Ein Ingenieur zeigt einen experimentellen Impfstoff gegen das COVID-19-Coronavirus, der im Qualitätskontrolllabor der Sinovac Biotech-Einrichtung in Peking getestet wurde. | Bildquelle: AFP

Coronavirus Wie sinnvoll ist ein Immunitätsausweis?

Stand: 25.06.2020 09:53 Uhr

Sollten Menschen, die eine Coronainfektion überstanden haben, einen Immunitätsausweis erhalten? Gesundheitsminister Spahn ist dafür, nun beschäftigt sich der Ethikrat mit dem Thema. Doch ist so ein Ausweis sinnvoll?

Vor knapp sechs Monaten sind erste Fälle mit dem neuartigen Coronavirus öffentlich geworden. Doch ist das genügend Zeit, um wirklich verlässlich eine Immunität bewerten zu können?

Als eine Option, um das Virus einzudämmen, wird immer wieder in Politik und Gesellschaft über einen Immunitätsausweis oder Immunitätsnachweis diskutiert. Gesundheitsminister Spahn betonte bereits Anfang Mai im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio: "Hier geht es ja vor allem auch um die Frage von Menschen, die von sich aus wissen wollen: Bin ich eigentlich immun oder nicht?" So, wie man bei Masern in einem Impfausweis eintragen könne, ob man immun sei, wäre dies auch beim Coronavirus möglich.

Auch der Ethikrat beschäftigt sich mit dem Thema. Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Bärbel Bas begrüßt das, rät aber zu einer differenzierten Betrachtung. Einerseits hätten die Menschen ein Anrecht auf eine medizinische Dokumentation, andererseits dürfe es keine Diskriminierung aufgrund des Immunitätsstatus geben.

Kein dauerhafter Schutz

Doch wie sehr kann man mit so einem Ausweis wirklich Immunität nachweisen? Zwei relativ frische Studien aus Lübeck und aus China deuten darauf hin, dass immer wieder Fälle auftreten, in denen ein Schutz vor einer Infektion nicht dauerhaft gegeben ist.

Chinesische Wissenschaftler haben in der Region Wanzhou Menschen, die mit dem Virus infiziert waren, aber keine Symptome gezeigt haben, untersucht. 37 asymptomatische Patienten wurden mit 37 Probanden mit Symptomen verglichen.

Schwächerer Verlauf - kaum Antikörper

Die Ergebnisse der Studie wurden bei Nature veröffentlicht. Wichtig sind hier vor allem zwei Aspekte. Zum einen nahm die Zahl der Antikörper bei der Gruppe ohne Symptome bereits nach drei bis vier Wochen stärker ab als bei den Patienten mit Symptomen. Einige zeigten nach drei Monaten gar keine Antikörper mehr. Zum anderen stellten die Forscher eine schwächere Immunantwort fest.

In eine ähnliche Richtung gehen die Ergebnisse von einer Forschergruppe der Universität Lübeck. Auch sie untersuchten Patienten, die keine oder nur milde Symptome hatten. Von 110 Probanden zeigten 30 Prozent nach drei und mehr Wochen keine Antikörper.

Die Forschungsergebnisse sind noch auf einem vorläufigeren Stand als die aus China. Die Studie ist auf dem Preprint-Servier Medrxiv veröffentlicht. Die Lübecker Mediziner betonen, Ziel zukünftiger Studien müsse es sein, herauszufinden, wie Antikörper in Bezug auf den persönlichen Schutz und die Fähigkeit, das Virus zu übertragen, wirken.

Dauerhaft anhaltende Immunität unwahrscheinlich

Experten wissen aus der Erfahrung mit anderen Coronaviren, dass eine Immunität von bis zu drei Jahren grundsätzlich denkbar ist. Daher hatte der Virologe Christian Drosten Anfang Mai erklärt, dass eine lebenslange Immunität auch beim neuen Coronavirus unwahrscheinlich sei.

Die Ergebnisse beider Forschungsprojekte zeigen: Einige Patienten ohne Symptome oder mit nur leichten Verläufen waren ihren Untersuchungen zufolge gar nicht oder nur kurzfristig immun. Die Dauer einer Immunität insgesamt ist ebenfalls noch nicht abschließend geklärt. Insgesamt lässt sich daher schlussfolgern: Ein Immunitätsausweis hat bei dem neuartigen Coronavirus wohl eine beschränkte Aussagekraft.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Juni 2020 um 07:00 Uhr.

Darstellung: