Ein schwarzer Demonstrant hebt während eines Protests in den USA seine Faust. | dpa
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Critical Race Theory Die Geschichte eines Kampfbegriffs

Stand: 30.06.2021 11:29 Uhr

Die Critical Race Theory sorgt für Kontroversen; von einem "Zangenangriff auf die Demokratie" ist die Rede. Konservative in den USA haben aus der wissenschaftlichen Theorie einen politischen Kampfbegriff gemacht.

Von Carla Reveland, NDR

"Der Spiegel" bezeichnet die sogenannte Critical Race Theory als einen "Angriff auf die Werte des Westens", der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) schreibt von einem "Zangenangriff auf die Demokratie" und rechtspopulistische Medien wie die "Epoch Times" halten sie für "zerstörerisch".

Für Palmer gleicht die Critical Race Theory einem "Angriff aus der Mitte", welcher eine Gefahr für die Demokratie darstelle. In einem Facebookpost warnt er, dass Vertreter der Critical Race Theory nicht mehr mit "alten weißen Männern" debattierten, sondern sie "bekämpfen, beschämen und aus Machtpositionen entfernen" wollten. Weiter schreibt er, der "neue Antirassismus ist rassistisch, illiberal und antidemokratisch".

Was ist die Critical Race Theory?

Die Critical Race Theory ist ein interdisziplinärer Theorieansatz, welcher davon ausgeht, dass Rassismus keine Ausnahmeerscheinung, sondern ein strukturell verankerter Teil der gesellschaftlichen Ordnung ist. Die Theorie, welche ihren Ursprung in der US-amerikanischen Rechtswissenschaft der 1970er-Jahre hat, sieht Rassismus als historisch gewachsenes, gesamtgesellschaftliches Phänomen, welches Machtstrukturen ausdrückt und die Ungleichbehandlung von Menschen durch diskriminierende Rechtsnormen legitimiert.

Nicht nur explizit diskriminierende Handlungen sind demnach rassistisch. Rassismus sei auf einer viel grundlegenderen Ebene in der politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Ordnung verankert, so dass dies immer Auswirkungen auf die Handlungen eines Individuums habe - auch wenn dies nicht bewusst geschehe. Diskriminierung ist laut der Critical Race Theory also immer mehrschichtig. Dies zeigt sich beispielsweise darin, wer zu welchen Bewerbungsgesprächen eingeladen wird, wem welche Kredite zugebilligt werden oder eben auch wie die Polizei mit einem umgeht. Auch werden aufgrund des US-amerikanischen Wahlrechts ethnische Minderheiten beim Wählen überproportional häufig benachteiligt.

Diese Diskussionen über den strukturellen Rassismus im Land sowie die Auseinandersetzung der eigenen Geschichte im Hinblick auf die Sklaverei, hat die Black Lives Matter Bewegung in den USA nach dem Polizistenmord an George Floyd eingefordert.

Konservative bis rechte Netzwerke deuten die Critical Race Theory hingegen so, dass Menschen dafür bestraft würden, als Weiße geboren zu sein. Sie kritisieren den Ansatz der Theorie als rassistisch. Der texanische Senator Ted Cruz (Republikaner) beschreibt die Theorie als "genauso rassistisch wie die [Ku-Klux] Klan-Männer in weißen Laken".

Gezielte Agendasetzung

Ein zentraler Akteur ist dabei der konservative Aktivist und Journalist Christopher Rufo. Bei einem Auftritt in der Show "Tucker Carlson Tonight" auf "Fox News" im September 2020, beschreibt er, wie die Critical Race Theory die Regierung durch Diversity-Trainings infiltriere. Da die Critical Race Theory auf der "Kritischen Theorie" basiert, befürchtete Rufo, dass sich darüber marxistisches Gedankengut in den USA breit machen könnte und appellierte an das Weiße Haus die Lehre dieser Theorie unverzüglich zu verbieten.

Donald Trump, damaliger US-Präsident, twitterte den Auftritt Rufos und erließ bereits zwei Tage später ein Dekret, wonach in staatlichen Institutionen keine Diversity-Trainings mehr abgehalten werden dürfen, welche die USA als strukturell rassistische Nation bezeichnen.

Auch wenn Joe Biden das Dekret nach seinem Amtsantritt wieder rückgängig machte, war die Empörung über die Critical Race Theory damit in der Welt. So haben sich mittlerweile etliche Aktivistinnen und Aktivsten zusammen getan, um der Theorie den Kampf anzusagen. Konservative Politikerinnen und Politiker haben die Critical Race Theory mittlerweile als Unterrichtsinhalt in einigen Bundesstaaten wie z.B. Florida oder Idaho verboten. Dabei werde sie auch jetzt schon nicht an Schulen unterrichtet, wie der demokratische Senator Floridas, Shevrin Jones, der Faktencheck-Seite Politifact sagte.

"Negative Wahrnehmung verstärken"

Ähnlich wie zuvor die Begriffe "cancel culture" oder "political correctness" haben Konservative und Rechte in den USA mit dem Begriff der Critical Race Theory einen neuen Kampfbegriff auf den Plan gerufen. Aktivist Rufo schreibt auf Twitter: "Wir haben den Begriff 'Critical Race Theory' in die öffentliche Diskussion eingebracht und verstärken nun seine negative Wahrnehmung".

Das Ziel, so schreibt er weiter, sei "dass die Öffentlichkeit, sobald sie etwas Verrücktes in der Zeitung liest, sofort an die Critical Race Theory denken soll. Wir haben den Begriff dekodiert und werden ihn neu kodieren, um die gesamte Bandbreite kultureller Konstruktionen zu annektieren, die bei Amerikanern unbeliebt sind."

Tweet von Christopher Rufo

Chrisopher Rufo ist eine Schlüsselfigur in der Widerstandsbewegung gegen die Critical Race Theory.

Massenhaft gewarnt

Und bei der Umsetzung seines Zieles ist er nicht allein: Der Begriff der Critical Race Theory wurde laut dem Medienblog "Media Matters" allein bei Fox News in den letzten dreieinhalb Monaten 1300 Mal genannt.

Längst sind rechte Think-Tanks und Strategen der Republikaner dabei die Kontroverse zu einem zentralen Kampagnen-Element der Zwischenwahlen 2022 aufzubauen. So machen etwa der ehemalige Vize-Präsident Mike Pence oder Floridas Gouverneur Ron DeSantis Stimmung. DeSantis sagte bei einer Pressekonferenz im März, dass die Critical Race Theory nichts in den Klassenzimmern verloren hätte. Und weiter: "Kinder beizubringen sein Land und sich gegenseitig zu hassen, ist keinen einzigen Cent Steuergeld wert".

General weist Kritik zurück

Der amerikanische Journalist Chuck Todd kritisiert die Debatte. Er hält sie für eine "Kreation" von Medien und Republikanern und sagt: "Es ist eine falsche Kontroverse, die entfacht wird. Und ich denke, es erregt einfach Aufmerksamkeit. Es sorgt dafür, dass die Leute zuschauen oder die Leute klicken."

Auch der hochrangige General Mark Milley verteidigt die Critical Race Theory. Er spricht sich bei einer Anhörung für den Verteidigungshaushalt für das Unterrichten des Theorieansatzes an militärischen Universitäten aus. In dem viral gegangen Video sagt Milley: "Ich möchte weiße Wut verstehen - und ich bin weiß." Er wolle wissen und analysieren, warum Tausende von Menschen am 6. Januar das US-Kapitol stürmten und "versuchten, die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika umzustürzen". Er finde es beleidigend, dass das US-Militär beschuldigt wird "woke" zu sein, wenn es sich strukturellem Rassismus auseinander setze. Er habe auch Werke von Karl Marx oder Lenin gelesen - und sei deswegen kein Marxist. Es gehe darum, verschiedene Theorien zu verstehen.