Eine Schülerin einer 4. Klasse hebt im Unterricht an der Grundschule Russee in Kiel die Hand. | dpa
faktenfinder

Corona-Pandemie Droht eine "Durchseuchung" bei Kindern?

Stand: 31.08.2021 11:20 Uhr

Viele Fachleute und Eltern warnen vor einer "Durchseuchung" bei Kindern. Schon jetzt sind die Inzidenzen in der Altersklasse teilweise extrem hoch. Doch wie groß ist das Risiko von schweren Verläufen?

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder, und Andrej Reisin, NDR

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) warnt vor einer Corona-"Durchseuchung" in den Schulen. "Statt Infektionen hinzunehmen oder zu verharmlosen, müssen bei stärkerem Infektionsgeschehen unter Kindern und Jugendlichen auch mehr Schutzmaßnahmen ergriffen werden", sagt VBE-Chef Udo Beckmann dem RND.

Patrick Gensing tagesschau.de
Andrej Reisin

"Wir laufen auf eine Durchseuchung bei unter Zwölfjährigen hinaus, weil in vielen Ländern die Politik die Inzidenz aufgeben wird beziehungsweise schon aufgegeben hat, ohne adäquat Alternativen für die unter Zwölfjährigen zur Verfügung zu stellen", warnt der Virologe Martin Stürmer im ARD-Interview.

Vergleich schwierig

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, rechnet Zahlen aus den USA zur Hospitalisierung von Kindern und Jugendlichen hoch: "Wenn man das überträgt auf die Schülerzahl in Deutschland, also etwa elf Millionen, dann könnte das bis zu 200.000 Schüler im Worst Case betreffen."

Allerdings lassen sich Zahlen aus den USA nicht einfach auf Deutschland übertragen. So sind Faktoren wie die Impfquote, Vorsichtsmaßnahmen, Struktur der Bevölkerung sowie die Qualität der Gesundheitsversorgung mitentscheidend dafür, wie viele schwere Verläufe es gibt.

Großbritannien: keine steigende Zahl schwerer Verläufe

Aufschlussreicher könnte der Vergleich mit dem Vereinigten Königreich sein: Zum einen ist die Bevölkerungsstruktur mit der deutschen eher vergleichbar, zum anderen hatte das Land schon ab Mai mit steigenden Infektionszahlen aufgrund der Delta-Variante und den Lockerungen der Maßnahmen zu tun. Im Juli lag die Sieben-Tage-Inzidenz dort bei knapp 700 - fast 44 Mal so hoch wie in Deutschland. Durch die mit Deutschland vergleichbare Impfquote blieb die Anzahl der Patienten, die intensivmedizinische Versorgung benötigten, aber relativ stabil und erreichte mit knapp 1000 nicht ansatzweise die Spitzenwerte (mehr als 4000) der vorherigen Wellen.

Auch die Anzahl schwerer Verläufe bei Kindern ist trotz der sehr hohen Inzidenzen vergleichsweise gering - und mit den Werten der vorangegangen Wellen anderer Varianten nahezu identisch: So wurden in der Kalenderwoche 33 etwa 3,5 auf 100.000 Kinder unter fünf Jahren wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt.

Vierte Welle trifft Jüngere und Ungeimpfte

In Deutschland verweist das RKI auf Anfrage des ARD-faktenfinder zum Risiko von schweren Verläufen auf die Ständige Impfkommission, die feststellte: "Covid19 ist in der Regel bei Kindern und Jugendlichen keine schwere Erkrankung. Die Mehrzahl der SARS-CoV-2-Infektionen verläuft asymptomatisch oder mit milden Symptomen; Todesfälle bei Kindern und Jugendlichen ohne Vorerkrankungen sind eine absolute Seltenheit."

Doch wenn die Infektionszahlen stark steigen, können sich auch sehr seltene Fälle zu einer größeren Summe addieren. Und in einigen Städten und Regionen, vor allem in NRW, liegt die Inzidenz bei Kindern bereits extrem hoch - obwohl der Herbst noch nicht einmal begonnen hat. Das RKI betonte vergangene Woche, die vierte Welle betreffe vor allem Ungeimpfte und Jüngere.

Zahl der Hospitalisierungen wächst

Kinder sind zwar in Relation zu Erwachsenen weiterhin sehr selten von schweren Verläufen betroffen, doch die Zahl der Hospitalisierungen wächst. Nach Angaben des RKI waren in der Kalenderwoche 33 bundesweit 54 infizierte Kinder unter zehn Jahren hospitalisiert. Zum Vergleich: In der gleichen Kalenderwoche des Vorjahres waren es elf - und das, obwohl es noch gar keine Impfungen gab, die bei Erwachsenen und über Zwölfjährigen die Verbreitung des Virus bremsen und so auch Ungeimpfte schützen konnten.

Dr. Robin Kobbe, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, betont auf Anfrage des ARD-faktenfinder, bislang gebe es nur wenige Studien zu den speziellen Auswirkungen der Delta-Variante bei Kindern und Jugendlichen. Es gebe aber "keinen Grund anzunehmen, dass die deutlich höhere Übertragbarkeit nicht auch in jüngeren Altersgruppen bedeutsam ist", so Kobbe. Daher sei bei steigenden Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen davon auszugehen, dass "auch mehr Kinder so krank werden, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen".

"Situation regional genau beobachten"

Berit Lange vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung sagte im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder, welche Auswirkungen die Delta-Variante in Hinblick auf Hospitalisierung für Kinder habe, sei noch nicht abschließend beantwortet. Studien legten nahe, dass das Risiko für schwere Verläufe bei allen Altersklassen etwa 1,5 bis zwei mal höher sei als bei früheren Varianten. Allerdings seien die Unsicherheiten bei Kindern besonders groß, weil es nur wenige Fälle gebe, so dass unklar ist, ob dies auch für Kinder gelte. Gut verstanden sei, dass die Delta-Variante auch im Vergleich zur alpha Variante noch einmal übertragbarer ist,  was für den weiteren Verlauf der Epidemie bei den Kindern relevanter wäre. 

Lange erklärt, dass ganz kleine Kinder generell nach einer SARS-CoV-2 Infektion häufiger ins Krankenhaus müssten als Fünf- bis Neunjährige. Allerdings, so Lange weiter, handele es sich auch bei Krankenhauseinweisungen von Kindern nur bei einem kleinen Anteil um sehr schwere oder langwierige Verläufe. Dennoch müsse man vor allem regional die Situation genau beobachten - so wie jetzt in NRW, denn neben der Vermeidung von schweren Infektionen und Komplikationen bei den Kindern gehe es auch um die Vermeidung von hohen Belastungen im pädiatrischen Gesundheitswesen.

Andere Viren im Blick behalten

Dabei, so betont die Forscherin, sei nicht nur Covid19 relevant, sondern auch andere Viren, die jetzt zurückkämen und gerade bei den Jüngsten und einer Erstinfektion schwere Atemwegserkrankungen auslösen können. Von daher dürfe man im Hinblick auf den Herbst nicht nur auf Covid19 schauen, sondern beispielsweise auch auf Respiratorische Synzytial-Virus-Infektionen (RS-Viren) und müsste die Belegung und die Kapazität auch des pädiatrischen Gesundheitssystems regional und überregional gut im Blick haben.

Zahlen aus Großbritannien zeigen ebenfalls, dass RS-Viren dort durchaus ernstgenommen werden müssen: Dort wurden in der Kalenderwoche 33 im Zusammenhang mit schweren Atemwegserkrankungen durch RS-Viren mehr als 21 Hospitalisierungen auf 100.000 Kinder registriert. In der Vorwoche hatte der Wert sogar über 30 gelegen - und damit ein Vielfaches höher als bei Corona. Bei den Fünf- bis 14-Jährigen dreht sich das Verhältnis auf sehr niedrigem Niveau um: Hier mussten 1,26 auf 100.000 Kinder wegen Covid-19 stationär behandelt werden - und 0,31 wegen RSV.

"Infektionen vermeiden"

Helmholtz-Forscherin Lange meint, es sei ein Balanceakt, Kitas und Schulen offen zu halten, aber die Infektionen nicht einfach durchlaufen zu lassen, weil beispielsweise Kinder mit Risikofaktoren unter zwölf Jahren bisher nicht geimpft werden können. Auch deswegen sei die Vermeidung von Infektionen weiterhin wichtig. Generell müsste es das Ziel sein, eine hohe Zahl von schweren Verläufen, Komplikationen und Krankenhauseinweisungen zu vermeiden. Und diese Zahl korreliere eben mit den Fallzahlen.

Auch UKE-Facharzt Kobbe meint, die Vermeidung von weiteren Infektionen sei "aus epidemiologischer und infektiologischer Sicht sinnvoll und sollte weiterhin mit den entsprechenden hygienischen Maßnahmen verfolgt werden - insbesondere auch in Bevölkerungsgruppen, die nicht geimpft werden können".

Kinder- und Jugendärzte: keine Hinweise auf schwerere Verläufe

Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), sagte dem ARD-faktenfinder, "weder nach den Daten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), noch aus den RKI-Daten lässt sich ein dramatischer Anstieg der stationären Behandlungen und damit indirekt der schweren Krankheitsverläufe erkennen". Zwar sei zu erwarten, dass die erkannten Infektionen durch die ansteckendere Delta-Variante zunähmen, aber die allermeisten dieser Infektionen verliefen leicht oder asymptomatisch. Zudem gebe es eine hohe Rate an Kindern, die bereits eine unbemerkte Covid-Infektion gehabt - und damit eine gewisse Immunität erworben hätten.

Rodeck verwies ebenfalls darauf, im Gesamtbild von Atemwegserkrankungen bei Kindern andere Erreger nicht zu vernachlässigen: So seien auch in Deutschland für die Jahreszeit untypisch viele Infektionen mit RS-Viren zu beobachten, die DGPI/DGKJ habe deshalb bereits eine Empfehlung herausgegeben, Kinder mit entsprechenden Risiken mit hoher Priorität gegen diese Viren zu impfen.

Insgesamt gebe es in Deutschland im Hinblick auf die Gefährlichkeit von Covid-19 für Kinder eine Schieflage in der Diskussion: "Jede schwere Infektion eines Kindes bereitet uns natürlich große Sorge und ist für die Kinder und ihre Eltern dramatisch", so Rodeck, "aber vom klinischen Gesamtbild her ist Covid-19 bzgl. der primären Krankheitslast für Kinder keine besonders bedrohliche Infektion, sondern durchaus mit Grippe und anderen Atemwegserkrankungen vergleichbar. Es wurden in der letzten Woche nach den Daten des DGPI-Registers in ganz Deutschland zehn Kinder mit Covid-19 stationär aufgenommen, viele davon auch nicht wegen COVID-19, sondern nur mit. Das ist kein dramatischer Wert."

Gleichwohl bleibe der Infektionsschutz wichtig, insbesondere die Kultusministerkonferenz sei "gut beraten", die unter anderem von der DGKJ mit ausgearbeiteten Leitlinien an Schulen "zügig und konsequent" umzusetzen.

Konzepte zum Schutz als Lösung?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte dem ARD-Hauptstadtstudio, "gerade deswegen braucht es Testkonzepte, Hygienekonzepte, Lüftungskonzepte für die Kitas, für die Schulen".

Doch genau bei diesen Konzepten und Schutzmaßnahmen gibt es erneut große Unterschiede zwischen den Bundesländern sowie massive Versäumnisse. So variieren die Quarantäne-Regeln deutlich - und die Anschaffung von Luftfiltern wurde lange Zeit als unnötig abgetan, da man ja lüften könne. Zuständigkeiten und Verantwortung wurden hin- und hergeschoben. Mittlerweile können die Hersteller solcher Geräte die Nachfrage nicht mehr bedienen, Bestellungen werden daher teilweise noch viele Monate dauern.

Über dieses Thema berichtete der WDR am 30. August 2021 um 18:45 Uhr in der Sendung "Aktuelle Stunde".