Die Apps beliebter sozialer Netzwerke auf einem Smartphone-Bildschirm. | Bildquelle: picture alliance / empics

Studie zu Filterblasen Kleine Gruppe in großer Gefahr

Stand: 28.01.2020 14:41 Uhr

Wer sich aus wenigen Quellen informiert, läuft Gefahr, in eine Filterblase einseitiger Meinungen zu geraten. Laut einer Studie nutzen die meisten Menschen verschiedene Quellen - außer einer kleinen Gruppe.

Von Jenni Rieger, SWR

Wie sehr hängen die eigene Persönlichkeit und die genutzten Nachrichtenquellen zusammen? Gibt es Personengruppen, die eher Gefahr laufen, auf Falschmeldungen und polemische Propaganda hereinzufallen? Und wie kann man dieser Gefahr vorbeugen? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wurden in einer Studie der Universität Ulm 1681 Probanden gefragt, wie viele Nachrichtenquellen im Online- und Offlinebereich sie nutzen - so konnten Rückschlüsse auf Verbindungen zu Geschlecht, Alter, gar politischer Einstellung der Probanden gezogen werden.

Junge Menschen informieren sich online

Die Ulmer Forscher fanden heraus, dass viele Probanden sich hauptsächlich online informieren. Wählen sie dabei nur wenige Quellen aus, laufen sie Gefahr, nur noch das angezeigt zu bekommen, was laut Algorithmus ohnehin ihrer bereits bestehenden Meinung entspricht, erklärt Cornelia Sindermann, eine der Studienleiterinnen: "Bei Google-Anfragen oder im Newsfeed von sozialen Medien werden den Nutzern Informationen angezeigt, die ein Algorithmus für sie vorselektiert hat. Wir haben festgestellt, dass vor allem junge Menschen sich oft ausschließlich aus Newsfeeds der sozialen Medien informieren. Dort aber ist das Risiko, in eine so genannte Filterblase oder Echokammer zu geraten, sehr hoch." Widersprechende Meinungen, konträre Denkansätze, neue Weltbilder - all das bleibt dann verborgen.

Je weniger verschiedene Informationsquellen wir aufnehmen, desto einseitiger wird unsere Meinung gebildet. Wer beispielsweise nur die "taz" und die "Süddeutsche" liest, dürfte eher von linken Meinungen geprägt werden. Kommen noch die eher konservative "Welt" oder gar die rechte "Junge Freiheit" dazu, sieht die Sache schon anders aus. Was für analoge Zeitungen gilt, gilt natürlich ebenso im Netz.

Ein Stapel mit verschiedenen Tageszeitungen liegt auf einem Tisch | Bildquelle: dpa
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"Je weniger verschiedene Informationsquellen wir aufnehmen, desto einseitiger wird unsere Meinung gebildet."

Gefahr für die Demokratie

Zum Problem wird dies vor allem dann, wenn es um Themen aus Politik und Wissenschaft geht. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler der Universität Tübingen, hält Filterblasen in diesen Zusammenhängen gar für eine Gefahr für die Demokratie: "Wir brauchen die Reibung mit neuen Ideen und anderen Ansichten sowie die Auseinandersetzung mit der Agenda der Allgemeinheit." Das sei für die Debatte in einer Demokratie ungeheuer bedeutsam. "Die Vereinzelung der Perspektiven und der Rückzug in das eigene Wohlfühlmilieu einer persönlich-privaten Informationswirklichkeit ist eine Gefahr für das große Gespräch der Gesellschaft."

Diese Reibung sei aber nicht mehr gegeben, wenn wir uns beispielsweise in Echokammern bewegen, in Räumen wie Facebook, in denen ausschließlich und wiederholt Inhalte angeboten werden, die die Meinung des Nutzers unterstützen und verstärken.

Wenige Quellen, wenige Meinungen

Die Probanden der Ulmer Studie wurden durch einen Online-Fragebogen befragt, ob sie Nachrichten im Internet, im TV oder Radio, in Printprodukten oder über den Newsfeed sozialer Medien konsumieren und wie oft sie diese nutzen. Aus diesen Informationen konnten die Forscher drei Gruppen bilden: Zum einen Personen, die sich ausschließlich aus dem Newsfeed sozialer Medien informieren, zum zweiten Probanden, die dazu noch andere Online-Medien nutzen. Und schließlich eine Gruppe, die sich ausschließlich offline, also über TV, Radio und Printmedien informiert. Alle anderen, die also online wie offline interessiert sind, wurden im weiteren Verlauf der Studie nicht berücksichtigt, da davon ausgegangen wurde, dass diese sich relativ ausgewogen informierten.

Newsfeed als Nabelschnur zur Welt

Bei diesen drei Gruppen wurden dann Persönlichkeitsmerkmale wie Offenheit oder Gewissenhaftigkeit erhoben, ebenso wie das Ausmaß autoritärer Einstellung. Diese wurden mit der Anzahl der genutzten Nachrichtenquellen in Verbindung gebracht und ausgewertet. Das Ergebnis: "Die Newsfeed-Gruppe hat das größte Risiko, in einer Filterblase oder Echokammer gefangen zu werden. Die Mitglieder nutzen nur eine Art von Nachrichtenquelle, in der auch noch potentiell stark selektierte Informationen angeboten werden." Allerdings seien weniger als fünf Prozent der Befragten dieser ausschließlichen Newsfeed-Gruppe zuzurechnen.

Generell lässt sich aber feststellen: Je jünger die Probanden, desto weniger Quellen nutzen sie. Außerdem konsumieren Männer eine höhere Anzahl an Medien als Frauen. Je mehr Quellen eine Person nutzt, desto offener und weniger autoritär scheint sie eingestellt zu sein.

Schließlich kommen die Forscher der Universität Ulm zu der Erkenntnis, dass vor allem Nicht- und AfD-Wähler Gefahr laufen, in Filterblasen und Echokammern gefangen zu werden. "Wir haben die übliche Sonntagsfrage gestellt: Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre? Bei der Auswertung haben wir dann festgestellt, dass diejenigen Probanden, die angegeben hatten, gar nicht zu wählen, die geringste Anzahl an Nachrichtenquellen konsumierten, dicht gefolgt von AfD-Wählern", erklärt Sindermann. Die meisten Quellen nutzen demnach Wähler von Grünen und Linkspartei.

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