch ärmere Staaten ausreichend Impfstoff bekommen. Die Idee: Reiche Staaten zahlen in einen Hilfsfonds ein, um Bestellungen zu ermöglichen. Über den Stand der zugesagten Lieferungen von Impfstoffen informiert Covax regelmäßig.

Hilfsorganisationen sowie die WHO warnen immer wieder vor den Folgen einer ungerechten Verteilung der Impfstoffe. Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte: "Dieser me-first-Ansatz gefährdet nicht nur die Ärmsten und Schwächsten der Welt, sondern ist auch selbstzerstörerisch." Letztlich werde eine ungerechte Verteilung der Impfstoffe die Pandemie nur verlängern.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 2. Februar 2021 um 18:40 Uhr.