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Verschwörungstheorien Symptom für eine tiefe Krise

Stand: 09.08.2018 09:28 Uhr

Warum sind Verschwörungstheorien erfolgreich? Experten meinen, solche Theorien geben Menschen das Gefühl, einen Wissensvorsprung zu haben. Zudem seien sie ein Symptom für eine tiefe Krise.

Jenni Rieger | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR
Jenni Rieger, SWR

Von Jenni Rieger, SWR

Was macht die Faszination von Verschwörungstheorien aus? Der Tübinger Professor für Amerikanistik, Michael Butter, hat in seinem neuen Buch "Nichts ist, wie es scheint" festgestellt, dass allen Verschwörungstheorien ein gemeinsames Weltbild zugrunde liegt: "Jede Verschwörungstheorie behauptet", so Butter, "dass es eine im Verborgenen operierende Gruppe gibt, nämlich die Verschwörer, die dabei ist, einen Plan zu verfolgen, der einer anderen Gruppe schadet. Die Einführung des Euro, die Feminismusbewegung, die sogenannte Flüchtlingskrise - das sind dann alles Puzzlestücke in einem Plan."

Verschwörungstheorien sind an sich nichts Neues. Die Grundannahme, dass Geschichte nicht zufällig geschieht, sondern gelenkt wird, war schon in der Vergangenheit weit verbreitet, ja, sogar deutlich weiter verbreitet als heute. Lange galten Verschwörungstheorien als legitimes Wissen, als gesellschaftlich anerkannte Welterklärungen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, so Butter, galten Verschwörungstheorien nicht mehr als gesellschaftsfähig.

Verschwörungstheorien gab es schon immer

Und doch scheinen sie gerade in den vergangenen Jahren wieder weit verbreitet zu sein. Oder hat das nur den Anschein?  "Wir haben heute sicherlich weniger Verschwörungstheorien als vor 200 oder 300 Jahren", betont der Wissenschaftler, "aber wir haben wieder mehr als vor zwei, drei Jahrzehnten". Das liege daran, dass das Internet diese Theorien wieder sichtbar gemacht hätten.

"Lange Zeit haben Verschwörungstheoretiker quasi im Selbstverlag ihre Schriften herausgebracht, haben Matrizen abgezogen oder sich Briefe geschrieben", erklärt Butter. "Heute diskutieren sie online, tauschen dort ihr Material aus. Von  daher trägt das Internet extrem zur Sichtbarkeit und zur Verbreitung von Verschwörungstheorien bei."

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Und das sicherlich auch, weil das Internet eine der Grundannahmen der Verschwörungstheorien perfekt bedient: Alles ist miteinander verbunden. Im weltweiten Netz, wo Barack Obama nur wenige Klicks entfernt liegt von Osama bin Laden, wo Marilyn Monroe noch lebt und wo JF Kennedy von der CIA ermordet wurde, hier scheint mit der passenden Suchanfrage alles möglich.

Gigantische Bestätigungsmaschine

Ist das Internet also der perfekte Nährboden für  Verschwörungstheorien? "Das Internet öffnet den kommunikativen Raum und das ist zunächst eine grandios gute Nachricht", so Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. "Aber es heißt eben auch, jeder kann sich im Internet die Bestätigung holen für das, was er ohnehin glaubt und für wahr hält." Das Netz sei "eine gigantische Bestätigungsmaschine" und so eben auch "ein wunderbarer Nährboden für Verschwörungstheorien aller Art".

"Aller Art", betont Pörksen, und macht dadurch deutlich: Verschwörungstheorien gibt es in jeder politischen Farbe. Sie gedeihen sowohl an den Rändern des rechten als auch des linken Spektrums. Gemeinsam ist allen, dass sie sich gegen die ihrer Meinung nach herrschenden Machtstrukturen richten und diese entlarven wollen.

Vermeintlicher Wissensvorsprung

"Was die Anhänger von Verschwörungstheorien fasziniert, ist, dass sie sich durch diese aus der breiten Masse herausheben können", sagt Michael Butter. "Man ist plötzlich einer der wenigen, die verstanden haben, wie die Welt wirklich funktioniert, während die breite Masse angeblich schlafend und mit geschlossenen Augen durchs Leben läuft." Insofern würde der Glaube an Verschwörungstheorien im gewissen Maße Macht versprechen - und fände deshalb generell Anhänger in allen Gesellschaftsschichten, bei beiden Geschlechtern, in allen Religionen.

Und doch lässt sich diese Gruppe etwas näher eingrenzen. In seinem Buch "Nichts ist, wie es scheint" zeichnet Butter das Bild des "typischen" Verschwörungstheoretikers. Dieser fühle sich von den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen - beispielsweise durch den Zuzug von Flüchtlingen oder durch sich verändernde Moralvorstellungen - bedroht und wolle sein altes Leben, seine Werte und seinen Status schützen. Insofern gäbe es eine große Schnittstelle zwischen den "typischen" Verschwörungstheoretikern und Anhängern beispielsweise der Pegida-Bewegung. Denn auch hier treffe man viele "Männer über 40, die sich bereits marginalisiert fühlen oder fürchten, abzurutschen".

Symptom für eine Krise

Doch wie lässt sich mit diesen Menschen sprechen, die glauben, dass hinter dem Zuzug von Flüchtlingen der große Plan steht, die deutsche Bevölkerung auszutauschen? Oder die davon überzeugt sind, wie etwa die Reichsbürger, die Bundesrepublik Deutschland existiere überhaupt nicht? Medienwissenschaftler Pörksen attestiert großen Teilen unserer Gesellschaft inzwischen ein fehlendes Grundvertrauen in Medien, in Politik, in gesellschaftliche Institutionen. "Wenn dieses Grundvertrauen fehlt", so Pörksen weiter, "dann ziehen wir uns zurück in unsere kleinen und großen Misstrauensgemeinschaften - und dann wird das große gesellschaftliche Gespräch gestört".

Driftet unsere Gesellschaft also auseinander? Und wie gefährlich ist es, wenn ein gesellschaftlicher Dialog zwischen einzelnen Gruppen nicht mehr möglich ist, weil sich ihre Sicht auf die Welt einfach so sehr unterscheidet?  Er habe darauf keine Antwort, sagt Michael Butter. Er könne nur die Diagnose liefern, dass es ein wirkliches Problem ist für unsere Gesellschaft, wenn sie in Teilöffentlichkeiten zerfällt. "Insofern sind Verschwörungstheorien ein sehr deutliches Symptom für eine viel tiefer liegende Krise der Demokratie, die wir gerade erleben."

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