Die 31-jährigen Kapitänin Carola Rackete | Bildquelle: REUTERS

"Sea-Watch" Falschmeldungen und Drohungen im Netz

Stand: 05.07.2019 16:52 Uhr

"Sea-Watch"-Kapitänin Rackete ist nach ihrer Freilassung an einen "sicheren Ort" gebracht worden. Vermeintliche "Wahrheiten" über sie verbreiten sich im Netz rasant - inklusive Beschimpfungen und Drohungen.

Von Konstantin Kumpfmüller, tagesschau.de

Nach ihrer Freilassung am Mittwoch ist die Kapitänin der "Sea-Watch 3", Carola Rackete, an einen sicheren Ort gebracht worden. Das teilte die Hilfsorganisation "Sea-Watch" mit und gab als Grund dafür Drohungen gegen sie an.

In sozialen Medien und rechten Blogs kursieren schon seit Tagen Falschmeldungen und Beschimpfungen gegen sie. Gegen die Aussagen von Italiens Innenminister Matteo Salvini will Rackete nun Klage wegen Verleumdung einreichen.

Virale Posts und Videos

Vor allem ein Beitrag bei Facebook, der verspricht die "Wahrheit über Carola Rackete" zu verraten, verbreitet sich rasant. Innerhalb nur eines Tages wurde er mehr als 8000 Mal geteilt. Das gleichnamige YouTube-Video erreichte in der gleichen Zeit mehr als 150.000 Aufrufe.

Unter den mehr als 2500 Kommentaren dazu finden sich zahlreiche Beleidigungen und Drohungen gegen die Kapitänin. Darin wird Rackete teilweise derb beschimpft. Ihr werden das Erleben sexueller Gewalt und mehrfach auch der Tod gewünscht. Es wird gedroht, dass sie "bezahlen" müsse.

Vorwurf der Erpressung

Ein immer wieder erhobener Vorwurf gegen Rackete lautet: Sie habe den italienischen Staat erpresst, indem sie die Situation bewusst habe eskalieren lassen - schließlich hätte sie auch einen Hafen in Libyen oder Tunesien anfahren können.

Dass das tatsächlich nahe gelegene Libyen nicht als der im Seerecht vorgesehene "sichere Ort" betrachtet werden kann, wird dabei verschwiegen - ebenso wie Sicherheitslage in libyschen Flüchtlingslagern. Erst am Dienstag hatten zwei Luftangriffe das Flüchtlingslager in Tadschura im Osten der Hauptstadt Tripolis getroffen. Mindestens 53 Menschen seien dabei getötet, etwa 130 weitere verletzt worden.

Auch Tunesien kam für die Seenotretter nicht in Frage. Dort hätten den Geretteten Menschenrechtsverletzungen gedroht, so die Seenotretter. Eine Einschätzung, die auch die sizilianische Untersuchungsrichterin Alessandra Vella teilt und den Hausarrest gegen Rackete aufhob. Ihr Entschluss, den Hafen von Lampedusa als nächsten sicheren Ort anzulaufen, sei notwendig gewesen. Rackete habe nur ihre Pflicht erfüllt, Leben zu retten.

Beruf des Vaters

In zahlreichen Posts gehts es auch um Racketes Vater. Er sei ein ehemaliger Militär und derzeit Berater eines Rüstungsunternehmens. Die Aussage, dass er für ein Rüstungsunternehmen arbeite, kursiert schon länger im Netz und ist laut eines Faktenchecks von "Correctiv" wahr.

Ekkehart Rackete arbeitet demnach bei einem Unternehmen, das nach eigenen Angaben ballistische Schutzssysteme, zum Beispiel Panzerungen für militärische und zivile Anwendungen, herstellt.

Der Beruf ihres Vaters wird dazu benutzt, die Kapitänin als besonders wohlhabend darzustellen, um ihr Handeln so zu diskreditieren. Andernorts wird auch behauptet, Racketes Vater würde "Sea-Watch" maßgeblich mitfinanzieren. Belege dafür gibt es keine.

Drohungen gegen italienische Richterin

Wie italienische Medien berichteten, wird mittlerweile auch die Richterin Vella massiv beschimpft. In sozialen Medien wurde ihr mit Mord gedroht. Wegen einer Flut an Hasspostings sah Vella sich gezwungen, ihr Facebookprofil zu löschen.

Innenminister Salvini hatte die Entscheidung der Richterin, den Hausarrest gegen die Kapitänin der Sea-Watch 3 aufzuheben, zuvor als "skandalös" kritisiert.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. Juli 2019 um 17:00 Uhr.

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