Die Flammen eines Waldbrands sind bereits in der Nähe eines Hauses.  | REUTERS
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Hitzewelle Waldbrände durch hohe Temperaturen?

Stand: 21.07.2022 09:28 Uhr

Führen Rekordtemperaturen und anhaltende Trockenheit zu Bränden? Die Frage wird im Netz kontrovers diskutiert. Die Hitze ist dafür nicht verantwortlich, aber sie begünstigt andere Faktoren.

Von Andrej Reisin, ARD-faktenfinder

Immer wieder liest man in diesen Tagen - auch bei tagesschau.de - die "glühende Hitze" habe "Waldbrände ausgelöst". Kritiker wie der Meteorologe Jörg Kachelmann kritisieren daran, dass die Zusammenhänge verkürzt oder komplett falsch dargestellt würden. Die Hitze allein löse keine Brände aus, denn dazu bräuchte es Temperaturen von 200-300 Grad Celsius. Außerdem würden ständig Mythen verbreitet, wonach weggeworfene Glasflaschen oder Metallfolien Brände auslösten.

Andrej Reisin

Der Glasscherben-Mythos

Richtig ist, dass es für manche immer wiederkehrende Behauptungen, die medial und zum Teil auch von Behörden verbreitet werden, keine Grundlage gibt. Dazu gehört zum Beispiel die Behauptung, Glasflaschen oder Glasscherben könnten einen Waldbrand auslösen, weil sie die Sonnenstrahlen wie eine Lupe bündeln und somit eine Entzündung hervorrufen würden.

Zwar stimmt es, dass man mit speziell geschliffenem Glas Feuer entzünden kann. Aber dazu braucht es eben, wie der Name sagt, ein Brennglas, also beispielsweise eine Lupe mit konvex geschliffener Linse, die die Energie des einfallenden Sonnenlichts bündelt und verdichtet - und dadurch im richtigen Abstand und Winkel brennbares Material entzünden kann. Doch Glasscherben oder Flaschen in der Natur fehlt es in aller Regel an all diesen Voraussetzungen: Denn dafür müssten Lupengläser im richtigen Winkel zur Sonne in der Luft schweben oder an Ästen aufgehangen sein.

Forscherinnen und Forscher des Deutschen Wetterdienstes in Braunschweig haben bereits im Sommer 2006 versucht, solche Bedingungen mit einer Versuchsanordnung nachzustellen. Mit verschiedenen Flaschen und auch mit wassergefüllten Kolben sowie einer Lupe versuchten sie, sechs verschiedene Böden (Fichtennadeln, Kiefernnadeln, Laub, Gras, Moos und Heidekraut) zur Entzündung zu bringen. Dafür waren zuvor bereits unter 30 Scherben diejenigen im Labor ausgewählt worden, die das Licht am stärksten bündelten - allesamt farblose Flaschenböden.

Dennoch gelang die Entzündung in keinem einzigen Fall: Am heißesten wurde der Boden durch eine Ketchupflasche in 20-30 Zentimeter Entfernung. Doch trotz des kurzzeitigen Erreichens der Zündtemperatur von etwa 300 Grad Celsius geriet der Fichtennadelboden nicht in Brand, sondern färbte sich lediglich schwarz. Einzig Lupen lösten eine kurzzeitige Entzündung aus, nachdem sie beachtliche Temperaturen von 800-1000°C am Boden erreichten. Doch selbst diese kurzzeitigen Entzündungen verloschen zumindest im Experiment von allein. Fazit: Am Boden liegende Glasscherben können keinen Waldbrand auslösen.

Hauptursache bleibt Brandstiftung

Anders verhält es sich dagegen mit Zigarettenkippen, Lagerfeuern und heiß gelaufenen Maschinen, die bei anderer Witterung völlig ungefährlich wären. So kann der Unterbau von Fahrzeugen, insbesondere Abgasanlagen und Katalysatoren Außentemperaturen von um die 500°C erreichen. In den meisten Fahrzeugbetriebsanleitungen wird daher davor gewarnt, dass sich brennbare Materialien wie Laub oder trockenes Gras entzünden können, wenn Fahrzeuge mit heißer Abgasanlage auf ihnen abgestellt werden. Auch landwirtschaftliche Fahrzeuge bilden eine Gefahr: In Australien ist beispielsweise das Mähen an Tagen mit besonders hoher Feuergefahr verboten.

Allein durch hohe Temperaturen entsteht also kein Waldbrand, auch nicht bei 40°C und mehr. Würde es am Ende eines solchen Tages jedes Mal ausgiebig regnen, schon gar nicht. Irgendeine Zündquelle muss es geben. Aber die Kombination aus großer Hitze und anhaltender Trockenheit, wie sie durch den Klimawandel in Europa wahrscheinlicher wird, schafft die Voraussetzungen, um Brände leichter entstehen zu lassen und Größe und Geschwindigkeit der Ausbreitung dramatisch zu begünstigen.

Das waldreiche Bundesland Brandenburg gibt jedes Jahr eine aufschlussreiche Waldbrandstatistik heraus, aus der - zumindest bei den bekannten Brandursachen - ersichtlich wird, warum es brennt. Im bisher schlimmsten Waldbrandjahr 2018 zählten die Aufseher des Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde 491 Brände. In 233 Fällen war die Ursache allerdings nicht zu ermitteln.

Bei den übrigen 258 Bränden waren die Hauptursachen vorsätzliche Brandstiftung (88), nicht aufgeklärte Zündungen durch Personen (74), Blitzschlag (33), Selbstentzündung von Kriegsmunition (11), landwirtschaftliche Arbeitsgeräte- und Fahrzeuge (8) offene Feuer (6), Zündungen an öffentlichen Straßen (6), Rauchen (5) und Zündungen an Eisenbahnschienen (4). Es bleibt also festzuhalten: Brandstiftung ist die mit großem Abstand häufigste Ursache von Waldbränden.

Trockenheit und Wind spielen entscheidende Rolle

Alle diese Ursachen werden allerdings durch Trockenheit begünstigt: Eine weggeworfene Kippe bei feuchter Witterung kann keinen Brand auslösen, bei ausgetrocknetem Laub auf ebensolchen Boden dagegen schon. Natürlich können Waldbrände nach längerer Trockenheit auch im Winter entstehen, aber je länger es heiß und niederschlagsfrei ist, umso trockener ist der Boden. Der Effekt lässt sich auch aus praktischer Erfahrung nachvollziehen: Bei höheren Temperaturen entweicht Feuchtigkeit durch Verdunstung schneller, deswegen trocknet ein heißer Fön besser als kalter Wind und ein Wäschetrockner besser als Schleudern allein.

Jakob Zscheischler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig fasst diesen Zusammenhang wie folgt zusammen: "Generell befördern Hitze und Dürre Waldbrände, aber es benötigt auch brennbares Material und etwas, das den Waldbrand entzündet. Zum Beispiel ein Blitz oder, wie in den meisten Fällen, Fahrlässigkeit. Hitze und Dürre führen dann dazu, dass sich der Waldbrand weiter ausbreiten kann."

Dr. Karsten Haustein vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig, betont: "Mehr Hitze sorgt für mehr Verdunstung und somit bei gleichbleibendem Niederschlag für trockenere Böden. Selbst mehr Niederschlag in Summe muss nicht weniger Dürre bedeuten, da die Anzahl trockener Tage zunimmt. Die Gefahr, dass die Sommer zusätzlich sogar regenärmer werden, steigt insbesondere in Ostdeutschland weiter an. Mit zunehmender Dauer der Trockenphasen nimmt selbstredend auch das Waldbrandrisiko zu. Kommt dann noch Wind dazu - was im Sommer bei trockenen Wetterlagen sehr häufig ist - wird es kritisch."

Hitze allein löst also noch keine Brände aus. Formulierungen wie "Hitzewelle sorgt für Waldbrände" sind daher verkürzt und sollten vermieden werden, wenn man präzise formulieren will. Dass die Hitze jedoch überhaupt keine Rolle spiele, ist ebenso falsch. Natürlich muss es trotzdem eine Entzündung geben. Aber wie das Beispiel Brandenburg zeigt, reicht dafür zuweilen übrig gebliebene Weltkriegsmunition. Diese friert im Winter höchstens ein, zur Selbstentzündung kommt es ab einer Temperatur von 50 Grad Celsius.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Juli 2022 um 12:00 Uhr.