Der Facebook-Schriftzug an einer Wand. | Bildquelle: AP

Kampf gegen Desinformation Schwere Vorwürfe gegen Facebook

Stand: 16.09.2020 11:49 Uhr

Erneut steht Facebook in der Kritik, weil der Konzern zu zögerlich gegen Desinformation vorgehe. Eine ehemalige Facebook-Analystin berichtet, koordinierte Kampagnen seien auf der Plattform geduldet worden.

Eine Ex-Mitarbeiterin von Facebook hat schwere Vorwürfe erhoben: Das Unternehmen habe bei der Bekämpfung von politischer Manipulation versagt, erklärte die Daten-Spezialistin Sophie Zhang in einem Papier, das sie an ihrem letzten Tag bei Facebook schrieb und das von "BuzzFeed" in Teilen veröffentlicht wurde. Zhang war diesen Monat von dem US-Unternehmen gefeuert worden. "BuzzFeed" zitiert einen ehemaligen Facebook-Mitarbeiter, der Zhang als absolute Expertin bei der Analyse von Desinformation bezeichnete.

Ihren Angaben zufolge ignorierte Facebook zahlreiche Fake-Accounts, mit denen Wahlen oder politische Vorgänge in verschiedenen Staaten beeinflusst werden sollten. Sie habe "mehrere unverhohlene Versuche ausländischer Regierungen gefunden, unsere Plattform in großem Maßstab zu missbrauchen, um ihre eigene Bevölkerung in die Irre zu führen", schrieb Zhang.

Reagierte Facebook, dann nur zögerlich: So ging Facebook laut Zhang erst nach neun Monaten gegen eine irreführende Kampagne des honduranischen Präsidenten Juan Orlando Hernández vor. In ihrem Memo spricht die Ex-Mitarbeiterin zudem versuchte Wahlbeeinflussung in den USA und Brasilien an. In Aserbaidschan entdeckte Zhang, dass die regierende politische Partei Tausende nicht authentischer Profile verwendete, um die Opposition zu schikanieren. Facebook begann ein Jahr, nachdem Zhang darüber berichtet hatte, das Problem zu untersuchen. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.

Manipulationsversuche zur Pandemie

Auch rund um die Pandemie entdeckte Zhang nach eigenen Angaben zahlreiche Manipulationsversuche: In Spanien sollen Fake-Profile Beiträge der Facebook-Seite des Gesundheitsministeriums massenhaft geteilt haben. In der Folge wurden 672.000 gefälschte Konten entfernt, die "weltweit ähnliche Ziele verfolgen", auch in den USA.

Zhang unterstellt Facebook keine bösen Absichten, sondern sie habe während ihrer zweieinhalbjährigen Tätigkeit im Unternehmen beobachtet, dass die Versäumnisse auf fehlende Ressourcen zurückzuführen seien. Bei den Maßnahmen gegen Desinformation würden die USA und Europa Priorität genießen, schrieb Zhang, während kleinere Staaten kaum eine Rolle spielten. Zudem reagiere das Unternehmen zumeist erst, wenn es öffentliche Kritik gebe, um das eigene Image zu verbessern.

Viele widerlegte Fakes nicht markiert

Facebook betont immer wieder, man habe die Anstrengungen im Kampf gegen Desinformation und Manipulation verstärkt. So seien unter anderem spezialisierte Teams gebildet worden, die "mit führenden Experten" zusammenarbeiteten.

Recherchen zeigen jedoch immer wieder, dass Facebook trotz der Bemühungen ein Hotspot für Falschmeldungen, Gerüchte sowie Hassinhalte bleibt. Durch die Zusammenarbeit mit unabhängigen Faktencheckern werden zwar gezielte Falschmeldungen widerlegt und markiert, dennoch bleiben oft identische Inhalte ohne jeden Hinweis auf der Plattform.

Miliz organisierte sich via Facebook

Anfang September musste Facebook-Chef Mark Zuckerberg einräumen, dass das Unternehmen zu spät auf Hinweise auf eine paramilitärische Gruppe in den USA reagiert hatte. Zuckerberg sprach von einem "operativen Fehler". In dem Fall ging es um eine Gruppe, die dazu aufgerufen hatte, in Kenosha zu den Waffen zu greifen. Facebook entfernte die Seite erst, nachdem zwei Menschen bei Protesten in der Stadt erschossen worden waren. Laut Medienberichten hatten Hunderte Nutzer zuvor den Aufruf bei Facebook gemeldet, was Zuckerberg auch bestätigte.

Der Fall hatte die Diskussion über Facebooks Maßnahmen gegen Manipulationsversuche rund um die US-Wahlen weiter angeheizt. Fachleute kritisieren, die Regelungen Facebooks kaum die Flut von Desinformationen eindämmen dürfte. Sie warnten vor möglichen Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung und Verwirrung über die Ergebnisse.

Zuckerberg kündigte an, dass Facebook in der Woche vor den US-Wahlen am 3. November keine neuen politischen Anzeigen mehr annehmen werde. Expertinnen und Experten werteten diesen Schritt als Eingeständnis, dass Facebook in den letzten Tagen vor der Abstimmung nicht in der Lage sei, irreführende Inhalte rechtzeitig zu identifizieren und darauf zu reagieren.

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