Facebook Logo an Wand | Bildquelle: picture alliance/dpa

Falschmeldungen zu Corona Sieben Millionen Beiträge gelöscht

Stand: 10.09.2020 06:00 Uhr

Die Flut der Desinformation zu Corona überschwemmt das Netz: Allein Facebook hat innerhalb von drei Monaten sieben Millionen Beiträge gelöscht. Doch viele irreführende Inhalte sind weiterhin online - obwohl sie widerlegt wurden.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Facebook bleibt ein Hotspot für Falschmeldungen: Von April bis Juni hat das Unternehmen "Falschmeldung-Warnungen" zu rund 98 Millionen Beiträgen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie angezeigt. Wie viele Hinweise es im deutschsprachigen Raum gab, könne man nicht nennen, teilte Facebook auf Anfrage des ARD-faktenfinder mit.

Zudem gab das Unternehmen auf Nachfrage die Auskunft, von April bis Juni 2020 seien mehr als sieben Millionen Beiträge auf Facebook und Instagram in Zusammenhang mit dem Coronavirus gelöscht worden, die gesundheitliche Schäden hätten verursachen können. Darunter fielen etwa gesundheitsgefährdende Behauptungen wie "der Konsum von Bleichmitteln heilt das Virus", so eine Sprecherin.

"Entfernen, Reduzieren, Informieren"

Um die Wirkung von Falschmeldungen einzudämmen, erweitert Facebook die Zusammenarbeit mit Faktencheckern: So wird auch AFP Partner in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Nachrichtenagentur baut derzeit eine deutschsprachige Redaktion zum Prüfen von Fakten auf, international ist AFP auf diesem Feld schon länger tätig und ist einer von rund 70 Partnern von Facebook. In Deutschland kooperiert Facebook bislang mit der dpa und Correctiv.

Die Kooperationen seien ein Schwerpunkt bei der Strategie "Entfernen, Reduzieren, Informieren" zur Bekämpfung von Falschmeldungen, teilte Facebook mit. Sobald ein Beitrag von einem Faktenprüfer als falsch eingestuft werde, werde der Post mit einem entsprechenden Label gekennzeichnet und seine Reichweite eingeschränkt, heißt es. "Zudem zeigen wir den Menschen verlässliche Informationen zu dem Thema an. So können sie selbst besser entscheiden, ob eine Quelle oder eine Nachricht als vertrauenswürdig erachtet werden kann. Personen, die diese Inhalte bereits geteilt haben oder dies beabsichtigen benachrichtigen wir und machen sie darauf aufmerksam, dass sie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft worden sind."

Viele Falschmeldungen ohne Hinweis

Doch dieses System funktioniert nur teilweise. Viele Falschmeldungen stehen weiterhin auf Facebook - ohne jeglichen Hinweis, auch wenn diese bereits von den Faktencheck-Partnern widerlegt und markiert wurden. So kursiert weiterhin ein Bild der Kanzlerin. Darauf ist Angela Merkel mit verschiedenen Ministerinnen und Ministern zu sehen - ohne Mundschutz und Abstand. Damit soll bewiesen werden, dass sich die Regierung selbst nicht an die Hygienemaßnahmen halte. Tatsächlich stammt das Bild aus dem März, als es diese Maßnahmen noch gar nicht gab.

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Dieser Beitrag wurde mit einem Warnhinweis versehen.

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Auf anderen Seiten fehlt ein solcher Hinweis.

Diesen irreführenden Inhalt thematisierte Correctiv - und tatsächlich wurden entsprechende Beiträge bei Facebook markiert sowie mit dem Hinweis auf den Faktencheck versehen. Doch zahlreiche weitere identische oder ähnliche Beiträge sind weiterhin online, werden tausendfach verbreitet. Ein entsprechendes Posting ist bislang fast 24.000 mal geteilt worden.

Panikmache vor Impfungen

Ein weiteres Beispiel sind Behauptungen, in Österreich seien Impfungen für Kinder geplant mit einem Nasenspray, das gentechnisch veränderte Bestandteile enthalte. Die Rede ist davon, es seien Zellen von Affen und Hunden darin. Auch diese Behauptungen prüfte Correctiv und stellte fest, dass sie falsch sind. Dennoch wird solche widerlegte Behauptungen immer wieder auf Facebook geteilt, beispielsweise in Gruppen wie "Corona Rebellen" oder "Ich sage NEIN zu Impfpflicht".

Auch die Behauptung, es habe in Deutschland mehrere Wochen lang keine einzige nachgewiesene Sars-Cov-2-Infektion gegeben, wird im Milieu der Corona-Leugner auf Facebook weiterhin verbreitet - obwohl diese irreführende Interpretation einer RKI-Statistik ebenfalls längst widerlegt ist.

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Tausende Male werden irreführende Inhalte weiterhin geteilt - obwohl sie bereits widerlegt und markiert wurden.

Politiker ausgenommen

Der Datenanalyst Philip Kreißel untersuchte, wie oft solche Falschmeldungen geteilt wurden, wie hoch der Anteil der markierten Beiträge ist und wie viele weiterhin ohne Hinweis auf Facebook kursieren. Demnach wurden je nach Thema zwischen zehn und 85 Prozent der Falschmeldungen nicht als problematisch markiert, obwohl dazu Faktenchecks vorliegen und an anderer Stelle bei identischen oder sehr ähnlichen Beiträgen bereits verlinkt sind.

Komplett ausgenommen von den Prüfungen sind in Deutschland Inhalte von Politikern. Das bestätigte Facebook auf Anfrage. Zur Begründung sagte eine Sprecherin, man möchte "nicht in die politische Diskussion eingreifen". Allerdings können auch Falschmeldungen, die Politiker auf Facebook unter die Leute bringen, die politische Debatte beeinflussen.

So verbreitet die AfD auf Facebook die Behauptung, in den USA seien lediglich sechs Prozent der ausgewiesenen Corona-Toten tatsächlich an Covid-19 gestorben. Diese These ist allerdings mehrfach widerlegt - unter anderem von der dpa und Correctiv. Der ARD-faktenfinder berichtete über diese Behauptung, als sie sogar von US-Präsident Trump verbreitet wurde. In Deutschland wurden Beiträge der AfD-Bundestagsfraktion, von AfD-Abgeordneten und weiteren Seiten der Partei mit dieser Behauptung mehr als 5000 mal auf Facebook geteilt. Ein Hinweis auf die diversen Faktenchecks fehlt.

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Diese Interpretation der Zahlen hält Prüfungen nicht stand.Facebook will aber keine Faktenchecks anzeigen, um die politische Debatte nicht zu beeinflussen.

Trump-Video gelöscht

Facebook wird also als Distributionsplattform für irreführende Inhalte genutzt - will aber nicht in politische Diskussionen eingreifen. Auf diesen Standpunkt hatte sich das Unternehmen in den USA ebenfalls lange zurückgezogen, mittlerweile löschte Facebook aber beispielsweise einen Beitrag von US-Präsident Trump, weil dieser ein Video geteilt hatte, in dem es fälschlicherweise hieß, Kinder seien immun gegen Corona.

Seit Monaten verbreiten sich massenhaft Desinformation, Gerüchte und Falschmeldungen über das Coronavirus und die Maßnahmen gegen die Pandemie. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte vor einer Infodemie, die fatale Folgen haben kann. Einer Studie zufolge führten Gerüchte über angebliche Heilmittel gegen Covid-19 bereits zu Erkrankungen sowie Todesfällen.

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